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Gold-Fälschungen : Ein Skandal wie aus dem Tatort

Schöner Schein: In der Deutschen Bundesbank ist alles Gold, was glänzt. Ansonsten aber kann der Schein trügen - wie Fälschungen in Berlin zeigen. Bild: dpa

Vier Tonnen Gold einer Anlegegesellschaft waren teilweise gefälscht. Insgesamt sind davon 6000 Anleger betroffen. Nun wurden erste Verdächtige festgenommen.

          In einem der spektakulärsten Betrugsfälle mit gefälschtem Gold in Deutschland der letzten Jahrzehnte hat die Polizei jetzt in Berlin, im brandenburgischen Teltow und in der Nähe von Köln vier mutmaßliche Betrüger festgenommen. Die drei Männer und eine Frau im Alter von 45 bis 67 Jahren stehen im Verdacht, rund 6000 Anleger um einen zweistelligen Millionenbetrag gebracht zu haben, wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Berlin am Mittwoch mitteilten. Die Beschuldigten hätten ihren Kunden vorgegaukelt, Gold zu kaufen - das sei aber nicht passiert. Bei den Festgenommenen handele es sich um die führenden Köpfe der beteiligten Institutionen.

          Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall seit längerem wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs, Urkundenfälschung und Verstoß gegen das Kreditwesengesetz. Seit 2011 sammelte eine Organisation namens Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF) zusammen mit ihrer Trägergesellschaft, einem Verein namens Bund Deutscher Treuhandstiftungen, in ganz Deutschland Geld mit dem Versprechen ein, es in Gold anzulegen. Zum Teil machten sie das über ganz normale Anlagevermittler und Versicherungsvertreter. Im Internet wurde für die Goldanlagen mit Worten von Bundesbankpräsident Jens Weidmann geworben, der sich in einer Rede kritisch mit der Möglichkeit von Notenbanken, Geld quasi aus dem Nichts zu schaffen, auseinandergesetzt hatte.

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          Knapp 6000 Anleger folgten dem Werben der Berliner und unterzeichneten 6200 Verträge. Sie investierten jeweils zwischen 5000 und 140 000 Euro. Insgesamt soll es um rund 57 Millionen Euro gehen. Doch keiner der Anleger weiß im Augenblick, ob und wann er sein Geld jemals wiedersieht. Denn zumindest ein großer Teil des Goldes, das die Polizei in einer spektakulären Razzia mit 120 Beamten im Februar sicherstellte und in Tresore der Bundesbank bringen ließ, war offenbar nicht echt. Unter einem Privathaus im Berliner Stadtteil Zehlendorf öffneten die Polizeibeamten einen Hochsicherheitstresor, in dem sich unter anderem das Gold der Anleger befinden sollte. In den Regalen des Tresors fanden die Beamten auch tatsächlich „goldfarbene Gegenstände aus Metall“, wie ein Teilnehmer der Razzia berichtet. Diesen vermeintlichen Goldbarren waren Gewichtsangaben eingeprägt. Alles in allem hätten sich den Prägungen zufolge rund vier Tonnen Gold im Wert von mehr als 140 Millionen Euro in dem Tresor befinden sollen.

          Aber schon eine erste Prüfung der Ermittlungsbehörden vor Ort ergab, dass zumindest nicht alle Goldbarren echt waren und die Prägungen zum Teil nicht dem tatsächlichen Gewicht entsprachen. So gab es dort relativ große angebliche Fünf-Kilo-Goldbarren, die jedoch nur 2,1 Kilogramm schwer waren. Unter einer relativ dünnen Goldschicht befand sich billiges Füllmaterial. Ein Teilnehmer der Razzia berichtete überdies, es habe goldfarbene Souvenirs unter den Goldbarren gegeben, die man als Flaschenöffner benutzen kann und die in der Schweiz in Andenkengeschäften verkauft werden.

          Nur etwa zehn Prozent des Goldes sind echt

          Das Anlagemodell der BWF-Stiftung sah vor, dass der Anleger Geld einzahlt und dafür Gold erwirbt. Das konnte er sich schicken lassen und „unter die Matratze legen“, wie es hieß. Oder aber er ließ es in den Berliner Tresoren und überließ es der Organisation im Rahmen eines sogenannten Sachdarlehens. Die Berliner sollten dann Handel damit betreiben dürfen. Sie argumentierten, es gebe immer Nachfrage nach kurzfristig verfügbarem hochwertigen Gold von Seiten der Juweliere. Dafür boten die Berliner im Gegenzug an, nach einem festgelegten Zeitraum (zwei, vier oder acht Jahren) dem Anleger eine größere Menge Gold zurückzuerstatten, als sie sich zuvor geliehen hatten. Im ersten bis vierten Jahr sollte es vier Prozent geben, im fünften bis achten Jahr fünf Prozent und im neunten bis zwölften Jahr jährlich 6,5 Prozent.

          Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hatte der BWF-Stiftung am 25. Februar das weitere Betreiben des Einlagengeschäfts (als solches betrachtete sie die Konstruktion des Geschäfts) untersagt und die unverzügliche Abwicklung angeordnet. Der Frankfurter Rechtsanwalt Georg Bernsau wurde zum Abwickler des Goldgeschäfts bestellt. Am 17. Juni wurde dann das Insolvenzverfahren über dem Bund Deutscher Treuhandstiftungen eröffnet. Insolvenzverwalter ist der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Laboga. Heute soll in Berlin in der TU die Gläubigerversammlung stattfinden. 250 Gläubiger haben sich angemeldet. „Nach heutigem Stand gehen wir davon aus, dass nur etwa zehn Prozent des Goldes echt sind“, sagte Laboga der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Was können betroffene Anleger machen? Der Frankfurter Anwalt Klaus Nieding rät: Anleger sollten ihre Forderungen im Insolvenzverfahren geltend machen, eine mögliche Haftung der Vermittler und freien Vertreter im Vertrieb prüfen und Ansprüche gegen mögliche Hintermänner der BWF-Stiftung geltend machen. Das sei schwierig und bedürfe vermutlich der anwaltlichen Hilfe. „Man kann prüfen, ob die Vermittler und Versicherungsvertreter nicht hätten erkennen müssen, dass die ganze Sache problematisch war“, sagte Nieding. „Möglicherweise muss deren Versicherung für einen Schaden einspringen.“

          Beobachter der Gold-Szene in Deutschland äußerten, vergleichbare Betrugsfälle mit Goldbarren, die innen mit Füllmaterial ausgestopft werden, seien relativ selten. Hin und wieder sollen solche Barren aus Asien auch hier aufgetaucht sein. Als die Bundesbank Teile ihrer Goldvorräte aus dem Ausland zurückgeholt hat, wurden deshalb zum Teil aufwendige Prüfungen angestellt. Als auffällig bezeichneten Insider, dass im jüngsten Goldfälscherskandal das Vorgehen der Täter eine gewisse Ähnlichkeit mit einer frühen Folge der Kriminalfilmreihe „Tatort“ hatte. In dem Film „Frankfurter Gold“ vom 4. April 1971, dem sechsten Tatort überhaupt, ging es um den Anlagebetrug mit Wertpapieren auf Goldbarren, die zum Teil mit Wolfram gefüllt wurden.

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