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Schwarzbuch Börse : Zertifikate: Anleger ziehen oft den Kürzeren

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Für Aktien prima, aber für Zertifikate? Frankfurter Börse Bild: ddp

Für Aktien gibt es einen Marktpreis, für Zertifikate dagegen nicht - schließlich stellt die Bank den Preis. Doch nicht nur das stört Anlegerschützer: Sie greifen die Frankfurter Börse an und empfehlen, dort keine Zertifikate zu handeln.

          Der Aktienkurs spiegelt immer den Marktpreis wieder, wissen Anleger. Er ergibt sich aus Angebot und Nachfrage - so funktioniert die Börse. Bei Zertifikaten sei das ähnlich, meinen viele. Doch damit liegen sie kräftig daneben.

          „Auf dem Markt für verbriefte Derivate stehen etwa 30 Emissionsbanken der großen Mehrheit vorwiegend privater Anleger gegenüber“, schreibt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger in der jüngsten Ausgabe des „Schwarzbuchs Börse“. „Diese Banken übernehmen nicht nur die Emission ihrer immer zahlreicher werdenden Produkte, sondern stellen als Market-Maker im Sekundärmarkthandel sowohl an den Börsen wie auch außerbörslich noch dazu die Preise für die von ihnen ausgegebenen Titel.“ Die auf normalen Finanzmärkten üblichen Marktkräfte seien völlig außer Funktion gesetzt.

          Emissionsbanken können unfaire Preise stellen

          Die Mitarbeiter der Emissionsbanken könnten die Preise verbriefter Derivate willkürlich ohne Bezug zum Markt festsetzen, weil eine staatliche Regulierung fehle. Dies werde von den Banken häufig dazu genutzt, hohe, für den Normalanleger nicht sichtbare Preisaufschläge einzubauen.

          Die Anlegerschützer zitieren dazu eine Passage aus Verkaufsprospekten der Deutschen Bank: „Die von dem Market-Maker gestellten Kurse können dementsprechend erheblich von dem fairen Wert bzw. von dem aufgrund oben genannter Faktoren zu erwartenden wirtschaftlichen Wert der Wertpapiere zum jeweiligen Zeitpunkt abweichen.“ Die Emissionsbanken hielten sich also ganz ungeniert offen, für ihre Produkte unfaire Preise stellen zu dürfen.

          Mistrades „zum Nachteil von Privatanlegern“

          Die Schutzgemeinschaft kritisiert außerdem, dass Mitarbeiter der Emissionsbanken ein Mistrade-Verfahren einleiten und ein Geschäft damit rückgängig machen können. Im aktuellen Schwarzbuch nehmen die Anlegerschützer vor allem die Handelsbedingungen des Marktsegments Smart Trading der Frankfurter Wertpapierbörse unter die Lupe. „Regelmäßig werden in Frankfurt völlig willkürlich Geschäftsabschlüsse auf Wunsch von Emissionshäusern als Mistrade klassifiziert und zum Nachteil von Privatanlegern storniert“, schreiben die Autoren.

          Ein Mistrade liege per marktüblicher Definition vor, wenn ein Geschäftsabschluss zu einem Preis zustande komme, der erheblich und offenkundig vom marktgerechten Kurs abweiche. Entsprechende Schwellenwerte, wie an anderen Börsen üblich, fehlten aber in Frankfurt. „Dies erklärt, dass an der Frankfurter Wertpapierbörse auf Antrag von Mitarbeitern privater Emissionsbanken regelmäßig auch Transaktionen von Anlegern storniert werden, bei denen weder eine erhebliche noch eine offenkundige Abweichung vorliegt.“

          „Keinerlei Rechtssicherheit“

          Das Schwarzbuch zählt Fälle auf, in denen Geschäfte mit nur minimaler Abweichung storniert wurden - „zu Lasten des Anlegers“, wie die Autoren meinen. In Frankfurt werde praktisch jedem Mistrade-Antrag einer Emissionsbank stattgegeben, unabhängig von der Höhe der angeblichen Preisabweichung. „Für die Handelsteilnehmer besteht daher keinerlei Rechtssicherheit. Niemand sollte an diesem Platz auf die Verbindlichkeit der Geschäftsabschlüsse vertrauen.“

          Die Konsequenzen für betroffene Anleger könnten im Einzelfall gravierend sein, zum Beispiel wenn „Gewinne aufgrund positiver Marktentwicklungen wegen angeblicher minimaler Abweichungen zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses im Nachhinein storniert werden“. Zu Verlusten könne es kommen, wenn bei Hedge- bzw. Kombinationsgeschäften nur die erfolgreiche Position rückgängig gemacht werde und die verlustreiche bestehen bleibe. „Zudem hat der Antragsteller, in der Regel ein Emittent, die Möglichkeit, während der Prüfungsdauer seinen Antrag bei einer für ihn günstigen Marktentwicklung zu Lasten seines Kontrahenten zurückzuziehen.“

          „Von der Börse Frankfurt fernhalten“

          Die SdK zieht aus den Handelsbedingungen in Frankfurt eindeutige Konsequenzen: „Für Anleger von verbrieften Derivaten gilt ganz klar die Empfehlung, sich von der Börse Frankfurt fern zu halten und stattdessen nur Handelsplätze zu wählen, welche über offen kommunizierte Mistrade-Schwellen verfügen.“

          Kritik am Schwarzbuch kommt vom Branchenverband Derivate Forum in Frankfurt. Das Buch sei zu „reißerisch“, heißt es in einer Stellungnahme. Viele der genannten Kritikpunkte seien bereits in dem im Dezember 2006 veröffentlichten so genannten Derivate-Kodex aufgegriffen worden. „Die darüber hinaus gehenden Forderungen hält das Derivate Forum für wenig sachgerecht“, teilte die Organisation mit. Von der Frankfurter Börse war für FAZ.NET bis Montagnachmittag keine Stellungnahme zu erhalten.

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