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Aktienmärkte : Die Tücken der Volatilitätswetten

Das Auf und Ab der Kurse hat den Nachbrenner eingeschaltet. Bild: dpa

Wetten auf niedrige Kursschwankungen waren seit Jahren en vogue. Am Montag erreichte die Volatilität jedoch Rekordniveau. Das hat Rückwirkungen.

          Wie man es dreht und wendet, der aktuelle Kursrückgang an den Aktienmärkten kommt doch ein wenig überraschend. Grund ist, dass ihm der letztlich eindeutig zu bestimmende Auslöser zu fehlen scheint. Und so tun sich Experten mit Erklärungen schwer.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Es ist oft der Fall, dass nach sehr schnellen Gewinnen ebenso schnelle Umkehrungen auftreten – häufig sogar ohne offensichtlichen Auslöser“, sagt etwa Steven Andrew, Fondsmanager bei M&G Investments. Man habe seit einiger Zeit erwartet, dass im Zuge steigender Zinsen einstellt, die Volatilität erhöhen könnte. Das scheine wohl zumindest vordergründig die Ursache zu sein. Dass sich europäische Anleihen erholt haben, obwohl sich die Märkte vermeintlich um weltweit steigende Zinsen sorgten, erscheine nicht ganz stimmig.

          Wenn aktuelle Auslöser fehlen, scheint es oft angebracht, auf Derivatemärkte zu schauen. Das gilt umso mehr, als sich ja die Möglichkeiten, auskömmliche Renditen zu erzielen, in den vergangenen Jahren reduziert haben. Derivate locken, um damit die Wertentwicklung etwas aufzuwerten.

          Das Tückische an diesen Strategien ist, wenn sie von Investoren genutzt werden, die in normalen Zeiten eigentlich keine Derivate-Anleger sind. Sie tendieren dazu, Derivate wie herkömmliche Vermögenswerte zu behandeln und deren Hebelwirkungen zu unterschätzen.

          Run auf Wetten auf niedrige Volatilität

          Eine beliebte Strategie im Rahmen der selbstgenügsam vor sich hin treibenden Aktienmärkte war es, auf die aktuelle niedrige, vor allem kurzfristige Volatilität, zu setzen. Low-Vola-ETFs etwa waren gefragt. Der Powershares DWA Momentum & Low Volatility Rotation Portfolio war mit einem Zuwachs von 40 Prozent allein in der letzten Januarwoche der beliebteste ETF in den Vereinigten Staaten überhaupt. Während jedoch diese ETFs in Aktien mit niedriger Volatilität investieren, kamen immer mehr Anleger auf die Idee, direkt in die niedrige Volatilität zu investieren, sei es über Optionen oder Zertifikate sowie ETFs auf Optionen..

          Das Volumen der Terminkontrakte und Optionen auf den Volatilitätsindex VIX stieg schon nach der Finanzkrise deutlich an, legte aber seit Frühjahr 2016 sprunghaft zu. Rund 630.000 Kontrakte waren an der Börse Chicago zuletzt offen. 2014 waren es durchschnittlich etwa 400.000, sieben Jahre davor 50.000.

          Hohe Verluste in unruhigen Zeiten

          Das Geschäft beruht darauf, Optionen zur Absicherung gegen eine erhöhte Volatilität zu verkaufen. Daraus fließen stetige, geringe Gewinne, solange die Volatilität gering ist. Steigt sie jedoch wie am Freitag an oder schnellt gar explosionsartig nach oben wie am Montag, so verteuern sich die Kontrakte sprunghaft.

          So fielen etwa die Kurse eines Zertifikats um 84, der eines ETFs um 79 Prozent. Beide Produkte waren in den Jahren davor, als der VIX bis auf ein Tief von wenig über 9 sank, hervorragend gelaufen. Auf der anderen Seite haben die Absicherungen gegen eine höher Volatilität damit funktioniert und das getan, was sie hatten tun sollen.

          Der Anstieg von 116 Prozent am Montag ist mit Abstand der größte in der 28jährigen Geschichte des VIX. Übertroffen wird dies nur noch vom Anstieg des Volatilitätsindex‘ für den S&P-100-Index, den VXO am berüchtigten Schwarzen Montag des Jahres 1987, als der VXO um mehr als 300 Prozent von weniger als 40 auf 150,19 stieg.

          Die Verluste der Optionenverkäufer wirkten sich naturgemäß wieder am Aktienmarkt aus, da auch diese ihre Geschäfte hier absichern. das wiederum hat Rückwirkungen auf die Volatilität.  Dies scheint sich am Dienstag weiter fortzusetzen. Der S&P-500, auf den sich der VIX bezieht, eröffnete 2 Prozent im Minus, stieg dann 1,2 Prozent ins Plus und liegt aktuell wieder ein Prozent im Minus. Gleichzeitig klettert die Volatilität weiter. War der VIX  zunächst deutlich bis auf 22,42 zurückgegangen, so liegt sie aktuell mit 45,69 mehr als 20 Prozent über dem schon sehr hohen Vortagesniveau.

          Es könnte also etwas dauern, bis sich die Märkte wieder zurecht geruckelt haben. Auffällig ist auch, dass sechs von zehn der höchsten Tagesanstiege des VIX' in die vergangenen zweieinhalb Jahre fallen. Auch das könnte mit dem gestiegenen Volumen der Volatilitätswetten zusammenhängen.

          Es stelle sich die Frage, ob der Anstieg der Volatilität von Short-Optionen ausgeräumt werde oder ob es zu weiteren Käufen von Volatilität komme, um implizite Short-Volatilitätspositionen unter den Anlegern abzudecken, sagt Francois Rimeu, Leiter der Abteilung „Cross Asset und Total Return“ bei der Fondsgesellschaft La Française.

          Die Entwicklung des VIX' sei extremer als an allen anderen großen Märkten gewesen, in denen kurzfristige, auf VIX-Futures basierende Investmentprodukte neu gewichtet wurden. Das derzeitige Niveau  impliziere, dass sich der S&P täglich um fast 2 Prozent verändern sollte. Die reale Volatilität von 18 Prozent im laufenden Jahr sei aber  nicht annähernd hoch genug, um das zu rechtfertigen. Dennoch schließt Rimeu nicht aus, dass systematische Strategien zu weiteren Mittelabflüssen beitragen.

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