Die Europäische Zentralbank hat das Flehen der Auguren erhöht und am Donnerstag erstmals seit über einem Jahr den Leitzins gesenkt. Sie hat sich dabei gleich zu einem großen Zinsschritt von 50 Basispunkten entschieden. Damit liegt der wichtigste Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld bei 2,75 Prozent statt wie bisher bei 3,25 Prozent.
Am Aktienmarkt fiel die Reaktion auf die Entscheidung aber relativ moderat aus. So legte der Dax zunächst unmittelbar nach anfänglichen Kursgewinnen um weitere 35 Punkte zu, bis zum Handelsende konnte er diesen Aufschlag aber nicht mehr verteidigen. Im Gefolge der schwachen Wall Street verlor der Index 2,89 Prozent auf 5.224,74 Zähler.
Neu aufgeflammte Sorgen über einen Irakkrieg, die mögliche Pleite von United Airlines und die relativ schwache Entwicklung im Einzelhandel ließen die Investoren wieder unsicher werden. Der Dow Jones liegt im späten Handel mit einem Minus von 1,18 Prozent bei 8.632 Zählern.
Zinsschritt war erwartet worden
Am Devisenmarkt fällt die Reaktion lethargisch aus, denn die Notierungen bewegen sich bisher nicht nennenswert. Der Euro pendelt im Nachklang der EZB-Entscheidung um die Parität.
Am deutlichsten reagierte noch der Rentenmarkt. Hier zeigte sich der Bund-Future zunächst mit einem Anstieg von neun Basispunkten auf 111,67 Prozent marginal höher nach dem Zinsentscheid, nach einem „Taucher“ auf ein Minus von 27 Basispunkten auf 111,31 Prozent lag er zum Handelsende wieder 24 Punkte stärker bei 111,81 Prozent.
Die grundsätzlich verhaltene Reaktion kam deshalb nicht wirklich überraschend, weil sich die Märkte im Vorfeld nach entsprechenden Hinweisen aus Kreisen der EZB bereits auf eine Zinssenkung eingestellt hatten. Zuletzt war die Mehrheit der Beobachter sogar schon von einem großen Zinsschritt ausgegangen. Der Dax hatte die Zinssenkung in den vergangenen Wochen mit klaren Kursgewinnen auch schon vorweg genommen. Zumindest begründeten Händler in den vergangenen Tagen einen Teil der Kursgewinne mit der Zinsfantasie.
Kursreaktion in den kommenden Tagen abwarten
An der Reaktion der kommenden Tage wird sich ablesen lassen, ob der Markt auch nach dem jetzt vorliegenden Zinsentscheid die Kraft für weitere Avancen haben wird. Optimisten erhoffen sich vor allem für die Bankwerte Rückenwind. Denn wenn sich wie angenommen die Zinskurve versteilern sollte, also die kurzfristigen Zinsen deutlich tiefer liegen als die langfristigen Zinsen, dann sollte dies laut Lehrbuch wie eine Subventionierung für die Banken wirken. Denn sie sind dann in der Lage, Geld günstig aufzunehmen und zu höheren Konditionen langfristig anzulegen.
Aber auch wenn die Zinssenkung natürlich zu begrüßen ist, sollten die Anleger bedenken, dass es sich dabei vermutlich mehr um einen psychologischen Akt zur Aufbesserung der Stimmung handelt, als dass er wirklich realwirtschaftliche Folgen nach sich zieht. Denn die Zinsen sind praktisch weltweit schon so niedrig, dass sie eigentlich nicht als Hemmnis für ein stärkeres Wirtschaftswachstum wirken können. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass die Zinssenkung ihren Teil dazu beiträgt, dass die Rally am Aktienmarkt zumindest bis Jahresende anhält.
Märkte haben alle Optionen in beide Richtungen
Auch, was die weiteren Kurseffekte auf den Euro angeht, zeigen sich die Experten noch zwiegespalten. Es sei noch nicht eindeutig zu sagen, ob der Markt nach dem Schulbuch vorgehe und den abnehmenden Zinsvorsprung gegenüber den USA als Belastung für den Euro werte oder man sich stattdessen auf die konjunkturstabilisierende Wirkung der Zinssenkung konzentriere, was stützend für den Euro wirken würde.
Und mit Blick auf den Rentenmarkt heißt es, hier hänge einiges davon ab, wie schnell neue Zinssenkungsfantasie an den Markt zurückkehre. Sollten die nächsten Konjunkturdaten für Euroland schlecht ausfallen, könnte diese Fantasie schneller wieder aufkeimen als es der EZB vermutlich lieb ist, so das Urteil. In der Zwischenzeit stellen sich Marktteilnehmer wie in den vergangenen Wochen auf eine anhaltende Seitwärtsbewegung bei den Renditen ein.
