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Aktienstrategen Wo der Markt am Jahresende stehen wird

12.07.2006 ·  Prognosen sind oft falsch. Vor einem halben Jahr aber hatten die von BusinessWeek befragten Aktienmarkt-„Seher“ recht - sie tippten den Stand des Dow Jones zur Jahresmitte fast auf den Punkt genau. Jetzt blicken vier Anlageexperten wieder sechs Monate in die Zukunft.

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Der Blick in die Zukunft im vergangenen Jahr hat sich als recht verläßliche Prognose erwiesen. So rechneten die 76 Aktienmarkt-„Seher“, die BusinessWeek im vergangenen Dezember für die „Fearless Forecast 2006“ befragt hatte, mit einem Anstieg des Dow Jones Industrial Average auf 11.250 Punkte bis zur Jahresmitte. Am 30. Juni schloß der Dow bei 11.150 Punkten und damit weniger als ein Prozentpunkt unterhalb des Niveaus der Konsensschätzung. (Etwas anders sah es Mitte 2005 aus, als die Befragten der Prognosestudie um sieben Prozent vom tatsächlichen Indexstand abwichen.) Genau genommen waren es mehr als 20 Strategen, die mit ihrer Prognose für die Entwicklung des Dow bis Ende Juni um maximal 100 Punkte daneben lagen. Dies ist in der Tat eine beeindruckende kollektive Leistung.

Vier Herren, die stark voneinander abweichende Meinungen vertreten, hat BusinessWeek gefragt, wie sie die Marktentwicklung für die nächsten sechs Monate einschätzen: Barry Freeman, ein Stratege bei HPC Capital Management, rechnet damit, daß die im Mai losgetretene Verkaufswelle den Markt bis Jahresende um elf Prozent nach unten ziehen wird. Christopher Conkey von Evergreen Investments und Hugh Johnson von Johnson Illington Advisors gehen dagegen von einer Fortsetzung des Aufwärtstrends bei Aktien aus. Warren Bagatelle von Loeb Partners schließlich sieht den Markt für den Rest des Jahres auf der Stelle treten.

Warren Bagatelle, 67, Managing Director, Loeb Partners

Bagatelle (67) sieht die Wirtschaft in einer verhältnismäßig guten Verfassung, zeigt aber mit Blick auf den Aktienmarkt nur eine mäßige Begeisterung. Gezügelt wird sein Enthusiasmus von politischen und emotionalen Faktoren wie Krieg oder Unternehmensskandale, von denen er meint, daß sie das Anlegervertrauen unterhöhlen und die Verbraucher in anderen Ländern davon abbringen können, in den Vereinigten Staaten hergestellte Waren zu kaufen. Ein weiterer Dämpfer, sagt er, sei das Kommen und Gehen in der Bush-Administration. „Man plant nach der Politik und den Praktiken einer bestimmten Riege von Menschen, und plötzlich sind eben diese Regierungsvertreter nicht mehr da“, so Bagatelle.

Trotz eines Marktes, dem er bestenfalls eine unruhige Kursentwicklung zutraut, setzt sich das Portfolio des Strategen zum größten Teil aus heimischen Werten zusammen (69 Prozent). „Die Anlage in amerikanische Aktien wird sich als weise Entscheidung herausstellen“, sagt Bagatelle, der von New York aus agiert und für Pfizer sowie den Gesundheitssektor als Ganzes optimistisch gestimmt ist. „Die Menschen leben heutzutage länger, und dies schafft eine entsprechende Nachfrage nach Produkten aus diesem Bereich.“ Weitere Chancen sieht er bei den kleineren Unternehmen, die im Standard & Poor's 500 bzw. Russell 2000 notieren - insofern als diese im Vergleich zu den Mega Caps weniger empfindlich auf makroökonomische Trends reagieren und höhere Wachstumsraten aufweisen.

Bagatelle hat das Jahresendziel für den Dow auf 11.150 Punkte gesetzt. Als leidenschaftlicher Segler wird er jede Menge Zeit haben, diesem Sport zu frönen, sollte der Markt tatsächlich für den Rest des Jahres in ruhigem Fahrwasser bleiben.

Christopher Conkey, 46, Chief Investment Officer, Evergreen Investments

Bei dem schwierigen Unterfangen, die Märkte in diesem Sommer zu begreifen, geben sich Conkey und sein Analystenteam zuversichtlich - das ist schon das Mindeste, was man sagen muß. Der 46jährige Stratege hat für den Dow einen Jahresendstand von 11.750 Punkten prognostiziert. Dies ist im Vergleich zu seinem früheren Ziel von 12.000 Punkten zwar nicht mehr ganz so hoch gegriffen, aber immer noch optimistischer als die Prognosen der anderen Spitzen-Stockpicker zur Jahresmitte. „Die Wirtschaft hat sowohl im Inland als auch weltweit Stärke bewiesen“, sagt er über die vergangenen sechs Monate.

Das soll nicht heißen, daß Conkey nicht vorsichtig ist. Immerhin fiel seine für die Jahresmitte angestellte Prognose mit 11.000 Punkten niedriger aus als der Schätzwert der meisten anderen Aktienstrategen. „Den Märkten werden in der zweiten Jahreshälfte einige Schwierigkeiten bevorstehen“, sagt Conkey. Er verweist auf geringere Verbraucherausgaben sowie höhere Zinsen. „Es bedarf unter Umständen noch einigen weiteren Zinsschritten nach oben, ehe die Wirtschaft klein begibt.“ Solange die amerikanische Notenbank mit Zinserhöhungen die Wirtschaft bremst, dürfte die Inflation keine ernsthafte Gefahr für das Wirtschaftswachstum oder das Gewinnpotential der Unternehmen darstellen.

