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Trittbrettfahrer : Einmal Blockchain-Eistee, bitte!

Hatte bis vor kurzem wenig mit Blockchain am Hut: Der Eistee von "Long Blockchain Corp." Bild: F.A.Z.-Bild Archiv

Mittlerweile verkauft sich alles, was irgendwie mit der Blockchain zu tun haben soll. Das nutzen findige Unternehmen aus, indem sie das Wort in ihre Namen einbauen. Die Aktienkurse steigen rasant.

          Der Boom rund um Digitalwährungen wie Bitcoin treibt merkwürdige Blüten: Als ob nicht die ständigen Kursanstiege und die folgenden Stürze schon aufregend genug wären, springen nun auch schon erste Unternehmen auf den Zug auf. Da nur wenige Leute verstehen, was die Blockchain eigentlich genau ist oder was sich hinter Bitcoin verbirgt, sind allerdings viele Trittbrettfahrer unterwegs. Nicht alles, auf dem Bitcoin oder Blockchain steht, hängt tatsächlich mit den Technologien zusammen.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jüngst erregte besonders ein Unternehmen Aufsehen: Die „Long Blockchain Corporation“, ein Unternehmen, das im amerikanischen Bundesstaat New York seinen Sitz hat. Die Marktkapitalisierung beträgt rund 50 Millionen Dollar – so weit, so normal. Doch schaut man sich die Unternehmensgeschichte an, wird man mit dem Augenreiben nicht mehr fertig: Denn bei genauerem Hinsehen hat das Unternehmen noch rein gar nichts mit Blockchain zutun. Die „Long Blockchain Corporation“ hieß nämlich noch vor kurzem „Long Island Iced Tea Corporation“ und machte seit dem Jahr 2011 genau das: Eistee auf Long Island herstellen, einer Halbinsel im Bundesstaat New York. Der Strategieschwenk ist noch äußerst vage: Man glaube daran, dass die Blockchain die Möglichkeit habe, ganze Märkte zu revolutionieren. Daran wolle man teilhaben. Weitere Details sind noch offen, da man in einem frühen Stadium sei. Denkbar seien Partnerschaften mit anderen Unternehmen, aber auch Zukäufe und Investitionen in Konzerne, die unter anderem Infrastruktur im Finanzbereich anbieten. Verträge in diese Richtung habe man aber noch nicht.

          Auch ein deutsches Unternehmen dabei

          An der Börse führte das jedenfalls zu einem kleinen Hype. Der Aktienkurs stieg nach der Umbenennung steil an: Von 2 Dollar je Papier stieg der Kurs an nur einem Tag auf fast 9 Dollar, also ein Kursplus von 450 Prozent. Damit war ein Unternehmen, das nur eine Idee hatte – die keinesfalls neu war – auf einmal fast 100 Millionen Dollar wert. Nachdem sich aber die Hintergründe rumsprachen, sackte der Kurs schnell wieder ab, auf nur noch rund 5 Dollar. Aber selbst das ist ein Plus von 250 Prozent, das Unternehmen immer noch mit 50 Millionen Dollar bewertet.

          Mittlerweile hat „Long Blockchain Corporation“ nach eigenen Angaben zumindest einen Wall-Street-Veteranen und einen Entwickler mit Erfahrung in der Blockchain-Technologie angeheuert. Es ist aber längst nicht das einzige Beispiel dieser Art in den vergangenen Wochen. Das Fintech Longfin, welches am 14. Dezember an die Börse ging, startete mit einem moderaten Preis von 5 Dollar je Aktie. Nachdem bekanntwurde, dass es mit Ziddu ein Unternehmen gekauft hat, das auch mit Blockchain zutun hat, stieg der Kurs auf 126 Dollar – innerhalb von drei Handelstagen. Damit war das Unternehmen rund 11 Milliarden Dollar wert. Nach dem Hype fiel der Kurs zwar wieder auf 55 Dollar, aber selbst das ist ein Kursgewinn von 1100 Prozent.

          Die amerikanische Börsenaufsicht „United States Securities and Exchange Commission“ (SEC) geht mittlerweile auch gegen solche Umtriebe vor. Die Papiere der „Crypto Company“ wurden vom Handel ausgesetzt, nachdem sie angekündigt hatte, einen Kryptowährungen-Handelsraum einzurichten. Der Kurs stieg daraufhin um 17.000 Prozent, allerdings wandte die SEC ein, dass man sich nicht sicher sei, ob die zur Verfügung gestellten Informationen akkurat seien.

          Solche Fälle gibt es allerdings nicht nur in Amerika. In England hat das britische Internetunternehmen On-Line sich in On-Line Blockchain umbenannt – der Kurs sprang um 400 Prozent. Und auch in Deutschland gab es jüngst ein Beispiel: Nachdem das Brokerunternehmen Fritz Nols Ende Dezember angekündigt hatte, in das strategische Geschäftsfeld Kryptowährungen einzusteigen, verdoppelte sich der Kurs der Aktie fast von etwa 60 Cent auf bis zu 1,15 Euro und notiert nun auf rund 85 Cent. Die Blockchain-Manie hat die ganze Welt erfasst.

          Quelle: F.A.Z.

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