http://www.faz.net/-gv6-8djg3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.02.2016, 12:47 Uhr

Schweden Land ohne Bargeld

Wer in Schweden mit Münzen und Scheinen bezahlt, ist ein Außenseiter. Sogar die Kirche sammelt die Kollekte lieber bargeldos ein. Sieht so unsere Zukunft aus?

von
© AFP Schön bunt, aber unbeliebt: Schwedens Bürger zahlen lieber bargeldlos.

Uppsala kennen viele Deutsche vor allem aus dem bald fünfzig Jahre alten Schlager: Ein blutjunges Mädchen verliebt sich für eine Nacht in einen flotten Studenten, der sie erwartungsgemäß professionell um den Finger wickelt. Ein Lied zum Mitträllern, vor allem bei den zeitlos reimenden Zeilen: „Und wir hatten kein Geld, aber schön war die Welt, denn der Himmel war nah und mein Student aus Uppsala.“

Sebastian Balzter Folgen:

Es gibt, außer den Studenten, aber noch andere gute Gründe für einen Besuch in der schwedischen Universitätsstadt. Für alle, die einfach nicht daran glauben wollen, dass ein Leben ohne Bargeld möglich ist, sollte beispielsweise der Dom zum Pflichtprogramm gehören. Eine Minute der Besinnung unter dem imposanten Backsteingewölbe, dann ein Gang zu dem am Ausgang aufgestellten Gerät. Es sieht wie ein notdürftig mit Holz verkleideter Geldautomat aus. Aber das wäre nicht nur geschmacklos, sondern in Schweden auch ein Anachronismus. Schließlich ist Bargeld in keinem anderen Land der Welt so aus der Mode gekommen wie hier. Wer wollte da in einer Kirche Geld abheben? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es ist, für alle Wohltäter ohne Münzen und Scheine in der Brieftasche, ein sogenannter Kollektomat – zur Spendenabgabe mit der Kreditkarte.

Mehr zum Thema

Acht Jahre ist es schon her, dass das Gerät in Uppsala aufgestellt wurde, ein kleines Familienunternehmen hatte das Modell entwickelt, es wurde zu einem durchschlagenden Erfolg. Inzwischen stehen Kollektomaten überall im Land in Hunderten von Kirchen aller Konfessionen, die Gemeinden berichten von deutlich gestiegenen Einnahmen. In den Klingelbeutel legt kaum jemand mehr als einen Zwanzig-Kronen-Schein, heißt es, das sind umgerechnet nicht viel mehr als zwei Euro. Am Automaten dagegen, der über ein Multiple-Choice-Menü sogar eine Zweckbindung der Spende etwa für die Aidshilfe, die neue Orgel oder den nächsten Kirchenkaffee erlaubt, liegt der Betrag selten unter dem Fünffachen.

Bezahlen ohne Bargeld

Sosehr die Deutschen am Bargeld hängen, sosehr lieben die Schweden – auch wenn sie ihre eigene Währung, die Krone, in einer Volksabstimmung gegen den Euro gerettet haben – das Bezahlen ohne Bargeld. Die Kollektomaten im Dom von Uppsala sind dafür nur besonders prägnante Beispiele. Genauso wie die mobilen Kartenlesegeräte, die sich die Verkäufer einer Stockholmer Obdachlosenzeitung vor ein paar Jahren angeschafft haben, um ihre Kunden nicht zu verlieren, die nur noch selten bereit waren, mit Bargeld zu zahlen.

Im Alltag spielt es eine größere Rolle, dass die Schweden in der Bäckerei die Tüte Brötchen genauso selbstverständlich mit der Karte zahlen wie die Zeitung am Kiosk und das Bier in der Bar, dass im Café für alles, was weniger als zwanzig Euro kostet, dank Funk-Chip nicht einmal eine Unterschrift oder Pin-Nummer mehr nötig ist; kaum hält der Kunde seine Karte in die Nähe des Lesegeräts, ist der Betrag schon abgebucht. Dass kleine Rechnungen unter Freunden immer öfter über eine Smartphone-App beglichen werden, die Überweisungen so einfach macht wie Whatsapp-Tippen. Und dass vielerorts nicht einmal die Banken mehr Bargeld annehmen, was für deutsche Ohren wie ein schlechter Witz klingt. Knapp 1800 Filialen führt der schwedische Bankenverband in seiner Statistik, 900 sind schon bargeldlos, Tendenz steigend. Nicht einmal der Verweis, dass Geldautomaten die Funktion der Kassenschalter übernehmen, zieht richtig. Auch deren Zahl sinkt seit 2011 stetig.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kundenservice Bayerische Sparkassen bringen Bargeld nach Hause

Die Bayrische Sparkasse bietet ihren Kunden einen neuen Service – die Bargeldlieferung in die eigenen vier Wände. Kunden in Orten ohne Geldautomat erhalten sogar Bustickets. Mehr

16.05.2016, 18:50 Uhr | Finanzen
Finanzen Die deutsche Sparer-Seele

Wäre da nicht schon der Adler, dann hätte mit Sicherheit das Sparschwein einen Platz im deutschen Wappen gefunden. Sparen liegt den Deutschen im Blut. Und daran wird auch unverdrossen festgehalten: Woher kommt dieser Drang der Deutschen, für schlechte Zeiten etwas zurückzulegen? Mehr

04.05.2016, 16:37 Uhr | Finanzen
Bank-Aktien Warum die Banken-Flaute bald vorbei sein könnte

Die Banken haben sich zum Dauerpatienten an den Finanzmärkten entwickelt. Zumindest die technische Aktien-Analyse gibt aber positive Signale für die Branche. Mehr Von Wieland Staud

27.05.2016, 12:09 Uhr | Finanzen
Bankenlandschaft Deutsche Banken sind besonders ertragsschwach

Das Bankhaus Metzler sieht sich auf gutem Wege, ist aber besorgt für die deutsche Finanzbranche insgesamt. Mehr

27.05.2016, 14:08 Uhr | Finanzen
Hackerangriffe Banken bangen um ihre Computersysteme

Die Deutsche Bank legt vor dem Brexit-Stichtag Erneuerungsarbeiten auf Eis. Die Stabilität wird zudem durch die Angriffe von Hackern auf die Probe gestellt. Mehr Von Markus Frühauf

19.05.2016, 09:19 Uhr | Finanzen

„Premium Economy“ Mehr Beinfreiheit!

Premium Economy heißt ein neues Angebot der Fluglinien: ein bisschen mehr Platz für mehr Geld. Mehr Von Dyrk Scherff 1 9

Abonnieren Sie „Finanzen-Analysen“

Wertpapiersuche