04.05.2006 · Ein amerikanisches Finanz-Blog entlarvt die Selbstbedienungsmentalität von Managern - die nur in den Fußnoten der Bilanzen versteckt wird. „Impertinente“ Fragen danach dürften im kommenden Jahr noch häufiger gestellt werden.
Heinz Pfannschmidt hat am Ende seiner Karriere beim krisengeschüttelten amerikanischen Automobilzulieferer Visteon für unfreiwilliges Aufsehen gesorgt. Der 58 Jahre alte Deutsche, dem Visteon Ende März seinen Vertrag als Europa- und Lateinamerika-Chef kündigte, wird in Amerika als Beispiel für Selbstbedienung und übertriebene Sonderzulagen bei Spitzenmanagern herumgereicht. Der Grund: Visteon hatte im Bericht für die im Mai anstehende Hauptversammlung veröffentlicht, daß für Pfannschmidt im vergangenen Jahr Autoleasing-Kosten in Höhe von 50.820 Dollar angefallen sind. Das entspricht 4.235 Dollar im Monat.
Daß die in einer Fußnote versteckte Nachricht ein Medienecho fand, ist dem Internet-Logbuch (Blog) Footnoted.org der amerikanischen Finanzjournalistin Michelle Leder zu verdanken. Leder stellte in ihrem Blog (www.footnoted.org) die Frage, welches Auto wohl soviel kosten könnte. "Ein Hummer? Ein Bentley? Vielleicht ein Lamborghini?" Und überhaupt- angesichts der Tatsache, daß Visteon früher zu Ford gehört habe und im Automobilgeschäft tätig sei - warum gelinge es dem Konzern dann nicht, einen Rabatt für ein angemessenes Auto auszuhandeln? Dabei hatte Leder noch nicht mal alles Fragwürdige über dessen Vertrag berichtet.
Geschäfte süßer als ein Schokoladen-Shake
Impertinente Fragen dieser Art dürften im kommenden Jahr noch häufiger gestellt werden. Die Börsenaufsicht SEC will nämlich die Informationen über die Vergütung von Managern noch transparenter und detaillierter gestalten. Aber auch schon jetzt finden sich kuriose bis skandalöse Details in den Fußnoten. Damit Aktionäre das Kleingedruckte nicht überlesen, schreibt Leder ihr vielzitiertes Blog.
So weist sie darauf hin, daß die Schnellrestaurant-Kette Burger King eine versteckte Information über den Besitzer des gerade im Bau befindlichen neuen Hauptquartiers veröffentlicht hat. Das Gebäude wird 2008 fertiggestellt sein, und Burger King hat bereits einen Mietvertrag über 15 Jahre im Wert von 75 Millionen Dollar abgeschlossen. Der Besitzer heißt Armando Codina - und sitzt seit November im Verwaltungsrat von Burger King. Dort galt er bisher als unabhängiger Vertreter, was angesichts der engen Geschäftsverbindung kaum mehr glaubhaft sein dürfte. Leder nannte dieses Geschäft "süßer als ein Schokoladen-Shake".
Bei der Firma Rollins Inc. begründeten Vorstandschef (CEO) Gary Rollins und sein Bruder, der Verwaltungsratsvorsitzende (Chairman) Randall Rollins, die ausschließliche Nutzung des Firmenjets für ihre Reisen mit "Sicherheitsvorkehrungen". Leder stellt die süffisante Frage, welches Sicherheitsrisiko bei dem Kammerjäger-Unternehmen für die Spitzenmanager besteht - mal abgesehen davon, daß die Kakerlaken gegen die Rollins-Brüder zurückschlagen könnten.
Katherine Krill, die Vorstandschefin der in New York ansässigen Einzelhandelskette Ann Taylor Stores, verkaufte den Aktionären ihren von der Firma gestellten Wagen mit Chauffeur ebenfalls mit "Sicherheitsvorkehrungen". Dabei ist nach Ansicht von Blog-Schreiberin Leder New York so sicher, daß selbst Bürgermeister Michael Bloomberg regelmäßig mit der U-Bahn ins Rathaus fährt.
