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: Die Kapitalisten aus dem Alten Rom

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Kapitalisten und Junker beherrschen das Bild des republikanischen Roms in der Zeit Ciceros. In einem Kampf zwischen Kapital und Arbeit verzehrt sich das Gemeinwesen, die Raffgier der Junker ruiniert das gesunde Bauerntum.

          Von Hartmut Leppin

          Kapitalisten und Junker beherrschen das Bild des republikanischen Roms in der Zeit Ciceros. In einem Kampf zwischen Kapital und Arbeit verzehrt sich das Gemeinwesen, die Raffgier der Junker ruiniert das gesunde Bauerntum. So schreibt der bedeutendste Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts, Theodor Mommsen, über die Vorläufer des Kapitalismus in der Antike.

          Mommsen ließ keinen Abstand zwischen ähnlichen Kämpfen in seiner Zeit und einer erhabenen Antike. Damit unterstellte er letztlich, dass die Wirtschaftsordnungen ganz verschiedener Epochen nach einem gemeinsamen Muster funktionierten. Viele Althistoriker seiner Zeit teilten diese Position. Doch meldeten sich Kritiker schon frühzeitig zu Worte. Etwa Karl Marx, ein vorzüglicher Kenner der Antike, der über griechische Philosophie promoviert hatte.

          Marx hatte einen sehr präzisen Begriff des Kapitalismus entwickelt. Entscheidend war für ihn anders als für Mommsen nicht der freie Güterverkehr, sondern Ankauf von Arbeitskraft durch Geldbesitzer. Die Antike hingegen war durch die Sklaverei gekennzeichnet: Der Sklavenhalter besaß nicht nur die Produktionsmittel, sondern auch die Produzenten, eben die Sklaven.

          An die Stelle der Konstanten, die Mommsen unterstellt, tritt hier ein Modell, das die Wirtschaftsgeschichte in mehrere Stufen unterteilt: Auf die Sklavenhaltergesellschaft folgte die Feudalgesellschaft, die schließlich zum Kapitalismus führte. Derartige Stufenfolgen der Wirtschaftsgeschichte entwarfen auch andere Wirtschaftshistoriker, und sie inspirierten Althistoriker dazu, die Eigenart der antiken Wirtschaft zu beleuchten.

          Entscheidend war dafür Moses Finley, der in Cambridge eine glanzvolle Karriere machte. Finley bestritt grundsätzlich, dass man in der Antike die Wirtschaft als eine Unterfunktion der Gesellschaft auffasste. Das ganze Wirtschaftsverhalten war ihm zufolge eingebettet in die politische und soziale Ordnung: Massengüter wie Getreide wurden über weite Strecken transportiert, doch aus politischen Gründen, nicht zur Maximierung des Gewinns; denn man musste die Bevölkerung von Städten versorgen, um Unruhen zu vermeiden.

          Die Städte waren so nicht primär Orte der Produktion, sondern Stätten des Konsums. Reichtum wurde nicht ständig zur Mehrung des Profits reinvestiert. Denn wer Besitz in sozialen Status ummünzen wollte, durfte sich nicht in rastloser Tätigkeit zur Mehrung der Einkünfte erschöpfen, vielmehr erwartete man vom Vornehmen ein Leben der Muße in prächtigen Stadthäusern und luxuriösen Landvillen. Technologische Innovation im Dienste der wirtschaftlichen Effizienz spielte keine größere Rolle. Natürlich erinnerte auch Finley an die Bedeutung der Sklaverei.

          Dieses beeindruckend konsistente Modell wirkte klärend. Kein methodisch reflektierter Althistoriker wird noch leichthin von Kapitalisten sprechen. Doch fehlten der antiken Wirtschaft moderne Züge wirklich so weitgehend? Bezeichnenderweise war Finley vom archaischen und klassischen Griechenland ausgegangen. In der römischen Kaiserzeit der ersten nachchristlichen Jahrhunderte aber stellt sich vieles anders dar. Das haben gerade archäologische Funde erwiesen, deren Bedeutung Finley herunterspielte. Es gab eine Massenproduktion von Keramik in Gestalt der Terra Sigillata, die über viele hundert Kilometer transportiert wurde; eine große Menge spezialisierter Arbeiter war an deren Herstellung beteiligt. Auch ein beachtlicher Technologietransfer lässt sich für die Antike belegen. Es gab in verschiedenen Städten eine bedeutende Produktion etwa durch Gerber und Schmiede, die auch das Land versorgten. Man entwickelte zudem komplexe wirtschaftsrechtliche Regelungen, die das Privateigentum schützten und Geschäfte verlässlicher machten.

          Freie Arbeit besaß vielerorts große Bedeutung neben der Sklaverei. So zogen, wie gerade die jüngere Forschung gezeigt hat, im spätantiken Ägypten Bauern mit ihren Geräten von einem Landbesitzer zum nächsten. Und einiges, was dem demonstrativen Konsum diente, konnte auch einen schönen Gewinn einbringen: So waren die Fischteiche römischer Villen ein Prestigegut, doch die Fischzucht zugleich ein überaus einträgliches Geschäft.

          Die wenigen Zeugnisse, die vom Denken mittlerer Schichten einen Eindruck vermitteln, illustrieren ferner, wie stolz manche aus diesen Kreisen auf ihre wirtschaftlichen Leistungen waren. So ließ sich der erfolgreiche Bäcker Eurysaces in Rom ein Grabmal errichten, das mit Darstellungen aus dem Bäckerwesen geschmückt war. Die Wirtschaft der römischen Kaiserzeit erreichte damit eine bemerkenswerte Prosperität für eine vergleichsweise große Zahl von Menschen.

          Und dennoch: Von der Welt des modernen Kapitalismus ist die Antike weit entfernt. Das Kreditwesen eignete sich nicht für größere Investitionen, Aktiengesellschaften gab es nicht, Fabriken mit ihren Kraftmaschinen fehlten. Die großen Straßen wurden offenbar vor allem angelegt, um Soldaten zu transportieren und zu versorgen; die Händler folgten diesen Bahnen, und so zerriss mit dem Ende römischer Herrschaft das Handelsnetz.

          Gewiss passt der Begriff des Kapitalismus daher nicht zu der Welt Platons und Ciceros. Doch die Frage nach der Modernität der antiken Wirtschaft bleibt offen; sie ist auch eine Frage nach Entwicklungsprozessen, denn die antike Wirtschaft lässt sich nicht in ein einziges Modell fassen: Was für die Polis, den Stadtstaat Athen, gilt, muss ja für das römische Imperium noch lange nicht zutreffen. Es sind die Wandelbarkeit der antiken Wirtschaft und ihre Vielfalt, die das heutige Bild der Epoche bestimmen.

          Hartmut Leppin lehrt Alte Geschichte an der Universität Frankfurt.

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