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Vermögensverwaltung : ETFs gefährden Finanzmarktstabilität

An der Spitze: Die amerikanische Fondsgesellschaft Blackrock ist der größte Vermögensverwalter der Welt Bild: AFP

Eine Analyse der Bank of England kommt zu dem Schluss, dass große Vermögensverwalter Instabilität in die Finanzmärkte bringen. Sie verstärken Trends, vor allem durch börsennotierte Indexfonds (ETF).

          Die Finanzkrise hat eine ausführliche, bis heute andauernde Debatte über die von großen Banken ausgehende Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems ausgelöst. Debatten über die Bedeutung großer Vermögensverwalter für die Stabilität des Finanzsystems wurden bis in die jüngere Vergangenheit nicht geführt. Welche Gefahr soll denn auch bestehen, wenn beispielsweise einem Großanleger wie der kalifornischen Fondsgesellschaft Pimco Kunden abhandenkommen? Die Kunden geben Fondsanteile zurück, Pimco verkauft Anleihen, um die Kunden auszubezahlen, und eventuelle Kursverluste trägt der Kunde. Wo ist das Risiko?

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Andrew Haldane, in der Bank of England zuständig für die Analyse von Gefahren für die Finanzstabilität, hat sich dieser Tage in einem Vortrag mit der Rolle von Vermögensverwaltern befasst. Die Branche wächst seit geraumer Zeit enorm; die von ihr verwalteten Gelder werden rund um den Globus auf rund 87 Billionen Dollar geschätzt. In den Vereinigten Staaten entsprachen diese Anlegergelder im Jahre 1946 rund 50 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP), heute liegt der Anteil bei etwa 240 Prozent.

          Gewachsen ist auch die Bedeutung der Branchenführer: Die zehn größten Vermögensverwalter mit der amerikanischen Fondsgesellschaft Blackrock an der Spitze beherbergen etwa 25 Billionen Dollar Anlegergelder. Das sind fast 30 Prozent des gesamten verwalteten Vermögens. Haldane nennt drei Gründe, warum Vermögensverwalter nicht irrelevant sind für die Stabilität des Finanzsystems. Ein Grund ist ihr Beitrag zu der Heftigkeit von Kursausschlägen an den Finanzmärkten, die für die Verwalter selbst nicht gefährlich sein mögen, aber anfälligere Finanzhäuser wie Banken in Schwierigkeiten bringen können.

          Fonds verstärken Trends

          Der zunehmende Beitrag der Vermögensverwalter zu den Kursausschlägen erklärt sich aus der wachsenden Bedeutung börsennotierter Indexfonds (ETF), die im Grunde nichts anderes tun, als an den Kapitalmärkten vorhandenen Trends zu folgen und sie damit zu verstärken. Dies lässt sich leicht anhand eines Beispiels zeigen: Die meisten Aktienindizes, an denen sich Indexfonds ausrichten, gewichten die einzelnen Aktien nach dem Börsenwert der jeweiligen Unternehmen.

          Das führt dazu, dass ein Fonds, der den Index nachverfolgt, in einer Hausse überdurchschnittlich viele Aktien kaufen muss, deren Kurse gerade besonders stark steigen. Damit verstärkt der Fonds die Hausse. Umgekehrt muss der Fonds in einer Baisse überdurchschnittlich viele Aktien verkaufen, deren Kurse gerade stark fallen. Damit verstärkt der Fonds die laufende Baisse. Ein von einem Manager aktiv gemanagter Fonds würde sich möglicherweise anders verhalten.

          Einen zweiten Grund zur Sorge sieht Haldane in einer nachlassenden Bedeutung der Aktie ausgerechnet bei sehr langfristig orientierten Kapitalanlegern. Ein großes Thema für Versicherer, Pensionsfonds und Versorgungswerke ist die zunehmende Lebenserwartung ihrer Kunden, die sie zu einer immer langfristiger ausgerichteten Anlagepolitik zwingt. Gleichzeitig lässt sich in vielen Ländern ein nachlassendes Interesse dieser Anleger für Aktien konstatieren. Das gilt nicht nur für Deutschland, wo die Aktie traditionell keine herausragende Rolle als Anlageinstrument spielt, sondern auch in einem Land mit einer reichen Aktientradition wie Großbritannien.

          Auf sehr lange Sicht hat sich die Aktie in der Vergangenheit jedoch als eine sehr viel attraktivere Anlage erwiesen als Anleihen mit einer sehr langen Laufzeit. Haldane räumt ein, dass vielen Vermögensverwalter der Aktienerwerb wegen neuer Regulierungen erschwert wird, aber das Ergebnis hält er für unbefriedigend. Sehr langfristige Großanleger hätten früher Baissen am Aktienmarkt für Käufe genutzt und dadurch zur Stabilisierung beigetragen. In der jüngsten Finanzkrise hätten viele dieser Anleger aber genau das Gegenteil getan und in der Baisse Aktien verkauft. Damit hätten sie den Markt nicht stabilisiert, sondern zu den Kursausschlägen noch beigetragen.

          Auf die Frage, ob Vermögensverwalter aus Gründen der Finanzstabilität zu groß werden können, gibt es nach Haldane keine klare Antwort. Sehr große Vermögensverwalter mögen nach Ausbruch einer Krise schnell sehr große Bestände an Wertpapieren auf den Markt werfen und damit zu sehr kräftigen Kursverlusten beitragen, die wiederum die Panik vergrößern und eine Ausbreitung der Krise befördern. Solche Reaktionen wurden nach dem Fall von Lehman Brothers beobachtet, aber derzeit existiert keine Vorstellung, wie eine genaue Definition eines systemrelevanten Vermögensverwalters aussieht.

          Quelle: F.A.Z.

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