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Aktienkurse nach der Wahl : Ist die Kanzlerin im Dax schon eingepreist?

  • -Aktualisiert am

Merkel in Siegerpose: Ein ziemlich wahrscheinliches Bild. Bild: Reuters

Am Sonntagabend haben wir Gewissheit darüber, was heute schon sehr wahrscheinlich erscheint: Die alte Kanzlerin wird die Neue. Was wird der Dax daraus machen?

          Am späten Sonntagabend werden wir es geschafft haben: Die Wahlen sind gelaufen, Sieger und Verlierer bestimmt und die Fernsehprogramme wieder weniger talkshowlastig. Auch so mancher Politiker dürfte sich freuen, nicht noch länger wilde Versprechungen für den Fall seiner Wahl machen zu müssen, sondern entweder erst gar nicht in die Pflicht genommen zu werden oder sich danach wieder in guter alter Manier hinter Sachzwängen und Koalitionskompromissen verstecken zu können.

          Nach Lage der Dinge wird die alte Kanzlerin auch die neue sein: Im Austausch für ein paar Prozentpunkte weniger dürfte sie ein paar Koalitionsmöglichkeiten mehr erhalten als beim letzten Mal. Für Deutschland muss das gewiss kein Fehler sein: In jeder anderen Konstellation wären wohl die ganz Linken auf der Regierungsbank.

          Was wird der Dax daraus machen?

          Wenn politische Börsen wirklich kurze Beine haben, dann ist eigentlich schon die Frage irrelevant – jede Antwort auch. Denn dann sollte unser heimischer Leitindex für einen Moment auf das Wahlergebnis – wie auch immer – reagieren und danach wieder zur Tagesordnung übergehen. Aber so einfach ist das mit den politischen Börsen in meinen Augen nicht. Jeweils ein gutes Beispiel dafür sind die jüngsten Wahlen des amerikanischen und französischen Präsidenten. Am Montag danach herrschte in Frankreich für eine Momentan Jubelstimmung – und danach war es mit der guten Laune erst einmal vorbei. Ganz anders in den Vereinigten Staaten – und wie immer man dazu stehen mag:

          An der Wall Street startete am Tag danach eine Rallye, die bis zum heutigen Tag anhält. Die politische Börse in Frankreich währte ein paar Stunden, die von Dow Jones und Konsorten wenigstens 10 Monate. Der Unterschied: Die Wahl von Macron war absehbar gewesen. Der CAC40 und die anderen europäischen Börsen hatten seine Wahl in den Wochen zuvor eingepreist. Danach war die Luft raus. Anders in den Vereinigten Staaten: Die Wahl von Herrn Trump mit seinem Programm war alles andere als absehbar gewesen und deshalb hatten die Börsen etwas nachzuholen.

          Ich gebe zu, dass diese Betrachtungsweise ein wenig eindimensional sein könnte. Aber sie ist auf jeden Fall gut anwendbar auf die vor uns liegende Bundestagswahl. Alles andere als die Wiederwahl von Frau Merkel – durch welche Koalition auch immer – käme, gemessen an den letzten Umfragen, einem Erdbeben gleich. Deshalb steckt höchstwahrscheinlich Frau Merkel auch schon in den Kursen drin. Die Vermutung, dass der Dax deshalb in Kürze wieder zur Tagesordnung übergehen wird, liegt nahe.

          Sollte es anders kommen, dann würden wir wahrscheinlich eine Art Trump-Effekt erleben – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Im erwarteten Fall hätte die Reaktion des Dax also kurze, in jedem anderen Fall sehr lange Beine. Rein technisch betrachtet hat sich die Verfassung des Dax im Laufe der letzten Wochen verbessert. Diese Entwicklung ist analytisch deshalb besonders interessant, weil sie im nicht unbedingt für seine Liebe für Aktionäre bekannten Septembers geschah. Rein statistisch betrachtet verbesserte in den vergangenen 40 Jahren ein guter September die Perspektiven für das anstehenden vierte Quartal noch etwas.

          Bild: F.A.Z.

          Die Verfassung des Dax ist aber auch noch nicht richtig rund. Das unmittelbare Potential scheint derzeit weitestgehend ausgeschöpft zu sein. Mehr als ein kleiner Freudenhüpfer in der Nachwahlwoche ist unwahrscheinlich. Nach dem aktuellen Stand meiner Einschätzung sollte deshalb nach einem erneuten Durchhänger im Oktober der Boden für einen weiteren Anstieg bereitet sein. Wohin genau dieser den Dax dann führen wird, steht noch ein wenig in den Sternen. Vermutlich werden wir es eher nicht mit einer Riesenrallye zu tun bekommen. Aber auch die von Oktober bis Dezember durchschnittlich üblichen drei bis fünf Prozent wären ein schönes Weihnachtsgeschenk.

          Was macht der Euro?

          Kurzer Blick auf den Euro: Irgendwo zwischen 1,20 Dollar und 1,22 Dollar beißt er auf Granit. Es ist weiterhin höchst unwahrscheinlich, dass der dieses Niveau schon in den nächsten Wochen überwinden wird. Vielmehr ist mit einer ausgedehnte Konsolidierung unterhalb dieser Zone zu rechnen. Allerdings ist es genau so unwahrscheinlich, dass er dauerhaft unter dieser mächtigen Barriere hängen bleiben wird. 1,30 Dollar bleiben für mich langfristig eine gute Orientierung.

          Weil man als technischer Analyst dazu neigt, zu allem, was einen Chart hat, auch eine Prognose zu machen, eine kurzer Blick auf die Umfragecharts. Sie deuten darauf hin, dass die CDU schlechter abschneiden wird als dies die aktuellen Umfragewerte vermuten lassen, SPD und FDP dürften hingegen eher über ihrem aktuellen „Kurs“ liegen und die Grünen etwa dort landen, wo sie momentan vermutet werden. Diese Abweichungen dürften zwar kein revolutionäres Ausmaß erreichen – aber die Nachwahlarithmetik könnte sich deshalb etwas anders darstellen, als dies derzeit erwartet wird.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

          Quelle: F.A.Z.

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