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Finanzkrise Angst vor der globalen Rezession

09.11.2008 ·  Die Finanzkrise hat die reale Wirtschaft voll erfasst. Der Internationale Währungsfonds hat der Weltwirtschaft eine Rezession vorhergesagt. Zwar senken die Notenbanken ihre Zinsen drastisch. Doch die Aktienkurse geben nach.

Von Benedikt Fehr
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Der gewählte amerikanische Präsident Barack Obama übernimmt die Führung in denkbar schwieriger Zeit. Nur zwei Tage nach Obamas Wahlsieg hat der Internationale Währungsfonds (IWF) der Weltwirtschaft eine Rezession vorhergesagt. Aufgrund einer ähnlich düsteren Konjunktureinschätzung haben mehrere Notenbanken ihren Leitzins kräftig gesenkt. Die Finanzmärkte erwarten weitere Zinssenkungen - und hoffen, dass die Regierungen zudem große Konjunkturprogramme auflegen.

Nach der Prognose des IWF wird die Wirtschaftsleistung der Industrieländer im kommenden Jahr um 0,3 Prozent schrumpfen - das wäre der erste Rückgang seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, was die Dramatik der Entwicklung unterstreicht. Aufgrund ihrer starken Exportlastigkeit sagt der IWF der deutschen Wirtschaft sogar eine Schrumpfung von 0,8 Prozent voraus, dem Euro-Raum insgesamt ein Minus von 0,5 Prozent. Auch die amerikanische Wirtschaft - das Zentrum der Krise - soll demnach nur um 0,7 Prozent sinken. Für die Weltwirtschaft insgesamt hat der IWF seine Wachstumsprognose von 3,0 auf 2,2 Prozent gesenkt; nach der Definition des Fonds, die das Bevölkerungswachstum einbezieht, bedeuten Wachstumsraten unter 3 Prozent eine Rezession.

IWF fordert Konjunkturprogrammen - vor allem in Deutschland

Nach IWF-Angaben sind in diesen Prognosen mögliche stimulierende Effekte der Geld- und Fiskalpolitik nicht berücksichtigt. Der Fonds appellierte an die Politiker, solche Programme aufzulegen. Die diesbezüglichen Hoffnungen richten sich nicht zuletzt auf Deutschland, das größte Euro-Land, zumal hierzulande das staatliche Defizit aufgrund des Bestrebens um einen ausgeglichenen Etat vergleichsweise niedrig ist und deshalb der Spielraum für zusätzliche staatliche Ausgaben vergleichsweise hoch erscheint.

Die Bundesregierung hat am Mittwoch mehrere Maßnahmen beschlossen, deren Gesamtvolumen auf 12 Milliarden Euro veranschlagt wird. Das entspricht 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), verteilt über zwei Jahre. Nennenswerte Impulse für die Inlandsnachfrage sind davon nicht zu erwarten, allerdings dürften die „automatischen Stabilisatoren“, die bei einem Abschwung ohne Regierungsbeschlüsse einsetzen, für zusätzlichen Schub sorgen.

Britisches Pfund auf Rekordtief

Obama hat seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Wahl genutzt, um für weitere Konjunkturprogramme zu werben. Nach Einschätzung von Ökonomen könnte die Regierung dazu in den nächsten Monaten bis zu 300 Milliarden Dollar in die Hand nehmen; das entspräche gut 2 Prozent des amerikanischen BIP. Das Budgetdefizit könnte dadurch im laufenden Haushaltsjahr auf eine Billion Dollar anschwellen, rund 7 Prozent des BIP. Manche Anleihestrategen rechnen deshalb für 2009 mit steigenden Zinsen für amerikanische Staatsanleihen.

Die großen Notenbanken haben auf den Konjunkturabschwung mit drastischen Zinssenkungen reagiert. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins am Donnerstag zum zweiten Mal innerhalb eines Monats um 50 Basispunkte gesenkt, auf nun 3,25 Prozent. Die Bank of England senkte sogar um 1,5 auf nun 3 Prozent - ein Schritt, der an den Märkten teils als angemessene Reaktion auf die Krise, teils aber auch als „panisch“ und damit verunsichernd aufgenommen wurde. Der britische Leitzins liegt damit zum ersten Mal seit der Einführung des Euro unter dem Leitzins des Euro-Raums. Das Pfund ist daraufhin zum Euro auf ein Rekordtief gefallen.

Trichet: Banken sollen sich wieder Kredite gewähren

Von beiden Zentralbanken werden schon bald weitere Zinssenkungen erwartet, jeweils bis auf rund 2 Prozent. Auch die amerikanische Notenbank Fed wird den von ihr angestrebten Zielzins für Fed Funds von aktuell 1,0 Prozent nach Einschätzung des Marktes Mitte Dezember weiter auf 0,5 Prozent ermäßigen. In den vergangenen zwei Wochen lagen die Zinssätze für Fed Funds - abgesehen von Freitag - freilich stets bereits deutlich niedriger und betrugen an einigen Tagen nur 0,125 Prozent.

Die amerikanische Geldpolitik sei damit zu einer Art „quantitative easing“ übergegangen, kommentiert die Deutsche Bank, also zu einer Politik, bei der den Banken mehr Liquidität zur Verfügung gestellt wird, als sie für Mindestreserve und Abwicklung des Zahlungsverkehrs benötigen - in der Erwartung, dass sie diese überschüssigen, fast kostenlosen Mittel zur Vergabe von Krediten nutzen. Ähnlich äußerte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der Pressekonferenz am Donnerstag unmissverständlich die Erwartung, dass die Banken „ihrer Verantwortung gerecht werden“ und die von der EZB bereitgestellte Liquidität nutzen, sich gegenseitig wieder Kredite zu gewähren.

Rohstoffkonzerne die großen Verlierer

Das Misstrauen der Banken untereinander dauert freilich fort, nicht von ungefähr. Denn die Hiobsbotschaften aus dem In- und Ausland lassen weitere Kreditausfälle befürchten; das untergräbt das Vertrauen. Als Menetekel gilt, das Island praktisch pleite ist. Jedenfalls ergab in der vergangenen Woche eine Auktion zur Ermittlung der Zahlungspflichten aus Kreditversicherungen auf Schulden der drei verstaatlichten isländischen Großbanken, dass die Versicherer zwischen 93,34 und 98,75 Prozent auf einen Nominalwert von 100 leisten müssen. Netto - nach Aufrechnung aller gegenläufigen Geschäfte - werden die Versicherer rund 7 Milliarden Dollar zahlen müssen; Kreditversicherungen auf Lehman-Verbindlichkeiten hatten die Versicherer „nur“ 5,2 Milliarden Dollar gekostet.

An den Aktienmärkten ist die kleine Rallye, die dem Wahltag wie üblich vorausging, jäh abgebrochen. Konjunktursorgen und Gewinnmitnahmen drückten die Kurse am Mittwoch und Donnerstag wieder ins Minus, im Wochenvergleich verlor der Dax knapp ein Prozent, der DowJones-Index 4 Prozent. Auch der Fall des Ölpreises unter die Marke von 60 Dollar je Barrel (159 Liter) - der tiefste Stand seit dem Frühjahr 2007 - stimulierte nicht recht, da Rohstoffkonzerne, hinter den Autoherstellern, zu den größten Verlierern zählten. In der kommenden Woche stehen die amerikanischen Einzelhandelsumsätze im Oktober im Mittelpunkt, die am Freitag veröffentlicht werden. Die Prognose für dieses wichtige Barometer für die Weltkonjunktur lautet auf minus 1,2 Prozent gegenüber September.

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