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Aktualisiert: 03.05.2017, 18:14 Uhr

Geldirrtümer Die Kunst des Kopfrechnens

Wer Kopfrechnen beherrscht, den kann man nicht so leicht reinlegen. Das hilft im Supermarkt wie in der Bank.

von
© Getty Kopfrechnen ist für viele Menschen ein schweres Unterfangen.

Die gute Nachricht vorneweg: Die Lage ist nicht aussichtslos. So viel Trost gewährt der Blick auf die Bücherverkaufsrangliste von Amazon. Dort steht „Mathe ist ein Arschloch“, geschrieben vom deutschen Komiker Luke Mockridge, dem reißerischen Titel zum Trotz nur auf Platz 175.374 und damit weit abgeschlagen hinter dem Büchlein „Rechnen mit dem Weltmeister“ von Gert Mittring, das auf Platz 104.045 rangiert.

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Mittring ist Psychologe, Erziehungswissenschaftler, Informatiker – und Rechenkünstler. Elfmal ist er seit 2004 Weltmeister im Kopfrechnen geworden, außerdem hält er den Weltrekord im Wurzelziehen. Wenn sich mehr Leute für seine Rechentricks interessieren als für die Bestätigung der nicht allein unter Schülern verbreiteten Ansicht, das Leben sei nur ohne Mathe menschenwürdig, dann besteht ein zarter Grund zur Hoffnung.

Und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens für die intellektuelle Beweglichkeit jedes Einzelnen und das allgemeine Wohlbefinden, dem Hirnjogging bekanntlich förderlich ist, vor allem in unserer alternden Gesellschaft. Zweitens für den ewigen Wettbewerb der klugen Köpfe, in dem die notorisch rechenfaulen Deutschen gegenüber den matheseligen Indern und Chinesen dringend Boden gutmachen müssen. Drittens für das Niveau der öffentlichen Debatte, die viel zu oft von verzerrten Statistiken in die Irre geführt wird, was sich mit einer Prise mathematischen Verständnisses korrigieren ließe. Und viertens für unser aller Portemonnaie.

Man kann zum Lobpreis der Mathematik noch viel höher zielen. „Wie die Liebe und die Musik hat Mathematik die Fähigkeit, Menschen glücklich zu machen“, verheißt der Stuttgarter Statistik-Professor Christian Hesse sogar. „Mit ein bisschen Mathematik können wir unser Leben viel selbstbestimmter und selbstbewusster führen“, stimmt Albrecht Beutelspacher ein, der in Gießen das Mathe-Museum „Mathematikum“ gegründet hat.

„Das ist alles ganz simpel“

Jetzt aber soll es nicht ums große Glück gehen, sondern gewissermaßen ums Kleingeld – und darum, wie daraus mit den Jahren beachtliche Summen werden können. Denn wer rechnen kann wie ein Weltmeister, wird deshalb zwar nicht zwangsläufig reich wie ein Scheich. Aber vor einer falschen Geldanlage kann uns ein bisschen Kopfrechnen oft durchaus bewahren. Genauso wie vor der Falle, die eigenen finanziellen Möglichkeiten zu überschätzen. Und erst recht davor, dem verführerischen Säuseln der Werbung auf den Leim zu gehen, wenn es in Wahrheit nur darum geht, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.

„Das ist alles ganz simpel“, verspricht Gert Mittring, der Rechenkünstler aus Bonn, der inzwischen auch als Botschafter der Stiftung Rechnen (Schirmherrin ist Bildungsministerin Johanna Wanka, Geldgeber sind die Börse Stuttgart und die Comdirect-Bank) für sein Fach wirbt und ein Kopfrechnentraining für Schulklassen entwickelt hat. Das Versprechen, Rechnen sei kein Hexenwerk, steht dabei stets am Anfang.

Denn da gilt es ein meist in vielen frustrierenden Schulstunden angehäuftes Misstrauen zu überwinden. Wenn das gelingt, ist es in vielen Fällen schon mehr als die halbe Miete. Die vier Grundrechenarten, Prozent- und Wahrscheinlichkeitsrechnung wird dann tatsächlich fast jeder hinbekommen. Gert Mittring verspricht sogar noch mehr: eine Faustformel für die Zinsrechnung im Kopf, die für viele ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Aber eins nach dem anderen. Die grundlegende geldwerte Übung im Kopfrechnen, die Mittring empfiehlt, ist vergleichsweise unspektakulär. Es geht darum, Größenordnungen richtig einzuschätzen. Das kann sich zum Beispiel beim Einkaufen im Supermarkt oder vorm Begleichen der Rechnung im Restaurant lohnen. Der klassische Weg ist, die Preise der Waren im Einkaufswagen oder der verzehrten Speisen und Getränke im Kopf auf ganze Eurobeträge zu runden und zusammenzuzählen. Bei Testkäufen, berichtet Mittring, sei fast jeder zweite Supermarkt-Bon fehlerhaft gewesen – überwiegend zu Lasten der Kunden.

Eine Ecke anspruchsvoller ist das Multiplizieren

Ob dahinter eine böse Absicht der Anbieter steckte, Unachtsamkeit des Personals oder Fehler in der Kassensoftware, ist nicht Sache des Rechenmeisters. Ihm geht es vielmehr darum, Hilfestellung beim Überschlagen zu leisten. „Unser Problem dabei ist die Reizüberflutung, der wir beim Einkaufen ausgesetzt sind“, sagt Mittring. „Deshalb brauchen wir ein Verfahren, um unser Gedächtnis zu schonen.“ Beim Addieren der gerundeten Preise genügt es gewöhnlich, die einzelnen Positionen im Kopf so zu zerlegen, dass die besonders fehlerträchtigen Zehnerübergänge vermieden werden – also nicht 38+17 zu rechnen und dann irgendwo zwischen 45 und 65 ins Schlingern zu kommen, sondern mit 38+2+10+5 korrekt bei 55 zu landen.

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