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Erbschaftsteuer Nach der Reform gerechter

10.11.2007 ·  Nach dem Entwurf des neuen Erbschaftsteuergesetzes werden Söhne und Töchter als Erben privilegiert, Neffen und Nichten benachteiligt. Das finden die meisten Deutschen in Ordnung.

Von Patrick Bernau
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Wenn über die Erbschaftsteuer gestritten wird, ergeben sich ungewöhnliche Koalitionen. Liberale Geister argumentieren zusammen mit Linken - und fordern eine möglichst hohe Steuer. Einige tun dies, obwohl sie selbst am stärksten davon betroffen wären. Und obwohl sie so eine breite Koalition für eine hohe Steuer bilden, bleiben sie in der Minderheit. Die Mehrheit bilden viele Menschen, die nichts erben, aber die Erbschaftsteuer trotzdem ablehnen. Das Vertrackte daran ist: Beide Positionen sind schlüssig. Wichtig ist nur, auf wen man blickt: auf die Eltern oder auf die Kinder.

Warren Buffett zum Beispiel blickt auf seine Kinder. Er ist einer der reichsten Männer der Welt, aber seine Kinder bekommen von seinem Geld kaum etwas. Das meiste hat Buffett gespendet. „Es gibt keinen Grund, warum künftige Generationen kleiner Buffetts das Land beherrschen sollen, nur weil sie aus der richtigen Gebärmutter kommen“, sagt er - und formuliert damit den wichtigsten Grund für eine Erbschaftsteuer.

Privilegierte erhalten mehr

Wer auf die Kinder blickt, sieht nicht ein, dass manche eine große Erbschaft bekommen und die meisten gar keine. „Für die Erben ist das ein unverdientes Einkommen, für das sie auch noch weniger Steuern zahlen müssen als für erarbeitetes“, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Jens Beckert.

Zumal die großen Erbschaften meist die Kinder treffen, denen es sowieso schon ganz gut geht. Denn wer an der Universität war und ohnehin recht viel Geld verdient, der hat eher reichere Eltern als der Hilfsarbeiter mit Hauptschulabschluss. Ein Forscherteam um Martin Kohli vom Europäischen Universitäts-Institut in Florenz hat das bewiesen, indem es die deutschen Erbschaften ausgezählt hat. Das ist keine schöne Botschaft in einer Woche, in der das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung festgestellt hat: Die Vermögen in Deutschland sind deutlich ungleicher verteilt als die Einkommen.

Motivationshemmer Erbe

Dabei tut dem reichen Sohn und der reichen Tochter diese Erbschaft oft gar nicht gut. Meist erhalten sie das Geld zwar erst mit 50 oder 60, nachdem ihre Eltern im hohen Alter gestorben sind. Doch schon die ganze Zeit vorher wissen sie: Meine Rente ist sicher. Also finden viele es unnötig, sich anzustrengen. Das ist ein Verlust für die Gesellschaft, glaubt Marc Szydlik von der Universität Zürich: Verloren geht gerade das Engagement der Menschen, die von ihren Eltern einiges darüber gelernt haben, wie man sich wirtschaftlich erfolgreich durchs Leben schlägt, wie man zum Beispiel ein Unternehmen aufbaut und Arbeitsplätze schafft.

Wer auf die Kinder blickt, findet große Erbschaften deshalb meistens schlecht - und die Erbschaftsteuer gut. Szydlik verweist auf die drei typischen Kriterien der Gerechtigkeit, an denen sich Einkommen messen lassen muss: Erstens die Gleichheit: Sie lässt sich über Erbschaften nicht erreichen. Zweitens die Bedürfnisgerechtigkeit, „wer braucht, dem wird gegeben“: Auch damit haben Erbschaften nichts zu tun. Und die Leistungsgerechtigkeit: „Na ja“, sagt Szydlik. Die Kinder haben das Geld schließlich nicht erarbeitet.

Strafe für den Erblasser

Aber die Eltern haben das Geld erarbeitet. Und wer auf die blickt, findet die Erbschaftsteuer meistens ganz schrecklich. Die Eltern haben doch das Geld schon mal versteuert, als sie es verdient haben - der Staat soll doch dann die Finger davon lassen. In dieser Sichtweise haben die Eltern das Recht, ihr Einkommen vollständig an ihre Kinder weiterzugeben. Dafür müssen die Kinder gut damit umgehen - und nicht so wie Paris Hilton, die dieses Jahr enterbt worden sein soll.

„Erbschaften sind Familienvermögen“ - so beschreibt Max-Planck-Soziologe Jens Beckert diese Position. Sie ist auch heute noch im deutschen Sozialrecht verankert. Nämlich dann, wenn die Eltern gepflegt werden müssen und das Ersparte ausgeht. Unter einigen Umständen zahlt der Staat dann keine Sozialhilfe, sondern er verlangt von den Kindern, dass sie für ihre Eltern aufkommen, wenn sie das können. Die Kinder müssen also zahlen, wenn die Ersparnisse der Eltern nicht das ganze Leben lang reichen - warum sollen sie dann nicht auch voll davon profitieren, wenn die Ersparnisse der Eltern länger halten als das Leben?

Deutsche auf der Seite der Eltern

Die meisten Deutschen blicken auf die Eltern. In einer Umfrage des Soziologen Markus Schrenker von der Humboldt-Universität Berlin haben fast 90 Prozent zumindest eingeschränkt dem Satz zugestimmt: „Es ist gerecht, dass Eltern ihr Vermögen an ihre Kinder weitergeben, auch wenn das heißt, dass Kinder reicher Eltern im Leben bessere Chancen haben.“

Diese Ansicht hat in Deutschland die Mehrheit. Und wenn sich zwei so gut begründete Positionen so unvereinbar gegenüberstehen, ist es ganz gut, auf die Mehrheit zu hören.

Die neue Erbschaftsteuer ist ein Schritt in diese Richtung. Die enge Familie wird entlastet: Kinder und Eltern (vgl. So funktioniert die neue Erbschaftsteuer; Erbende Neffen werden wie Fremde besteuert). Die entfernteren Verwandten verlieren, die Neffen zum Beispiel. Sie gehören nicht mehr zur Familie, der das Vermögen gehört - hier fällt der Blick nicht auf die Eltern, sondern auf die Erben. Und die müssen in Zukunft mehr zahlen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.11.2007, Nr. 45 / Seite 58
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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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