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Niedrigzins : Bürger horten immer mehr Bargeld

Gefragtes Papier: Manch einer dürfte die Scheine bündelweise zu Hause lagern. Bild: dpa

Die Nachfrage nach 1000-Franken-Banknoten steigt. Die Schweizer horten Bargeld, um die Negativzinsen zu umgehen. Aber auch im Euroraum wächst die Nachfrage nach Bargeld.

          Sie ist in dunklen Lilatönen gehalten, und normalerweise bekommt man sie kaum in die Hand: die Banknote im Wert von 1000 Schweizer Franken. Das Papier mit dem Konterfei des Kulturhistorikers Jacob Burckhardt hat unter allen Banknoten dieser Welt die höchste Kaufkraft. Die Schweiz ist zwar ein teures Pflaster. Aber wer im Laden mit einem Tausender bezahlen wollte, würde für Stirnrunzeln sorgen. Gleichwohl: Die Nachfrage nach 1000-Franken-Banknoten nimmt in der Schweiz deutlich zu. Nach Berechnungen der Bank Credit Suisse ist der Umlauf dieser Geldscheine in der Zeit zwischen Januar und März dieses Jahres, bereinigt um saisonale Einflüsse, um 8 Prozent auf den Wert von knapp 41,3 Milliarden Franken gestiegen. Das ist ein klares Indiz dafür, dass die Eidgenossen zunehmend Bargeld horten.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat im Januar Negativzinsen verhängt. Wenn Geschäftsbanken und andere Institutionen über gewisse Freibeträge hinaus Geld auf den SNB-Girokonten parken, wird ein Strafzins von 0,75 Prozent fällig. Damit will die Nationalbank verhindern, dass noch mehr Investoren ihr Geld in den „sicheren Hafen“ Schweiz transferieren und somit den ohnehin überbewerteten Franken noch teurer machen.

          70 Prozent des deutschen Bargelds fließen ins Ausland

          Manche Banken und Vermögensverwalter geben die Negativzinsen ganz oder teilweise an ihre Kunden weiter, sofern diese große Barbeträge auf ihren Konten halten. Wer auf Bargeld ausweicht, kann den Strafzins umgehen, muss die Scheine allerdings auch sicher aufbewahren und gegen Diebstahl versichern. Wie berichtet, denken auch Großanleger wie die Schweizer Pensionskassen darüber nach, in großem Umfang Bargeld zu horten. Entsprechend häufen sich die Anfragen bei Dienstleistern, die Hochsicherheitstresore besitzen, in denen neben Edelmetallen eben auch große Mengen von Geldscheinen eingelagert werden können.

          Im Euroraum wächst die Nachfrage nach Bargeld schon seit Jahren kräftig. Nach Angaben der Bundesbank ist der Umlauf der von ihr ausgegebenen Scheine in den vergangenen Jahren im Schnitt jährlich um 20 bis 30 Milliarden Euro gewachsen. Ende 2014 waren gut 508 Milliarden Euro in Banknoten im Umlauf. Wo sich das Geld befindet, kann die Notenbank nur schätzen, weil sie zum einen auch andere Notenbanken des Eurosystems mit Bargeld beliefert und viele Verbraucher es mit ins Ausland nehmen. Wie Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele kürzlich erläuterte, ist es nicht zuletzt dem Frankfurter Flughafen geschuldet, dass vor allem aus Deutschland viel Geld ins Ausland mitgenommen wird.

          Etwa 70 Prozent des von der Bundesbank ausgegebenen Bargelds fließt ins Ausland.
          Etwa 70 Prozent des von der Bundesbank ausgegebenen Bargelds fließt ins Ausland. : Bild: Patrick Slesiona

          Nach jüngsten Schätzungen fließen 70 Prozent des Bargelds, das die Bundesbank herausgibt, ins Ausland. 10 Prozent nutzen die Deutschen für ihre täglichen Geschäfte, und 20 Prozent horten sie in Tresoren oder unter dem Kopfkissen. Der starke Zuwachs in den vergangenen Jahren geht nach Meinung der Bundesbank vornehmlich auf die Auslandsnachfrage zurück, sowohl aus dem restlichen Euroraum, vor allem aber von außerhalb des Euroraums.

          Bargeldhortung läuft SNP-Geldpolitik zuwider

          Auch im Euroraum gewinnt der größte, der 500-Euro-Schein, an Bedeutung. Von ihm sind laut Europäischer Zentralbank aktuell 610 Millionen Stück im Umlauf. Zwar ist der Zuwachs in den vergangenen Monaten überschaubar. Aber gegenüber 2013 sind es 4,6 Prozent mehr. Vom weit wichtigeren 100-Euro-Schein sind derzeit sogar 10 Prozent mehr Scheine im Umlauf als im Jahr 2013, nämlich zwei Milliarden. Zwar haben im Euroraum kaum Banken Negativzinsen eingeführt. Aber vor allem in einigen Peripherieländern haben viele Bürger ihr Erspartes in den vergangenen Jahren von der Bank geholt, um gegen einen möglichen Schuldenschnitt gewappnet zu sein.

          Nach Aussage von Maxime Botteron, Ökonom bei Credit Suisse, sind die Guthaben der Pensionskassen bei den Schweizer Banken zuletzt ein wenig gefallen. Es sei aber unklar, ob die Pensionskassen in Bargeld oder in Anleihen und Aktien umgeschichtet hätten. Botteron glaubt, dass es sich bei der Bargeldhortung eher um ein kurzfristiges Phänomen handelt. „Solange nicht auch Kleinsparer mit Negativzinsen belastet werden, wofür es momentan keine Signale gibt, dürfte sich der Bargeldbezug nicht weiter beschleunigen“, sagte Botteron dieser Zeitung. Die Schweizer Notenbank hat offen davor gewarnt, die Negativzinsen zu umgehen. Denn dies liefe den Absichten ihrer Geldpolitik zuwider. Die bisherige Zunahme der Bargeldhortung ist nach Ansicht Botterons noch zu gering, um die Stabilität des Finanzsystems zu gefährden.

          Quelle: F.A.Z.

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