Home
http://www.faz.net/-gv6-6m5jk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Finanzmärkte Flucht in die Sicherheit

 ·  Die schlechten Konjunkturzahlen treiben die Anleger in Staatsanleihen. Aus Aktien steigen sie aus. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Vor dem politischen Drama um die Anhebung der Schuldengrenze in den Vereinigten Staaten flüchten die Anleger in die Sicherheit amerikanischer Staatsanleihen. Mit diesem paradoxen Ergebnis endete die Woche an der Wall Street. Die Rendite auf Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren, die mit steigender Nachfrage fällt, rutschte auf 2,804 Prozent. So tief lag sie zuletzt im November 2010. Zu dem Renditeverfall trug auch bei, dass mit den drastisch revidierten Wachstumsdaten die Konjunkturaussichten sich am Freitag schlagartig eintrübten. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft nach europäischer Rechnung real nur um rund 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal, im ersten Quartal stagnierte das Wachstum nahezu mit einem Zuwachs von rund 0,1 Prozent. Die Aussichten für eine Erholung von der Konjunkturdelle im zweiten Halbjahr haben sich spürbar verschlechtert. Der Zinsabstand zwischen den Anleihen mit zehn und zwei Jahren Laufzeit fiel auf 2,43 Prozent, so niedrig lag er zuletzt Anfang Dezember.

Im Gegensatz zu den langfristigen Staatsanleihen erlebten die Aktienmärkte ihre schlechteste Woche seit gut einem Jahr. Im Wochenverlauf verloren der Dow-Jones-Index 4,2 Prozent und der S&P-500-Index 3,9 Prozent. Der Goldpreis erreichte das Rekordhoch von 1632,80 Dollar je Feinunze. Der Vix-Index, der als Maß für die Unsicherheit gilt, stieg in der Woche um 40 Prozent. Nach Tagen der Anspannung schlägt die Nervosität an der Wall Street nun verstärkt durch, ob die Parteien in Washington sich rechtzeitig vor dem Stichtag 2. August auf eine Anhebung der Schuldengrenze werden einigen können. Am Sonntag dauerten die Verhandlungen an. Analysten erwarteten weitere Abschläge an den Aktienmärkten, sollte ein Kompromiss nicht vor Eröffnung der asiatischen Finanzmärkte in der Nacht zum Montag gefunden werden.

International drückt die Unsicherheit die Renditen in „sicheren Häfen“ wie Deutschland und der Schweiz nach unten. Die Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit rentierte am Wochenschluss nur noch mit 2,53 Prozent. Der Anstieg der Anleiherenditen in den Krisenstaaten wie Griechenland, Spanien und Italien verdeutlichte dagegen, dass auch die europäische Schuldenkrise noch nicht ausgestanden ist. Spaniens Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit beendeten die Woche mit einer Rendite von mehr als 6 Prozent. Die Ratingagentur Moody’s prüft die Herabstufung der Aa2-Bonitätsnote.

In den Vereinigten Staaten treiben die Sorgen über einen möglichen Zahlungsausfall die Anleger zunehmend in die Sicherheit kurzfristig abrufbaren Geldes. Am kurzen Laufzeitende steigen die Zinsen, weil die Investoren die Unsicherheit der kurzfristigen Schuldversprechen der Regierung meiden. Auch Geldmarktfonds, die rund 2,7 Billionen Dollar Anlagevermögen halten, haben in der vergangen Woche mit steigendem Tempo Kapitalabflüsse erlebt. Risikoscheue Investoren zogen netto rund 9 Milliarden Dollar am Tag ab. Ein großer Teil davon wechselte auf die Einlagenkonten bei den Banken, die durch die föderale Einlagenversicherung FDIC abgesichert sind. Auch die Geldmarktfonds selbst und Unternehmen suchen diese Sicherheit. Eine Klausel in der Finanzmarktreform garantiert noch bis Jahresende 2012 den in der Höhe unbegrenzten Schutz dieser unverzinsten Einlagen. Die Flucht raus aus den Geldmarktfonds in die Liquidität erinnert an die Ereignisse im Herbst 2008 kurz nach dem Lehman-Zusammenbruch und verdeutlicht die Risiken eines Zahlungsausfalls. Die kurzfristige Finanzierung von Unternehmen würde austrocknen. Schon jetzt steigt der Preis für die mit Staatsanleihen abgesicherte Geldleihe. Analysten verweisen indes darauf, dass die Unternehmen weit weniger als noch 2008 von dieser kurzfristigen Liquidität abhängig sind.

Das amerikanische Finanzministerium hatte am Freitag vorerst darauf verzichtet, seinen Notfallplan zu veröffentlichen. Es informierte aber die 20 großen Banken, die direkt an den Anleiheauktionen teilnehmen, über seine Erwägungen. Aus dem vertraulichen Gespräch in New York wurde bekannt, dass das Ministerium die Aufnahme neuer Schuldtitel verschieben will, sollten die Verhandlungen über die Anhebung der Schuldengrenze nicht rechtzeitig zu einem Ergebnis führen. Analog reagierte die Regierung schon im November 1995, als der republikanisch beherrschte Kongress und der demokratische Präsident Bill Clinton gleichfalls um eine Verringerung des Defizits und eine Anhebung der Schuldengrenze stritten. Die ursprünglich für nächste Woche geplante große vierteljährliche Refinanzierung könnte im Notfall aufgeschoben und durch die Ausgabe von Papieren mit sehr kurzer Laufzeit ersetzt werden, hieß es. Im Mai hatte das Treasury dabei 72 Milliarden Dollar Anleihen verkauft. Andere Optionen, die das Ministerium erwägt, sind ein geringeres Ausgabevolumen oder eine Lösung, bei der die Anleihen unter der Bedingung auktioniert werden, dass sie erst später verkauft werden. Ohne Erhöhung der Schuldengrenze kann das Ministerium nach eigenen Angaben vom Dienstag an auslaufende Staatsschuld zwar noch durch neue Anleihen ersetzen. Es hat aber keinen Spielraum mehr für eine Netto-Kreditaufnahme. An diesem Montag sollen wie geplant 51 Milliarden Dollar Kurzläufer über drei und sechs Monate versteigert werden.

In der Diskussion, ob die Vereinigten Staaten ihren guten Ruf als Schuldner verlieren könnten, selbst wenn ein Zahlungsausfall vermieden wird, gab Moody’s am Freitag eine leichte Entwarnung. Die Ratingagentur erwartet, dass es die Bestnote beibehalten werde, obwohl sich nur „begrenzte“ Anstrengungen zur Haushaltssanierung abzeichneten. Moody’s geht fordernd davon aus, dass die Regierung den Zinsdienst um jeden Preis aufrechterhält und bis zu einer endgültigen Einigung notfalls andere Auszahlungen drastisch kürzen werde. Die erste große Zinszahlung steht am 15. August mit 31 Milliarden Dollar an. Der Kummer für die Bundesregierung und die Sorgen für die Kapitalmärkte wären damit aber noch nicht vorbei. Die Ratingagentur wird ein solches positives Urteil wahrscheinlich mit einem negativen Ausblick versehen. Analysten wie etwa von der Deka-Bank erwarten, dass mindestens eine der drei großen Ratingagenturen Amerika die Bestnote entziehen wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen

Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

Jüngste Beiträge

Finanzmärkte aktuell
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --
Wertpapiersuche