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Supermarkt in Jordanien : Wo Flüchtlinge mit einem Augenblick bezahlen

Einmal recht freundlich: Iris-Scan an der Kasse in Za’atari Bild: Tim Kanning

Iris-Scan und Blockchain: Ein jordanischer Supermarkt an der Grenze zu Syrien nutzt bereits Technik, die in Europa noch erforscht wird. Das soll für mehr Sicherheit und geringere Kosten sorgen.

          Der junge Mann im hellgrauen Jogginganzug hat für die ganze Familie eingekauft. Zwei Paletten Eier, eine große Flasche Pflanzenöl, mehrere Fischkonserven, Nudeln und Salat türmen sich auf dem Band an der Supermarktkasse. Die Kassiererin hat alles über den Scanner gezogen und zeigt ihm den Betrag für seinen Einkauf. Doch statt zum Portemonnaie zu greifen, schaut der Kunde mit dem Dreitagebart und den schulterlangen Haaren nur in ein kleines schwarzes Gerät, das die Dame ihm hinhält. Es piept, und schon hat er bezahlt.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Supermarkt liegt nicht gerade an einem Ort, an dem man eine finanzielle Revolution erwarten würde. Der einfache Betonbunker steht im kargen, wüstenartigen Norden Jordaniens, in einem riesigen Flüchtlingslager nahe der syrischen Grenze. Und doch ist der Supermarkt einer der ersten auf der Welt, in dem alle Kunden mit dem Muster ihrer Iris bezahlen statt mit Karten oder Bargeld. Wenn es nach den großen Finanzunternehmen der westlichen Welt geht, könnte auch hierzulande die Zukunft des Bezahlens ähnlich aussehen.

          Iris-Abdruck soll Missbrauch verhindern

          80.000 Flüchtlinge leben in dem Camp Za’atari, das die Vereinten Nationen mit Hilfe vieler internationaler Geldgeber und Hilfsorganisationen betreibt. Dafür, dass die Bewohner darin nicht verhungern, ist das Welternährungsprogramm (WFP) zuständig. Als der Bürgerkrieg im Nachbarland vor fünf Jahren seinen Lauf nahm und immer mehr Flüchtlinge über die Grenze nach Za’atari kamen, stellte die Organisation erst einmal nur Essensportionen für jeden zur Verfügung. Gegen Gutscheine sollte jeder Bewohner gerade so viele Kalorien erhalten, dass er nicht hungrig ins Bett gehen musste. Doch das System hatte seine Tücken. Wie in Deutschland auch haben manche Flüchtlinge sich mehrere Identitäten zugelegt. Unter verschiedenen Namen konnten sie so mehrfach an die Hilfsmittel gelangen. Bald blühte ein Schwarzmarkt, einige Bewohner trugen die knappen Essensvorräte auch in die umliegenden Städte, um sie dort gegen echtes Geld zu verkaufen.

          Das Zahlen mit dem Iris-Abdruck soll solchen Missbrauch verhindern. Nach Angaben des Welternährungsprogramms hat jeder Mensch eine unverwechselbare Irisstruktur und kann zweifelsfrei daran identifiziert werden. So kann die Iris innerhalb des Flüchtlingslagers nun zum Bezahlen verwendet werden. Und das geht so: Jeder Bewohner erhält vom Welternährungsprogramm umgerechnet rund 28 Dollar im Monat auf ein Konto überwiesen. Sobald er in dem Supermarkt seine Iris einscannen lässt, werden die Daten mit der Datenbank des Flüchtlingshilfswerks UNHCR abgeglichen, wo sich alle Bewohner des Camps registrieren lassen mussten.

          Welternährungsprogramm ist mit dem Ergebnis zufrieden

          Im Februar 2016 hat das WFP die Methode erstmals in einem kleineren Flüchtlingslager in Jordanien ausprobiert. Seit gut einem Jahr bezahlen nun die Bewohner des größten Lagers Za’atari auf diese Weise ihre Einkäufe. Die Technik stellt das Londoner Unternehmen Irisguard. Aus Sicht des Welternährungsprogramms ist die neue Zahlmethode ein Erfolg. „Der Iris-Scan gibt den Flüchtlingen die Freiheit, ihr Geld auszugeben, wann immer und für was sie wollen“, sagt Reema Alnajjar, die für das Welternährungsprogamm in Za’atari arbeitet. „Das Verfahren gibt ihnen mehr Würde.“

          In einem benachbarten Lager von Za’atari, das mit 10.000 Einwohnern deutlich kleiner ist, hat die UN-Organisation schon den nächsten Schritt eingeleitet: dort werden seit Mai alle Transaktionen innerhalb einer Blockchain abgewickelt. Die Technologie, die unter anderem hinter der Digitalwährung Bitcoin steht, gilt in der Finanzwelt seit einigen Jahren als das nächste große Ding, weil sie Handelsgeschäfte zu geringeren Kosten und transparenter ermöglichen könnte.

          Günstiger und sicherer

          Die möglichen Verwendungen werden mit großem Eifer erforscht. Das WFP ist mit seinem Projekt in Jordanien so zufrieden, dass vom nächsten Jahr an sämtliche Einkäufe von Flüchtlingen in den Lagern dort, aber auch in den herkömmlichen Ortschaften über die Blockchain abgewickelt werden sollen.

          Statt wie bisher liegt das Konto des Flüchtlings dann nicht bei einer herkömmlichen Bank, sondern ist als Datensatz innerhalb des Blockchain-Netzwerks hinterlegt. Darin sind die Daten zur Identität des Flüchtlings inklusive seines Iris-Musters hinterlegt und eben sein aktueller Kontostand. Kauft er in einem Supermarkt ein, wird der Betrag in dem Datensatz automatisch von seinem Kontostand abgezogen.

          Aus Sicht des Welternährungsprogramms hat das mehrere Vorteile: So sparen die Helfer allein 150.000 Dollar im Monat und verringern die Bürokratie dadurch, dass sie nicht mehr mit Banken zusammenarbeiten müssen. Zudem bekommen diese Unternehmen keine Informationen mehr über das Einkaufsverhalten. Laut WFP hat sich die Blockchain, die jede Transaktion automatisch auf ihre Richtigkeit prüft, in dem ersten halben Jahr auch als deutlich sicherer erwiesen als das herkömmliche System, in dem verschiedene Personen die Datenmengen kontrollieren mussten.

          Quelle: F.A.Z.

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