Home
http://www.faz.net/-gv6-4451
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dosenpfand Gewinner und Verlierer der Dosenpfandregelung

27.01.2003 ·  Der Startschuss für das neue Pfandsystem ist gefallen. Für die Automatenbranche, die Entsorger, den Handel und die Verpackungsindustrie hat das Folgen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mit dem ersten Januar dieses Jahres fiel der Startschuss für die Umsetzung des neuen Pfandsystems in Deutschland gefallen. Für Kapitalmarktteilnehmer stellt sich die Frage, welche börsennotierten Unternehmen als Gewinner oder Verlierer aus diesem Prozess hervorgehen werden und damit Anlagechancen eröffnen.

Die Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) hat eine Kurzstudie veröffentlicht, die einige Anhaltspunkte liefert.

Automatenbranche als Gewinner

Insgesamt erwartet die LRP vor allem Auswirkungen der neuen Pfandregelung auf die Automatenbranche. Die Unternehmen dieser Branche rechnet die Experten der Bank zu den Gewinnern de neuen Regelung. Zudem wird sich die Branche der Entsorgungsunternehmen mit einer Verschiebung der Umsätze und damit der Marktanteile konfrontiert sehen.

Der Handel, sowie Abfüller und Verpackungsindustrie werden, nach Ansicht der LRP, als so genannte „Verursacher“ die Kosten des Dosenpfands zu tragen haben. Potenzielle Gewinner und Verlierer könnten nur bei differenzierter Betrachtung ermittelt werden.

Konsumentenbewegung von Glas zu PET

In der Verpackungsindustrie werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Hersteller von Weißblechdosen Einbußen zu verbuchen haben. Dagegen dürften Aluminiumdosen ihren Marktanteil zukünftig steigern. Diese Entwicklung lässt den größten Dosenproduzenten Schmalbach-Lubeca, der von der amerikanischen Ball Corporation übernommen wurde, bereits leiden. Aufgrund des Auslistens vieler Getränkedosen durch die Händler haben Abfüllfirmen bereits Aufträge storniert. Derzeit stehen 80 Prozent der deutschen Produktionskapazitäten von Schmalbach-Lubeca still.

Die Bewegung der Konsumenten weg von der Einweg-Glasflasche hin zu leichten Einweg-PET-Flaschen, die bereits in der Vergangenheit zu beobachten war, wird sich nach Einschätzung der LRP weiter verstärken. In Deutschland hat sich der Verpackungsmaschinenhersteller Krones auf PET-Maschinen spezialisiert. Die Angst vor einem Wegfall der Einwegverpackungen hatte den Kurs zeitweise deutlich einbrechen lassen. Die Analysten der LRP halten diese Reaktion angesichts des Zukunftspotenzials des PET für überzogen.

Die Glasverpackung wird nach Einschätzung der Studie trotz einer PET-Bepfandung weiter zurückgehen. Diese Entwicklung werde allerdings kurzfristig noch nicht spürbar werden, da vor Einführung des ausgereiften Rücknahmesystems die Dosen und PET's durch die umständliche Rücknahme noch Einbußen erleben werden. Dennoch ist der Rückgang bei Glasverpackungen abzusehen, was sich bislang aber noch kaum in den Kursen der Hersteller, wie etwa dem des Glasproduzenten Saint Gobain Oberland, niedergeschlagen habe.

Abfüller und Getränkeindustrie

Bei den Abfüllern zeigt sich ein ähnlich differenziertes Bild wie in der Verpackungsindustrie. Kleine und mittlere Betriebe dürften auf das Pflichtpfand positiv reagieren. Anders dürfte es den großen Abfüllern ergehen, die beide Vertriebsschienen, Einweg und Mehrweg, bedienen. Sie dürften im Allgemeinen aus der Pflichtbepfandung kaum Nutzen ziehen. Hier steht eher eine Verlagerung der Umsätze nach Einführung des endgültigen Pfandsystems an. Aus dem Kursverlauf zum Beispiel der deutschen Brau und Brunnen lässt sich das Abklingen der Euphorie ablesen und dürfte stellvertretend auch für die Coca-Cola Erfrischungsgetränke und der Blauen Quellen, einer Tochter des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, stehen.

Einzelhandel

Der Handel spaltet sich nach Ansicht der LRP in mehrere Lager. Die großen Handelsketten und Discounter wie Aldi, Tengelmann, Spar und Lidl werden zwar auch negative Konsequenzen zu tragen haben, doch die anfallenden Kosten sind im Verhältnis zu den Gesamtkosten oder dem Konzernumsatz nur marginal. Im klassischen Lebensmitteleinzelhandel mit den so genannten Vollsortimentern wie Metro und Wal-Mart sehe es ähnlich aus. Zwar fallen in diesem Bereich die Investitions- und Betriebskosten für Automaten an, aber auch diese würden angesichts der Umsatzvolumina nur geringe Auswirkungen haben. Die kursbelasteten Einflüsse der Pfandregelung dürften deshalb mittelfristig auslaufen.

