Der Euro ist gegenüber dem Dollar zur Wochenmitte unter die Marke von 1,30 Dollar gefallen. Der dabei erreichte tiefste Stand seit einem Jahr zeigt, dass sich die Anleger angesichts der weiterhin schwelenden EU-Staatsschuldenkrise nach wie vor um die Gemeinschaftswährung sorgen.
Führende Politiker wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble werden zwar nicht müde zu betonen, dass der Euro selbst nicht in der Krise stecke. Aber selbst in Politikerkreisen gibt es Vertreter, wie etwa Frankreichs Europaminister Jean Leonetti, die einräumen, dass der Euro durchaus explodieren und Europa auseinanderfallen könne.
Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario beurteilt Jan Amrit Poser zwar als minimal. Weil es der Chefökonom des Schweizer Bankhauses Sarasin aber dennoch für fahrlässig hält, nicht über diese Möglichkeit nachzudenken, ist er dieser Frage in einer Kurzstudie trotzdem nachgegangen.
Folgen bei einem Euro-Zerfall dürften verheerend sein
Bei der Suche nach einer Antwort darauf, wie sich Anleger am besten schützen können, hält Poser dabei den Vergleich mit einem Szenario für vertretbar, wenn ein gewaltiger Meteorit auf die Erde aufschlagen sollte. Denn zum einen so auch das äußerst unwahrscheinlich und zum anderen hänge die anschließende Reaktion dann auch davon ab, wo der Meteor aufschlage. So wie es beim Meteoriten Tausende von möglichen Einflugschneisen gebe, seien auch Tausende von denkbaren Szenarien eines Euro-Kollapses möglich, welche die optimale Positionierung der Anleger grundsätzlich ändere.
Darüber aber zu sehr nachzudenken, hält Poser allerdings für wenig ziel führend, weil es ebenso wenig wie es ein Verstecken vor einem thermonuklearen Winter gebe, auch kein Versteck für Anleger vor einem Euro-Kollaps geben dürfte. Sein Fazit lautet deshalb, dass die Folgen so gravierend sind, dass kein verantwortungsvoller Politiker diesen Pfad beschreiten werde. Zwar seien auch Politiker vorstellbar, die diesen Weg trotzdem gehen wollen. Damit diese aber an die Macht kämen, müsse Europa erst noch viel tiefer in die Krise rutschen. Und die Probleme dürften dann vermutlich so groß sein, dass es mehr Sinn machen dürfte, sich mit Dosennahrung und Handfeuerwaffen einzudecken, anstatt mit Leerverkäufen gegen den Euro zu wetten.
Ohnehin ist nach Einschätzung von Poser nicht der Euro das Problem, sondern das Design der Währungsunion, das übermäßige Schulden ermöglichte. Der Euro selbst sei vielmehr sogar eine sehr stabile Währung, sowohl im Innenverhältnis (die Inflation war seit 1999 tiefer als 2 Prozent) als auch im Außenverhältnis (gegenüber der Noch-Leitwährung Dollar ist der Euro überbewertet). Mit Blick auf die Zukunftsaussichten des Euros sei zudem auch zu bedenken, dass eine Währung nicht einfach so zerfalle. Der Austritt könne nur durch einen aktiven Regierungsentscheid erfolgen, gefolgt von einer langen Übergangszeit für die Umstellung von Computern und das Drucken von Noten.
Verheerende Kosten für die Peripherie
Bevor aber eine neue Drachme oder Lira eingeführt ist, würde laut Poser alleine schon die Ankündigung das Finanzsystem in dem austretenden Peripherieland auslöschen. Ein Ansturm von Sparern, die ihr Geld in ein Kernland des Eurogebietes bringen wollten, würde die Banken des austretenden Landes über Nacht zu Fall bringen. Unternehmen und Privathaushalte würden keine Kredite und noch nicht einmal mehr Bargeld erhalten. Der Staat, der in diesem Fall die Banken stützen sollte, wäre ebenfalls bankrott. Die europäischen Partner würden ihn fallenlassen und die Finanzmärkte würden ihm die Finanzierung verweigern. Denn sobald die neue Währung eingeführt wäre, würde sie 30 bis 50 Prozent abwerten, was die Staatsschulden vervielfachen würde. Die Abwertung würde zu einer importierten Inflation führen, Kompensationsforderungen der Gewerkschaften auslösen bis sich die Spirale der Hyperinflation dreht. Die Kosten eines Euro-Austritts wären für ein Peripherie-Land somit verheerend.
Für wenig wahrscheinlich hält Poser auch einen erzwungenen Austritt eines Landes wie Griechenland. Denn der dadurch losgetretene Sturm würde vermutlich ganz Euroland mitreißen, weil dann von den Märkten umgehend die Wahrscheinlichkeiten eines Euroaustritts anderer Staaten geprüft werde. Derselbe Ansturm nervöser Sparer, der in Griechenland die Banken in den Abgrund reiße, würde die Banken in anderen Krisenstaaten ebenfalls zu Fall bringen. Ein Bankrott der Banken Südeuropas würde die Banken Nordeuropas ebenfalls kollabieren lassen, weil diese im Glauben an die Ewigkeit der Währungsunion erhebliche Kreditvolumen an Südeuropa vergeben haben. Der Rauswurf eines Eurostaates würde dann zum Bumerang für ganz Euroland.
Auch einen Austritt Deutschland aus dem Euro stuft Poser als wenig plausibel ein, weil ein solcher Schritt Deutschland am meisten treffen dürfte. In Erwartung einer Aufwertung dürften gewaltige Kapitalströme die neue D-Mark aufwerten. Nehme man die Erfahrung der heftigen Aufwertung des Frankens im August 2011 als Maßstab, verlören viele mittelständische Unternehmen über Nacht ihre Konkurrenzfähigkeit. Die deutschen Banken würden aufgrund der Währungsinkongruenz in ihren Bilanzen ins Schlingern geraten. Der Staat könnte ihnen jedoch nicht mehr helfen, weil er überschuldet wäre. Der Grund ist, so Poser, dass die Bundesbank gegenüber dem Eurozahlungssystem eine Nettoforderung von 480 Milliarden Euro habe, die im Falle eines Euro-Austritts von Deutschland übernommen werden müsste. Anstatt geringerer Schulden hätten Deutschlands Steuerzahler bei einem Austritt höhere Lasten zu tragen.
Euroland ist eine Schicksalsgemeinschaft
Schwer vorstellbar sei darüber hinaus auch, wie andere europäische Länder wie die Schweiz oder Schweden nach einem Bankrott und einer tiefen Rezession der Euroländer solvent bleiben könnten. Die durch einen Euro- Kollaps ausgelöste Kreditklemme würde sich weltweit auswirken und insbesondere die amerikanischen Banken treffen. Wie nach dem Bankrott der Investmentbank Lehman würden die Handelskredite einfrieren und die Schwellenländer in den Abgrund reißen. Es dürfe dabei nicht vergessen werden, dass damals nicht der amerikanische Markt, sondern die Schwellenländeraktien am meisten unter der steigenden Risikoaversion und dem akuten Deleveraging gelitten hätten. Rohstoffe würden folgen. „Es gibt kein Versteck vor der globalen Kreditklemme“, ist sich Poser sicher.
Wie man es auch drehe und wende: Euroland sei und bleibe eine Schicksalsgemeinschaft. Die Euroländer stünden gemeinsam oder fielen zusammen. Angesichts der schrecklichen Folgen, die ein Scheitern des Euros mit sich brächte, werde am Ende irgendwer bereit sein, sich zu bewegen um ein Stress-Szenario abzuwenden. Entweder würden die Kernländer geführt von Deutschland nachgeben, oder der IMF springe ein, womöglich mit Hilfe von Geldern aus Amerika und den Schwellenländer. Wenn alle Stricke reißen würden, werde es die EZB sein, die einschreite, weil sie am meisten zu verlieren habe. Somit seit das größte Risiko, auf das sich Anleger vorbereiten müssen, ein zu langes Verschleppen der Lösung, das eine lange und tiefe Rezession in Euroland mit sich zieht. „Das einzig denkbare Tail-Risk- Szenario, ist, dass sich die Eurokrise auf Amerika und die Schwellenländer überträgt“, lautet Posers Urteil.
Wir haben die Wahl
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 18.12.2011, 10:22 Uhr
Einseitig
Werner Mueller (MerkelsNemesis)
- 17.12.2011, 12:35 Uhr
"Dosennahrung und Handfeuerwaffen" Der Endsieg läßt grüßen!
Emanuel Schwabe (fray048x)
- 16.12.2011, 22:50 Uhr
Das sind doch im Grunde alles Argumente für einen Austritt...
Ole Maidag (Maidag)
- 16.12.2011, 18:03 Uhr
@Bernd Loehr "..bis sich die Lage entspannt ..."??
wolfgang lotz (faircrestangus)
- 16.12.2011, 17:42 Uhr
