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Veröffentlicht: 10.08.2014, 09:14 Uhr

Lohnunterschiede Die Mär von den ungerechten Frauenlöhnen

Mit Statistik kann man alles behaupten: Auch die angebliche Benachteiligung von Frauen im Beruf. Der mediale Fokus auf den Durchschnittslohn verschleiert mehr, als wirkliche Gleichstellungsprobleme zu beleuchten.

von Thomas Bauer, Gerd Gigerenzer und Walter Krämer
© Seuffert, Felix Wenn mehr Frauen ins Management gingen, wäre die Welt gerechter

Jedes Jahr gegen Ende März erfährt der Equal Pay Day (der Tag der Lohngerechtigkeit) eine hohe mediale Aufmerksamkeit, zuweilen debattiert darüber sogar der Deutsche Bundestag. Dieser internationale Aktionstag wurde erstmals im Jahr 1988 von den amerikanischen Business and Professional Women (BPW) ausgerufen, um auf die Unterbezahlung von Frauen hinzuweisen.

Und in der Tat: Seit Jahren beträgt die Differenz der durchschnittlichen Bruttostundenlöhne von Männern und Frauen in Deutschland zwischen 22 und 23 Prozent. Aber diese durchschnittlichen Lohnunterschiede sind nicht geeignet, die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen zu messen, sie lenken von den wahren Problemen eher ab.

Der Unterschied ist zum größten Teil darauf zurückzuführen, dass Frauen und Männer unterschiedliche Arbeit leisten. Während die Hochlohnbranchen der Industrie Männerdomänen sind, prägen Frauen die niedriger entlohnten Sozialberufe; zudem arbeiten sie öfter Teilzeit und sind seltener in Spitzenpositionen.

Warum haben nur Frauen einen Tag für Lohngerechtigkeit?

Beim angeblichen Minderverdienst von Frauen findet ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen statt, wenn etwa Bundesministerin Ursula von der Leyen klagt, dass „Frauen noch immer nur 77 Prozent des männlichen Einkommens verdienen, wohlgemerkt für gleiche Arbeit ...“

Infografik / Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen / Trau keiner Statistik © F.A.Z. Vergrößern Die durchschnittliche Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen in Europa

Die Frauen verdienen zwar weniger, aber nicht für die gleiche Arbeit. Sonst würden viele Unternehmen gegen geltendes Recht – das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – verstoßen, und die Betriebsräte und Gewerkschaften hätten bei einer ihrer wichtigsten Kontrollaufgaben schmählich versagt. Laut AGG (Paragraph 3 Absatz 1) liegt eine unmittelbare Benachteiligung vor, „wenn eine Person wegen eines in Paragraph 1 genannten Grundes eine weniger günstige Behandlung erfährt, als eine andere Person in einer vergleichbaren Situation erfährt, erfahren hat oder erfahren würde.“ Die genannten Gründe sind dabei die ethnische Herkunft, das Geschlecht, die Religion oder Weltanschauung, eine Behinderung, das Alter oder die sexuelle Identität.

Da fragt man sich als Erstes: Warum gibt es nur für Frauen einen Tag der Lohngerechtigkeit? Es gibt ja auch noch Homosexuelle, Muslime, Katholiken oder Protestanten! Aber das lassen wir mal beiseite. Denn die zentrale Frage, die sich angesichts dieser Definition von Diskriminierung ergibt, ist die der „vergleichbaren Situation“, und die stellt sich für alle möglichen Teilpopulationen in gleicher Weise.

Statistischer Nachweis ist schwierig zu führen

Im Kontext von Männern und Frauen wäre die Differenz der durchschnittlichen Bruttolöhne nur dann ein glaubhaftes Indiz für eine Ungleichbehandlung, wenn die erwerbstätigen Männer und Frauen zumindest hinsichtlich der für die Entlohnung bedeutenden Merkmale wie etwa Berufserfahrung im Durchschnitt ähnlich wären.

Genau das ist aber nicht der Fall, die in Deutschland beschäftigten Frauen und Männer unterscheiden sich, unter anderem in ebendieser Berufserfahrung, in ihrer Ausbildung und in ihrer Arbeitszeit. Frauen sind weniger häufig erwerbstätig, gehen sehr viel häufiger einer Teilzeitarbeit nach und sind im Vergleich zu Männern häufiger im Dienstleistungssektor und seltener im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt.

Nimmt man das AGG wortwörtlich, wären Frauen und Männer zu vergleichen, die hinsichtlich aller lohnrelevanten Eigenschaften mit Ausnahme des Geschlechts vollkommen identisch sind. Das ist aber nahezu unmöglich. Nur selten lässt sich für eine Frau oder für einen Mann ein Pendant finden, der oder die in demselben Unternehmen die gleiche Arbeit verrichtet und die gleiche Berufserfahrung sowie Schul- und Berufsausbildung hat. Es ist daher extrem schwierig (wenn nicht sogar unmöglich), echte Lohndiskriminierung statistisch nachzuweisen.

Nicht gleich, aber „nahezu“ gleich

Aber kann man nicht wenigstens einen Apfel der Sorte Braeburn mit einem Apfel der Sorte Granny Smith vergleichen? Genau diese Idee verfolgt das sogenannte, unter anderem vom Statistischen Bundesamt ausgewiesene „bereinigte Lohndifferential“: Wenn Frauen und Männer schon nicht vollkommen vergleichbar zu machen sind, dann doch zumindest so vergleichbar wie möglich.

