01.02.2012 · Sean Egan ist Chef der unabhängigen Ratingagentur „Egan-Jones Ratings“. Er hat die Bonität von Deutschland auf AA- heruntergestuft, drei Stufen unter der Bestnote.
Herr Egan, Ihre Ratingagentur hat den Vereinigten Staaten die Spitzennote AAA früher entzogen als Ihr größter Konkurrent Standard & Poor's. Im Januar haben Sie die Kreditwürdigkeit von Deutschland von AA auf AA- weiter heruntergestuft, obwohl alle drei großen Ratingagenturen Deutschland als exzellenten Schuldner betrachten. Warum sind Ihre Bewertungen negativer als die von S&P, Moody's oder Fitch?
Wir bewerten nicht grundsätzlich negativer, aber negative Bewertungen erhalten in den Medien mehr Aufmerksamkeit. Die Anleihen der Autobauer General Motors und Ford bewerten wir derzeit höher als unsere Konkurrenten, nachdem wir sie vor ein paar Jahren als erste herabgestuft hatten. Wir sind der Konkurrenz voraus, und die meisten folgen uns später.
Warum agieren Sie schneller?
Wir müssen das tun, um zu überleben. Unsere Kunden sind institutionelle Investoren, die eine präzise und zeitnahe Einschätzung der Kreditqualität wollen, um das Geld ihrer Kunden zu vermehren oder zu schützen. Das ist ein komplett anderer Auftrag als für die anderen Agenturen.
Wieso?
Die großen Ratingagenturen werden von den Emittenten der Anleihen für die Bewertung bezahlt. Die Emittenten haben ein Interesse an günstigen Kosten, was in der Regel in höchstmöglichen Bonitätsnoten resultiert.
Aber die Kritik der amerikanischen Regierung und auch europäischer Politiker an Abstufungen durch Ihre Konkurrenten war doch heftig. Das klingt nicht danach, als ob S&P und die anderen nach der Nase der Emittenten tanzen.
S&P hat mit der Abstufung im August nicht das gemacht, was die amerikanische Regierung wollte. Aber wir haben die Bonität der Vereinigten Staaten früher heruntergesetzt. Wir sind schneller.
Große Länder wie die Vereinigten Staaten zahlen nicht für das Rating der großen Agenturen. Warum soll es bei ihnen einen Interessenkonflikt geben?
Die großen Staaten müssen zwar nicht zahlen, aber Organisationen wie die verstaatlichten Immobilienfinanzierer Fannie Mae oder Freddie Mac zahlen substantielle Summen an S&P und Moody's.
Institutionelle Investoren haben auch Interessen. Einem Hedgefonds, der auf fallende Kurse eines Unternehmens setzt, und Sie beauftragt, käme eine negative Einschätzung zupass, oder?
Einige Kunden können uns mit der Bewertung eines speziellen Unternehmens beauftragen. Aber wir wissen nicht, welche Anlagen der Kunde hält oder welche Pläne er verfolgt. Zudem haben andere Kunden möglicherweise gegenläufige Interessen. Deswegen kann unsere Richtlinie nur sein, richtig und zeitgerecht zu bewerten.
Rechnen Sie bei der Bewertung der Bonität anders als Ihre Konkurrenten?
Unser gesamter Ansatz ist wegen des unterschiedlichen Geschäftsmodells anders. Wir betrachten die Dinge aus Sicht der Kunden und beschäftigen uns deswegen lange mit Themen und Risiken, die an den Finanzmärkten noch nicht komplett verstanden werden.
Was verstehen die Märkte im Fall von Deutschland noch nicht?
Die Märkte verstehen nicht, dass mit der Unterstützung von schwächeren Staaten und ihren Banken Kosten verbunden sind. Die Rettung gibt es nicht umsonst. Und diese Kosten werden sich auf eine Art und Weise zeigen, die dem Steuerzahler wohl nicht bewusst ist. Die Märkte applaudieren derzeit den jüngsten Aktionen der Europäischen Zentralbank ...
... den Banken für drei Jahre billig Geld zum Zinssatz von 1 Prozent zur Verfügung zu stellen ...