Conkey bevorzugt großkapitalisierte Wachstumswerte, da diese seiner Ansicht nach unterbewertet sind. Dem Technologiesektor, der noch bis vor kurzem sein Favorit war, steht er allerdings mißtrauisch gegenüber. Conkey befürchtet, daß der Skandal um die Rückdatierung von Optionen der Tech-Branche schaden wird. „Nach Enron reicht schon der bloße Hinweis auf einen Skandal aus, um bei den Anlegern für Unruhe zu sorgen.“

Barry Freeman, 28, Stratege, HPC Capital Management

Der Ausblick aus dem Hochsitz von Freeman in Midtown Manhattan ist nicht besonders erfreulich. Er rechnet damit, daß die Federal Reserve die kurzfristigen Zinsen weiter anheben wird - von gegenwärtig 5,25 Prozent auf 5,75 Prozent. Hinzu kommt, daß einer wachsenden Anzahl von Eigenheimbesitzern mit zinsvariablen Hypotheken die steigenden Zinsen zu schaffen machen werden. In der Konsequenz bedeutet das, daß diese Menschen ihre Konsumausgaben einschränken müssen. „Viele Menschen, die sich Monat für Monat von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck hinüberretten, werde einige ernsthafte Probleme bekommen“, sagt Freeman.

Ein Rückgang der Verbraucherausgaben wird sich bei den Unternehmen in Gewinneinbußen niederschlagen. Der Meinung von Freeman zufolge werden Inflationsängste die Anleger packen und den Dollar unter Druck setzen. Diese Ängste werden außerdem den Goldpreis in die Höhe treiben, und zwar bis auf 750 Dollar. Aus diesem Grund empfiehlt der Stratege eine zehnprozentige Portfolioallokation in Gold, was sich entweder über entsprechende Anteile an einem börsengehandelte Fonds (ETF) oder mit Aktien von Minengesellschaften erreichen läßt. Der Dow, so rechnet er, wird im Dezember bei ungefähr 10.200 Punkten stehen.

Ungeachtet dieser pessimistischen Prognose sollten Anleger nach Ansicht von Freeman zu rund 40 Prozent in amerikanischen Aktien investiert bleiben. Weitere 40 Prozent des Portfolios sollten auf Anleihen und zehn Prozent auf Geldmarktanlagen entfallen. In seiner Freizeit spielt Freeman Golf und unterstützt das Baseballteam seiner Heimatstadt, die Atlanta Braves. „Momentan haben sie die Unterstützung nötig,“ erklärt der Stratege. Die Aussichten für sein Lieblingsteam sind so trübe wie seine Prognose für den Markt.

Hugh Johnson, 65, Chief Investment Officer, Johnson Illington Advisors

Über weite Strecken seiner 40jährigen Investment-Karriere hat Hugh Johnson seine Aufmerksamkeit auf den Rentenmarkt konzentriert. „Mit meinen Zinsprognosen hatte ich immer mehr Erfolg gehabt als mit meinen Einschätzungen zur Kursentwicklung an den Aktienmärkten“, erklärt Johnson, der überrascht war zu erfahren, daß er mit seiner Aktienmarktprognose für Mitte 2006 ins Schwarze getroffen hat.

Jetzt erhöht Johnson den Einsatz, indem er seine Jahresendprognose für den Dow von 11.450 auf 11.600 Punkte anhebt. „Die Unternehmensgewinne werden steigen, und die Fed wird ihre Politik der Zinserhöhungen beenden“, sagt er voraus. „Diese Kombination dürfte gut genug sein, um den Aktienmarkt vom gegenwärtigen Niveau aus um fünf Prozent oder mehr in die Höhe zu treiben.“

Als BusinessWeek Johnson im vergangenen Dezember befragte, wählte er den Technologiesektor als seinen Favoriten aus. Die Technologieausgaben der Unternehmen sind in der ersten Jahreshälfte zwar nicht ganz so solide ausgefallen wie von Johnson erwartet, doch rechnet er damit, daß sie nun im dritten und vierten Quartal anziehen werden. Obwohl General Electric, sein Favoritentitel für 2006, kein reines Technologieunternehmen ist, dürfte es seiner Ansicht nach dennoch von diesen Ausgaben profitieren. Zusätzlichen Auftrieb sollte GE auch davon erhalten, daß sich die Anleger nach mehr als sechs Jahren der Small-Cap-Euphorie nun wieder vermehrt den großen Unternehmen zuwenden.

Im Februar übernahm Johnson zusammen mit einigen Partnern die Vermögensverwaltungssparte seines früheren Arbeitgebers, First Albany, und taufte das Unternehmen in Johnson Illington um. Die Verantwortung für ein Kundenvermögen im Gesamtwert von mehr als 670 Millionen Dollar sowie für acht Mitarbeiter ist für Johnson eine ganz neue Erfahrung, die ihn auch nachts auf den Beinen hält.

Die wahre Quelle seiner Angst ist jedoch die amerikanische Notenbank. Fed-Chef Ben Bernankes „einseitiger Fokus auf die Inflation und sein hartnäckiges Beharren darauf, daß die Kerninflationsrate der Verbraucherpreise nicht über die Marke von zwei Prozent steigt“ mache ihm Sorgen, so Johnson. Da die Fed jedoch ein mögliches Ende ihres Zinserhöhungszyklus angedeutet hat, könnten sich auch Johnsons Befürchtungen zerstreuen. Wenn sich dann auch noch seine Marktprognose als richtig erweist, könnte er sich noch mal so gut fühlen.

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