Das bereinigte Lohndifferential zerlegt daher die durchschnittliche Lohndifferenz in zwei Teile: einen, den man mit den oben genannten Unterschieden von Frauen und Männern erklären kann, und einen, der mit diesen Unterschieden eben gerade nicht zu erklären ist.

Letzterer wird dann als derjenige Lohnunterschied interpretiert, der auf einer Ungleichbehandlung beruht. So hat das Statistische Bundesamt ein bereinigtes Lohndifferential von 8 Prozent ermittelt. Mit anderen Worten: Vergleicht man Frauen und Männer mit denselben Eigenschaften (unter anderem Berufserfahrung, Branche, Berufs- und Schulabschluss, Beschäftigungsstatus, Arbeitszeit, Beruf), verdienen Frauen 8 Prozent weniger als Männer.

Das ist immer noch nicht gleich, aber deutlich weniger ungleich; ein großer Teil der ursprünglichen Lohndifferenz verschwindet, wenn man gleich mit „nahezu“ gleich vergleicht. Aber diese 8 Prozent sind immer noch zu viel. Dies liegt daran, dass die oben beschriebene Methode Männer und Frauen zwar gleicher, aber eben nicht perfekt – vom Geschlecht abgesehen – identisch macht. Kämen noch weitere, in diesen 8 Prozent nicht berücksichtigte lohnbestimmende Faktoren hinzu, würde die bereinigte Lohndifferenz vermutlich weiter sinken, die 8 Prozent sind nur eine Obergrenze.

Strukturelle Ursachen untersuchen

Und dazu auch noch eine irreführende Obergrenze. Denn eine mögliche Ungleichbehandlung gibt es auch bei gleichem Lohn. Frauen zeigen in Deutschland eine erheblich niedrigere Erwerbsbeteiligung als Männer, einmal sicher freiwillig, in Familien, in denen das traditionelle Familienbild mit dem Mann als Haupternährer und der Frau als Hausfrau noch von Bedeutung ist, oft genug auch unfreiwillig, weil Frauen schwerer als Männer überhaupt eine bezahlte Arbeit finden.

Diese Frauen hätten also bei gleicher Eignung einen Lohn von null, aber diese Differenz geht in die Lohnstatistik überhaupt nicht ein. Es ist sogar noch komplizierter! Einige der Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die man bei der Bestimmung des bereinigten Lohnunterschieds herausrechnet, können selbst eine Folge von Diskriminierung sein.

Wer darauf rechnen darf, diskriminiert zu werden, investiert vielleicht auch weniger in seine Ausbildung. Und wenn ich davon ausgehe, mich einmal um die Kinder oder die Eltern kümmern zu müssen, werde ich Berufe ergreifen, die mir einerseits die notwendige Flexibilität dafür und auch nach einigen Jahren Pause wieder eine Rückkehr in den Beruf erlauben. Aber gerade diese Berufe sind oft auch die mit den niedrigeren Löhnen und Gehältern.

Damit ist klar, dass der mediale Fokus auf die durchschnittlichen Löhne von Männern und Frauen die wahren Gleichstellungsprobleme nicht beleuchtet, sondern eher verschleiert. Anstatt medienwirksam auf diesen Lohnunterschieden herumzureiten, sollte sich die Politik fragen, warum vor allem Frauen in Teilzeit arbeiten, Kinder betreuen und Familienangehörige pflegen. Oder warum Frauen systematisch andere Berufe als Männer wählen.

Äpfel-Birne-Vergleiche im internationalen Maßstab

Nach der Absolventenstatistik der deutschen Universitäten waren im Jahr 2010 nur 16 Prozent aller weiblichen Studenten in den sogenannten MINT-Studiengängen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) eingeschrieben, jedoch 46 Prozent der männlichen. Und es sind diese Differenzen, nicht die 23 Prozent angebliche Lohndiskriminierung, in denen sich die Ungleichheit von Männern und Frauen in erster Linie zeigt.

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Auch internationale Vergleiche leiden unter diesem Äpfel-Birnen-Syndrom. So zeigen EU-Statistiken die unbereinigten Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen für einige Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Danach ist der durchschnittliche Unterschied zwischen den Löhnen von Männern und Frauen nur in Estland und Österreich höher als in Deutschland, am kleinsten ist er in Slowenien, Polen und Italien.

Werden also Frauen in Slowenien, Polen und Italien gerechter behandelt als in Deutschland, Österreich und Estland? Eher nein. Die Beschäftigungsquote der Frauen, das heißt der Anteil der weiblichen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, der dann auch einer Erwerbstätigkeit nachgeht, ist in Slowenien mit 61 Prozent, in Polen mit 53 Prozent und in Italien mit knapp 47 Prozent erheblich geringer als in Deutschland mit 68 Prozent, in Österreich mit 67 Prozent und in Estland mit 63 Prozent. Ist es nicht vielleicht im Gegenteil sogar eher so, dass in Polen und Italien nur Frauen mit einer sehr guten Ausbildung und damit hohen Löhnen Chancen haben, überhaupt einen Arbeitsplatz zu erhalten, und deswegen die durchschnittliche Lohndifferenz so niedrig ist?

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