Entsorgungsindustrie

Im Bereich der Entsorgungsindustrie ist von einer Verschiebung der Zuständigkeiten auszugehen. Große Entsorger werden von ihrem deutschlandweiten Entsorgungsnetz profitieren, schätzt die LRP und erwartet, dass die verantwortlichen Verbände (Verpackungsindustrie, Abfüller, Händler) auf die großen Entsorgungsunternehmen, die in ganz Deutschland standardisierte Prozesse zur Verfügung stellen können, als Partner zurückgreifen werden. Ein erhöhter Konzentrationsprozess im Bereich Entsorger dürfte daher eine Folge des Dosenpfands sein. Ein zentraler Vorteil für die Gewinner der Branche liegt in der organisierten Rückführung der Einwegverpackungen.

Nach Ansicht der LRP-Studie befindet sich die RWE Umwelt als größter privater Entsorger Deutschlands mit einem Marktanteil von etwa drei Prozent in einer guten Ausgangsposition. Wichtigster Wettbewerber ist die Trinkpack, ein Zusammenschluss mehrerer deutscher Entsorger. Die Aktien des Unternehmens befinden sich ausschließlich im Besitz seiner Mitglieder und werden nicht an der Börse gehandelt.

Bei kleinen und mittleren Entsorgern dürfte durch den Rückgang der Mülltonnagen Umsatzeinbußen nicht zu vermeiden sein. Hiervon könnten Unternehmen wie die Landbell oder die Interseroh trotz ihres ausgereiften Angebots betroffen sein.

Das Duale System Deutschland (DSD) ist für die LRP einer der großen Verlierer des Dosenpfandsystems. Denn durch die Pfandlösung wird die Rückgabe vieler Verpackungen aus dem System herausgezogen. Das bedeutet, dass dem DSD Lizenzentgelte entzogen werden. Nach eigenen Angaben würde nach einer Verabschiedung des ausgeweiteten Systems von Bundesumweltminister Trittin Mitte Februar das DSD nicht mehr profitabel agieren können.

Die ab Oktober zu erwartende Rückgabelösung sieht eine so genannte Clearingstelle vor, die für Ausgleichszahlungen innerhalb des Systems verantwortlich ist. Nach Ansicht der LRP hat die Trinkpack gute Chancen, den Wettlauf um den Zuschlag zu gewinnen.

Automatenhersteller, Sicherheitslabel und Maschinenbau

Als größte Gewinner des Dosenpfands sieht die Studie die Automatenhersteller. Aufgrund der Dringlichkeit und der hohen Sicherheitsanforderungen kämmen nur wenige Hersteller für das neue Pfandsystem in Frage. Es sei davon auszugehen, dass ab Oktober mindestens 40.000 Automaten zur Verfügung gestellt werden müssten. Eine Zahl, die sich in den kommenden Jahren sogar verdoppeln könnte. Die Branche erwartet durch das neue System einen zusätzlichen Umsatz von rund 600 Millionen Euro.

Am besten positioniert in diesem Markt sei der norwegische Automatenhersteller Tomra Systems. Da die erste Tranche der benötigten Automaten die Kapazitäten der Tomra bei weitem übersteigen, könnten somit auch deutsche Hersteller mit kurzfristigen Umsatzzuwächsen rechnen, die über Tomra-Lizenzen am anstehenden Geschäft teilhaben dürften. Trotz der jüngsten Kurssteigerungen sieht LRP-Analystin Katja Blanke noch weitere Fantasie in der Tomra-Aktie. Die Deutsche Pfand dürfte nach Auffassung Blankes eine starke Mitläuferrolle spielen. Das gleiche würde im Falle einer zusätzlichen Sicherheitsmarkierung durch Labels für die Trinkpack und die November gelten. Speziell die November AG bietet mit einem kaleidoskopartigen Sicherheitslabe einen interessanten Ansatz für Sicherheitsüberprüfungen. Sollten zusätzliche Markierungen notwendig werden, könnte dies der Aktie zusätzliche Impulse verleihen.

Keine nachhaltige fundamentale Verbesserung

Abschließend erwartet die Studie aber keine nachhaltige fundamentale Verbesserung in der Branche. Durch das neue Pfandsystem würden einmalige Investitionen getätigt, die sich voraussichtlich nur begrenzt, etwa durch Ersatzinvestitionen, fortführen ließen. Dennoch könne das diesjährige starke Interesse an diesem Sektor die Aktien kurzfristig weiter beflügeln.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%