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Finanzmärkte : Hedgefonds-Legende Robertson warnt vor Blase

Eingang zur New York Stock Exchange Bild: AP

Trotz steigender Aktienkurse wächst an der Wall Street die Unsicherheit. Das könnte kurioserweise ein wichtiger Grund für ein Anhalten der Hausse sein.

          An der Wall Street wird die Debatte um eine spekulative Blase lauter. Der Dow-Jones-Index hat am Donnerstag zum dritten Mal hintereinander die Börsensitzung mit einem neuen Höchststand beendet. In diesem Jahr war es bereits Rekord Nummer 38. Die beiden anderen wichtigen Aktienmarktbarometer, der S&P 500 und der technologielastige Nasdaq Composité gaben am Donnerstag zwar etwas nach, befinden sich aber ebenfalls auf Rekordniveau. Am Freitag tendierten die Indizes im frühen Handel nahezu unverändert.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Investoren stellen sich angesichts der seit März 2009 anhaltenden Hausse – der zweitlängsten der Börsengeschichte – immer öfter die Frage, wie lange der Aufwärtstrend noch anhalten kann. Die Optimisten argumentieren, dass der konjunkturelle Aufschwung und das robuste Wachstum der Unternehmensgewinne die Hausse weiter antreiben wird. Andere Marktteilnehmer beginnen angesichts der Dauer der Hausse aber nervös zu werden, da Aktienkurse nicht immer nur stetig nach oben zeigen. „Das Risiko existiert“, gab Tom Stringfellow zu bedenken, der die Anlagen des Vermögensverwalters Frost Investments verwaltet. Anlässe für Rückschläge könnten eine stärker als erwartet ausgefallene Erhöhung der Leitzinsen oder „geopolitische Vorfälle“ bieten. Nach Einschätzung von Investoren am Terminmarkt ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Leitzinsanhebung durch die Notenbank Fed vor dem Jahresende gegenüber der Vorwoche um 23 Prozentpunkte auf 55 Prozent gestiegen. Der Grund: Die amerikanischen Verbraucherpreise waren im August im Vergleich zum Juli um 0,4 Prozent gestiegen. Es handelte sich um den stärksten Anstieg dieser Inflationsrate seit Januar. Die Fed hat die Leitzinsen in diesem Jahr bereits zweimal angehoben. Notenbanker haben signalisiert, dass möglicherweise bei der Sitzung im Dezember eine weitere Leitzinserhöhung vereinbart wird, solange es Anzeichen für höhere Inflation und einen robusten Arbeitsmarkt gebe. Steigende Zinsen sind in der Regel Gift für Aktien, weil es Anlegern renditestärkere Alternativen bietet. Ein bekannter Hedgefonds-Manager fürchtet allerdings, dass die als Reaktion auf die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 extrem stark gesenkten und immer noch sehr niedrigen Zinsen zu einer spekulativen Blase führen könnten. „Die Zinsen müssen steigen, weil wir eine Blase schaffen“, sagte Julian Robertson, Gründer des legendären Hedgefonds Tiger Management, auf einer Konferenz in New York. „Der Markt ist insgesamt im historischen Vergleich ziemlich hoch bewertet“, sagte Robertson. „Ich glaube, das liegt daran, dass die Zinsen so niedrig sind. Es gibt keine ernsthaften Alternativen für die Geldanlage außer Kunst und Immobilien.“ Der amerikanische Leitzins, die sogenannte Fed Funds Rate, bewegt sich aktuell in einer Spanne von 1 Prozent bis 1,25 Prozent. Der 85 Jahre alte Robertson ist bekannt dafür, dass er die im Jahr 2000 geplatzte spekulative Blase der Internet- und Technologieaktien der späten neunziger Jahre korrekt prognostiziert hatte. Obwohl Robertson den Aktienmarkt insgesamt als hoch bewertet bezeichnete, hält er die Technologiewerte wie Apple, Facebook oder Google aber für vergleichsweise günstig. Er bezeichnete die Online-Dienst Netflix als „schrecklich verlockend“, weil das Unternehmen gut geführt sei. „Gibt es jemanden, der Netflix nicht liebt? Das ist so, als ob man den Weihnachtsmann hassen würde.“

          Die großen Technologiewerte haben die Hausse allerdings angeführt. Die Aktienkurse der im S&P 500 abgebildeten Technologietitel sind in diesem Jahr um insgesamt 25 Prozent gestiegen – mehr als doppelt so stark wie der Gesamtmarkt. Unter den von Robertson genannten Titeln stechen Facebook und Netflix mit Kursgewinnen von jeweils fast 50 Prozent allein seit Januar heraus.

          Die Angst vor einer spekulativen Blase ist angesichts der schweren Kursverluste Anfang der 2000er Jahre und im Jahr 2008 nicht neu. „Die Frage ,Wann platzt die Blase?‘ höre ich schon seit 2012“, sagt Brian Jacobsen, der bei der Fondssparte der Bank Wells Fargo für die Anlagestrategie zuständig ist. Diese latente Furcht ist ein großer Unterschied zu der Euphorie gerade von Privatanlegern, die für Endphasen von Haussen typisch ist. Ende der neunziger Jahre drückten sich Bauarbeiter in New York in der Mittagspause die Nasen an den Schaufenstern der elektronischen Börse Nasdaq platt und diskutierten die Aussichten für Unternehmen wie den Softwarekonzern Microsoft. Investmentfonds für Privatanleger, die in amerikanische Aktien investierten, verbuchten damals Monat um Monat Zuflüsse.

          Davon ist die Fondsbranche weit entfernt. Investoren haben nach Angaben des Branchenverbandes Investment Company Institute (ICI) in den ersten sieben Monaten des Jahres mehr als 100 Milliarden Dollar aus amerikanischen Aktienfonds abgezogen. Der negative Trend hielt auch in den Wochen danach an. Leichte Zuflüsse verbuchten Fonds, die international in Aktien investieren. Die meisten Gelder amerikanischer Privatanleger flossen von Januar bis Ende Juli aber in amerikanische Rentenfonds. Die Neuzuflüsse beliefen sich nach Angaben des ICI netto auf mehr als 156 Milliarden Dollar.

          Käufer amerikanischer Aktien sind die Unternehmen selbst, und auch ausländische Anleger haben in den Markt investiert. „Investoren sind nicht selbstgefällig“, merkten Strategen der Investmentbank Goldman Sachs in einem Marktbericht an. Neben dem anhaltenden Wachstum der amerikanischen Wirtschaft ist das einer der Gründe, warum eine scharfe Kurskorrektur amerikanischer Aktien in naher Zukunft unwahrscheinlich sei.

          Quelle: F.A.Z.

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