... und sie glauben, dass dies der richtige Schritt zur richtigen Zeit war. Aber Verluste können sich nicht in Luft auflösen. Sie werden einfach von den schwächeren Staaten und ihren Banken zu den Steuerzahlern der stärkeren europäischen Länder transferiert. Deutschland steht ganz oben auf dieser Liste. Das war der Grund für unsere Abstufung.
Wie werden sich die Kosten zeigen?
Die Europäische Zentralbank wird letztlich einige Verluste machen. Wenn es der EZB an Kapital fehlt, wird sie sich an die Bundesbank und andere nationale Zentralbanken wenden. Das wird die Bundesbank harte Euro kosten. Dazu wird es wegen der Wertminderung des Euro Kosten in Form von Inflation geben. Am Ende des Prozesses wird wahrscheinlich die Verschuldungsquote von Deutschland und den anderen großen europäischen Ländern steigen und das Wirtschaftswachstum sich abschwächen.
Die großen Ratingagenturen sind in den vergangenen Jahren wiederholt unter Beschuss geraten. Wird sich am System der Ratingagenturen etwas ändern?
Es ist völlig klar, dass das derzeitige System nicht funktioniert. Es hat große Anstrengungen erfordert, den drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern und die Ratingagenturen zählen zu den Hauptschuldigen. Wir wären - als Gesellschaft - dumm, keine Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die Krise in Europa ist schon die zweite ihrer Art seit der Finanzkrise in den Vereinigten Staaten 2007 und 2008. Der Grund ist der gleiche. Sie wurde durch unüberlegte Kreditentscheidungen und überhöhte Bonitätsnoten ausgelöst. Man kann aber kaum erwarten, dass Agenturen, die von Emittenten bezahlt werden, einen Großteil ihrer Umsatzquellen aufgeben. Es ist aus Sicht von Investoren realistischer, die Ratings dieser Agenturen mit unabhängigen Bewertungen zu ergänzen. Wenn die Note einer unabhängigen Agentur mindestens zwei Stufen unter der einer großen Agentur liegt ...
... wie bei Ihnen im Fall Deutschlands ...
... müssen die Anleger zusätzliche Informationen einholen.
Erwarten Sie regulatorische Änderungen?
Nein. Änderungen wird es wahrscheinlich auf Druck des Marktes geben. Eine Menge Investoren haben sich in den vergangenen vier Jahren die Finger verbrannt. Sie müssen sich Quellen für Risikobewertung suchen, die keinen Interessenkonflikten unterliegen.
Was halten Sie von einer europäischen Ratingagentur, die wegen der angelsächsischen Wurzeln der großen drei gefordert wird?
Es gibt Vorschläge, neue Ratingagenturen mit Billigung von Regierungen zu gründen. Das ist dem Interesse von Investoren nicht dienlich. Staaten wollen immer die besten Bonitätsnoten.
Wozu brauchen Investoren Ratingagenturen überhaupt noch? Beschäftigen große Anleger nicht ihre eigenen Analysten?
Das Problem dieser internen Ratings liegt darin, dass sich die Köche typischerweise in ihre eigenen Mahlzeiten verlieben. Lehman Brothers hatte angeblich hoch entwickelte interne Bewertungsmethoden. Die erwiesen sich aber als völlig unzureichend.
Das Gespräch führte Norbert Kuls.
Sean Egan sagt uns, wo es lang geht.
bernd ullrich (demokrat2)
- 04.02.2012, 09:40 Uhr
"Aber wir wissen nicht, welche Anlagen der Kunde hält oder
welche Pläne er verfolgt".
gisbert heimes (gisbert4)
- 02.02.2012, 20:59 Uhr
Die deutschen Politiker wollen von den Folgen nichts wissen!
Dr. Michael Menzel (DrMurke)
- 02.02.2012, 19:15 Uhr
Es kommt, wie es kommen muss!
Wilhelm Koch (kochmeint)
- 02.02.2012, 18:44 Uhr
Die Finanzmaerkte verstehen sehr wohl
Harald Sulzmann (hsulzmann)
- 02.02.2012, 18:06 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |