27.12.2011 · Bernhard Seitz glaubt nicht mehr an den Euro. Er hat seine Lebensversicherung gekündigt, Gold gekauft, Vorräte angelegt: Thunfisch und Apfelmus.
Von Nadine OberhuberBernhard Seitz bereitet sich auf das Ende des Euro vor. Wer nur das über Seitz gehört hat, der stellt sich einen verhuschten Menschen vor, der in einem dunklen Kellerraum kartonweise Apfelmus, Dosenmilch und Haferflocken hortet und natürlich auch ein Hunderterpack Haushaltskerzen. Für alle Fälle. Man sieht einen Mann, der auf den Ernstfall vorbereitet ist, für den Tag, an dem der Euro zerbricht. An dem die Zentralbank beginnt, wieder D-Mark-Scheine zu drucken, und die Läden für eine Weile dichtmachen müssen, bis all die neuen Geldscheine wieder unters Volk verteilt sind. So jedenfalls stellt man sich das vor. Wenn man Seitz aber sieht, verschwindet das Bild von der Kellergestalt und der gebunkerten Überlebensnahrung schnell wieder.
Bernhard Seitz ist ein Mann, der manchmal betont langsam spricht, aber mit fester Stimme. Der kraftvolle Gesten einsetzt und gern gedeckte Anzüge trägt. Der auch ganz gut Politiker sein könnte und lieber in seinem aufgeräumten Büro als zu Hause im Keller erklärt, was er vom Euro hält.
Noch ist Seitz nicht Politiker, aber er hat eine politische Bewegung mitgegründet. Weil er unglaublich findet, was sich die Politiker im vergangenen Jahr bei der Euro-Rettung geleistet haben. Weil er für skandalös hält, dass mit dem Euro-Rettungsfonds die Schulden einzelner Länder auf ganz Europa umgelegt wurden. Und weil es für ihn regelrecht "ein Staatsputsch" war, dass Europa mittlerweile "vom Verbund unabhängiger Staaten übergegangen ist in einen Zentralhaftungsverbund", in dem sich die Regierenden des Kontinents klammheimlich wegbewegt hätten von der föderalen Europäischen Union hin zu den Vereinigten Staaten Europas mit Zentralregierung. Einfach so, über die Köpfe ihrer Bevölkerungen hinweg. Oder hat irgendjemand das Volk befragt, ob es all das wünscht und ob es in einem länderübergreifenden Haftungsverbund auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet werden möchte? Seitz kann sich jedenfalls nicht erinnern. Und genau das regt ihn auf. Deshalb geht er seit ein paar Monaten auf die Straße.
Er ist keiner, der laut wird, wenn er sich ereifert. Oder hektisch. Man merkt es daran, dass er einen gesagten Satz einfach noch einmal formuliert, oder sogar dreimal. Bis er noch präziser, noch schärfer, noch direkter sitzt. Bis er mit einem Wort wie Tyrannei, totalitär oder Putsch endet. Oder mit dem Aufruf, dass es wieder mehr Anstand geben müsse, mehr Moral und natürlich direkte Demokratie. Denn das ist es, wofür Seitz kämpft.
Er fordert mit dem Aktionsbündnis direkte Demokratie, dass die Regierung das Volk gefälligst wieder fragt, bevor sie "das gesamte deutsche Volksvermögen auf den Tisch legt", um weiter den Euro zu stützen, statt das Experiment einer gemeinsamen Währung für gescheitert zu erklären. Dazu hat er die Verfassungsbeschwerde eingereicht, um den Rettungsschirm für null und nichtig erklären zu lassen. Das Verfassungsgericht lehnte sie im April ab. Seitz aber beharrt: "Dieses diffuse Gefühl, dass das Ganze nicht richtig ist, das ist weit verbreitet in der Bevölkerung."
Die Frage nach Richtig und Falsch, ist eine sehr wichtige für ihn, den Wirtschaftsethiker. Er ist überzeugt, dass das Bauchgefühl der Bevölkerung dabei gar nicht so schlecht funktioniert: "In Summa ist die kollektive Intelligenz der Menschen größer als die aller Fachexperten." Das sagt er, obwohl er selber vom Fach ist: Er hat Wirtschaftswissenschaften studiert, sogar einen Doktortitel gemacht, jetzt arbeitet er als Projektleiter in einer mittelständischen Firma, die sich mit Bildung beschäftigt. Schon in seiner Doktorarbeit hat er gefragt, wie moralisch Wirtschaft sein muss. Wann handelt sie richtig, wann falsch? Das ist letztlich immer Ansichtssache, deshalb soll jetzt das Volk entscheiden, was mit dem Euro passieren soll.
Lebensversicherung gekündigt
Man ahnt bereits, wie Seitz bei dieser Volksbefragung selbst abstimmen würde. Er glaubt längst nicht mehr an den Euro. "Der bodenständige Schwabe spürt, dass das Ganze der Wahnsinn ist", sagt er, "das Ding bricht zusammen, die Fakten sind eindeutig." Im Detail nennt er sie nicht, außer der riesigen Staatsverschuldung. Er hat auch schon Maßnahmen ergriffen für den Fall, dass die Währung zusammenklappt: Seine Frau und er haben all ihr Geld in ein Haus in Stuttgart gesteckt, in einer typischen Einfamilienhaus-Wohngegend. In diesem Jahr haben beide auch ihre Lebensversicherungen gekündigt. "Die Auszahlung, die da einmal herausgekommen wäre, wäre wertlos gewesen", sagt er. Stattdessen interessierten sie sich nun "ein bisschen für Edelmetalle". Sie haben von dem Geld also lieber Gold gekauft. "Wir verabschieden uns von diesem Geldsystem und setzen auf Anlagen, die dem Staat nicht zugänglich sind."
Nun blieben in den wirklich großen Krisenzeiten der Geschichte weder Geld noch Häuser wirklich vom Staatszugriff verschont. Sie wurden horrend besteuert oder gleich einkassiert. Das weiß Seitz, aber er quittiert es mit einem etwas ratlosen Schulterzucken: "Dagegen können Sie dann auch nichts machen. Sie können ja der Gesellschaft nicht entkommen." Er will es ja auch gar nicht, sagt er. Sonst hätte er sich ja gleich einen Bauernhof zur Selbstversorgung kaufen können, was aber für den Familienvater und seine Frau nie ein Thema war. Einerseits aus Budgetgründen: "Das ist eine Elitelösung, die man sich leisten können muss." Schließlich sei ein Bauernhof mit ordentlich Land noch teurer als ein Einfamilienhaus in begehrter Stuttgarter Lage. Außerdem seien sie in der Stadt "verwurzelt." Andererseits wäre das ja regelrecht eine Flucht, findet er. "Ich will weiter den Job machen, der mir Spaß macht, an dem Ort, den ich mag. Und ich will eine Gesellschaft, die mir das ermöglicht. Dafür habe ich Steuern gezahlt, und nicht zu knapp." All das will er nicht aufgeben, nur weil sich ein paar Politiker verrechnet haben. "Ich überlasse denen dieses Land nicht", sagt er, "kein Eskapismus!"
Aber eben ein paar Haferflockentüten für den Notfall. Das hat er von einem Argentinier gelernt. Dessen Schilderung über die Staatspleite seines Landes hatte er in einer Zeitung gelesen, mitsamt dessen Appell: "Das Wichtigste ist, dass du als Familienvater dafür sorgst, dass genügend Nahrungsmittel im Haus sind. Damit deine Familie etwas zu essen hat, auch wenn die Supermärkte mal für eine Woche oder zwei geschlossen haben." Möglich, dass der Appell bei Bernhard Seitz auf besonders fruchtbaren Boden gefallen ist, weil der 44-Jährige zu dem Zeitpunkt selber seit einem Jahr Vater einer kleinen Tochter war. "Ich konnte mich mit dem Argentinier gut identifizieren", sagt Seitz. Auf jeden Fall hat er sich daran gehalten und seine Speisekammer so aufgefüllt, dass er nun einen Monat überbrücken kann, mit Apfelmus, Thunfisch, Kakao und Haferflocken. Kürzlich musste er noch ein paar Tüten nachladen, denn ab Januar sind sie zu viert. Seine Frau findet das gar nicht merkwürdig, sondern eher praktisch. Weil sie in ihrem Zustand nicht unbedingt sofort einkaufen muss, wenn mal ein Lebensmittel aufgebraucht ist.
Das mag über die übliche Vorratshaltung hinausgehen, aber ein Nahrungsmittelbunker sei es ja nun wirklich nicht, sagt Seitz kopfschüttelnd. So hatten es die Fernsehmacher von Günther Jauchs Talksendung dargestellt, die Seitz jüngst als Mitgründer des Aktionsbündnisses eingeladen hatten. "Die Speisekammer ist aber eigentlich das Unwichtigste an der Geschichte" - so sieht das zumindest er selbst. Nach der Sendung musste er sich prompt von ein paar Leuten anhören, was er für ein "Freak" sei, auch im Internet wetterten viele Stimmen gegen ihn. Aber das sei bisher die einzige Kritik gewesen, betont er. Mit Freunden hat er viel über seine Euro-Skepsis gesprochen und über die Idee des Aktionsbündnisses. Er habe durchweg erlebt, dass sie ähnlich besorgt waren oder wütend. Mittlerweile hat er in Stuttgart einen harten Kern von 20 Bürgern zusammengetrommelt, die mit ihm Demonstrationen in allerlei Städten organisieren und bis zu 1000 Leute auf die Straße bringen.
Vielleicht musste die direkte Demokratiebewegung gerade hier entstehen, in der Stadt, deren Bürger eben erst erbittert um mehr Mitsprache bei ihrem Bahnhofsgroßprojekt kämpften - und auf diesem Wege eine Volksabstimmung erzwangen. Dass die anders ausging, als sich die Aktivisten erhofft hatten, ficht die Mitbestimmung in Seitz' Augen nicht an: Er verbucht es als enormen Erfolg, dass man jetzt endlich wisse, was die Mehrheit wolle. Und dass sich immerhin 40 Prozent der Bürger auf die Seite der Protestler geschlagen hätten. Eine Volksabstimmung um den Euro würde auf jeden Fall anders ausgehen, da ist er sicher: "In jedem Land, in dem die Bürger über den Vertrag von Lissabon abgestimmt haben und über die europäische Verfassung, war das Volk dagegen."
"Interessant und beängstigend" findet er an seinem Bündnis, dass es viele gehobene Angestellte der großen Stuttgarter Firmen wie Daimler und Bosch seien, die mitmachen, vom Projektleiter bis zum Manager "direkt unterm Vorstand". Das bestärkt ihn in seinem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Nur einen Frontmann sucht die Bewegung noch. Diverse Euro-Kritiker hat sie angeschrieben, von FDP-Mann Frank Schäffler, Initiator des Euro-Mitgliederentscheids, bis Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, Ökonomieprofessor Markus Kerber und CSU-Veteran Peter Gauweiler. "Aber mit null Komma null Reaktion." Woran das liegt, versteht Seitz nicht. Aber er kämpft weiter. Im Prinzip könnte er den Frontmann auch selber geben, das richtige Auftreten dazu hätte er jedenfalls.
Alles richtig gemacht!
Eva Maria Palmer (AstrologinPalmer)
- 29.12.2011, 22:22 Uhr
Eines greift ins andere. Und wir kommen nicht los davon!
Franz Muller (fmuller)
- 29.12.2011, 15:48 Uhr
dann wird's nicht so schlimm
Markus Paa (Markus_Paa)
- 29.12.2011, 12:52 Uhr
Noch viel dicker könnte es kommen, wenn infolge Staatsbankrotts die
vielen Empfänger von
Udo Steffen (steffenu)
- 28.12.2011, 22:53 Uhr
lieber unternehmerisch denken und handeln
ernst dennstedt (dee59)
- 28.12.2011, 16:00 Uhr
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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