Unternehmen müssen auch veröffentlichen, wenn Verwandte der Spitzenmanager angestellt werden. So wurde bekannt, daß die Schwester von CEO James McCann beim Blumenversender 1-800-Flowers arbeitet und dort 129.000 Dollar im Jahr verdient. Ihr blumiger Titel: Persönlichkeits-Fachdesigner (Personality Expert Designer). Eine konkrete Beschreibung für diesen Job blieb die Firma den Aktionären allerdings schuldig.
Der Ölkonzern Kerr-McGee zahlte seinem CEO Luke Corbett im Geschäftsjahr 2004 ein jährliches Stipendium von 83796 Dollar, um sein "Engagement bei Aktivitäten für das Gemeinwesen zu erleichtern". Mit anderen Worten: Der Konzern bezahlte Corbett, der ohnehin schon 3 Millionen Dollar inklusive Bonus kassierte, für ehrenamtliches Engagement.
Auch Kosten für tatsächliche Sicherheitsvorkehrungen abseits von Privatflugzeugen und Chauffeuren müssen Unternehmen veröffentlichen. Der Online-Einzelhändler Amazon.com zahlte im vergangenen Geschäftsjahr 1,1 Millionen Dollar für den Personenschutz von CEO Jeff Bezos in Betriebsanlagen und auf Reisen, wie aus einer Fußnote hervorgeht. Das erscheint Bloggerin Leder reichlich hoch. Denn der Softwareriese Microsoft gibt pro Person weniger als 50.000 Dollar im Jahr für den Schutz von Managern aus - inklusive des Schutzes von Chairman Bill Gates, dem reichsten Mann Amerikas.
Aber zurück zu den Leasingkosten von Visteon-Manager Pfannschmidt, der nach offizieller Lesart im Mai in den "Ruhestand" tritt. Die "New York Times" erwähnte diese Kosten in einer kritischen Story über die trotz des gefallenen Aktienkurses kräftig gestiegenen Gehälter in der Vorstandsetage von Visteon.
"Bindungsbonus" für gekündigten Europa-Chef
Visteon-Sprecher Jim Fisher erklärte auf Anfrage, daß Pfannschmidt in Europa zwei Wagen unterschiedlicher Marken fährt. Fisher wollte aber nicht damit herausrücken, um welche Typen es sich handelt. "Aus Sicherheitsgründen", sagte er dieser Zeitung. Zwei Wagen benötige Pfannschmidt, weil er so viele unterschiedliche Kunden habe. Ein Viertel der Gesamtkosten für die Wagen entfielen zudem auf Benzin, Wartung und Parkgebühren. Zieht man das ab, kommt aber immer noch jedes Auto auf Kosten von umgerechnet rund 1.300 Euro pro Monat. Das sind nach Angaben eines Leasingfachmanns normale Gebühren für Oberklasse-Limousinen vom Typ etwa eines 7er BMW.
Seine Firmenwagen darf Pfannschmidt trotz der Kündigung auch in den kommenden zwei Jahren noch fahren. Sein Gehalt von 723.580 Dollar im Jahr wird ihm für diesen Zeitraum auch weiterbezahlt. Neben Vergütung in verkaufsbeschränkten Aktien erhält Pfannschmidt auch einen jährlichen "Bindungsbonus" in Höhe von 111.450 Dollar. Diese Art Boni werden von Unternehmen immer damit begründet, daß sie gute Manager halten wollen. Daß einem Manager, von dem man sich trennen will, vertraglich ein zweijähriger Bindungsbonus zusteht, ist Fabrikarbeitern, die um ihre Arbeitsplätze, und Aktionären, die um den Aktienkurs bangen, aber wohl nur schwer zu vermitteln. Noch nicht mal mit "Sicherheitsvorkehrungen".
Vorsicht vor Fussnoten "SPE" - was stecken dahinter?
Fionn Huber (fionn)
- 04.05.2006, 20:31 Uhr
Luxus ist brutaler als der Krieg
Helmut Schröder (meitai)
- 13.05.2006, 02:11 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |