Noch im Mai soll es so weit sein. Dann wird der schüchterne 27-Jährige, ein Studienabbrecher noch dazu, zu einem der ganz Großen der amerikanischen Börsenwelt aufsteigen: Mark Zuckerberg, König der Wall Street. Der Facebook-Gründer bringt sein Unternehmen an die Börse - und elektrisiert damit nicht nur die Fans des sozialen Netzwerks, sondern auch Finanzanalysten rund um den Globus. Alle wollen Facebook-Aktien.
Auch wenn das genaue Datum im Mai noch nicht feststeht: Dass es Zuckerbergs Tag werden wird, ist jetzt schon sicher. 100 Milliarden Dollar, so die Schätzungen, wird Facebook an der Börse wert sein. Zuckerbergs Anteil daran: rund 28 Milliarden Dollar. Der Computer-Nerd wird zum viertreichsten Amerikaner aufsteigen.
Facebook ist einer der größten Börsengänge in der Geschichte der Wall Street, und Zuckerberg und seine Leute bereiten sich mit aller Akribie darauf vor. An dem Emissionsprospekt beispielsweise, den sie im Februar vorlegten, hatte die amerikanische Aufsichtsbehörde SEC so gut wie nichts zu beanstanden - bei Börsengängen dieser Größenordnung eine Seltenheit.
Börseneuphorie führt nicht sicher zu Gewinn
Und auch den Handel mit Privatanteilen auf Plattformen wie Sharespost bringt Facebook nun unter Kontrolle. Dort waren beispielsweise Aktienoptionen im Umlauf, mit denen Facebook in den Anfangsjahren Mitarbeiter geködert hatte. Den Handel mit solchen Anteilen zu unterbinden, ist eine weitere Voraussetzung für einen Börsengang. Dies zeigt, wie ernst Zuckerbergs Pläne sind.
Im fernen Deutschland scheint der Hype um Facebook die Emissionspläne der Unternehmen ebenfalls zu beflügeln: Nach monatelanger Flaute drängen jetzt mehrere Kandidaten aufs Börsenparkett. Beim Chemiekonzern Evonik soll es bis spätestens Ende Juni der Fall sein, Gleiches gilt für das Modelabel Schiesser. Im Laufe des Jahres wollen dann der Versicherer Talanx und Leuchtenfabrikant Osram nachziehen.
Doch eines bedeutet die neue Börseneuphorie gerade nicht: dass aus dem Tag der Erstnotiz auch mit Sicherheit ein Festtag für die neuen Aktionäre wird. Gerade für Privatanleger kann nämlich der Kauf von Börsendebütanten zu einem Verlustgeschäft werden.
„Ein erfreuliches Umfeld“
Sicher, auf den ersten Blick scheinen die Rahmenbedingungen für Kursgewinne derzeit so günstig zu sein wie lange nicht mehr: Die Ängste um die angeschlagenen Eurostaaten werden weniger, spiegelbildlich dazu befinden sich wichtige Weltbörsen wie der Dow Jones oder der Dax seit Jahresanfang im Höhenflug. „Die Stimmung der Marktteilnehmer ist gut, weil die Kursschwankungen zuletzt deutlich abgenommen haben“, sagt Ralf Darpe, Leiter des Kapitalmarktgeschäfts Deutschland bei der Großbank Société Générale. „Das ist ein erfreuliches Umfeld für Börsengänge.“
Was spricht also dagegen, bei Facebook & Co. zuzugreifen? Michael Reuss, Chef der Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen in München, ist ein begeisterter Aktieninvestor, bei Neuemissionen hält er sich jedoch zurück. „Bei einem Börsengang sind die Interessen eines Unternehmens und die seiner neuen Aktionäre diametral entgegengesetzt“, sagt er.
Sein Argument: Normalerweise profitieren sowohl eine Aktiengesellschaft als auch ihre Anteilseigner von einem steigenden Kurs - denn der erhöht zum einen den Börsenwert, also die Stärke eines Unternehmens. Und zum anderen bringt er auch das Depot der Aktionäre ins Plus.
Im Rausch des Börsenganges
Bei einem Börsengang dagegen möchten Debütanten wie Facebook oder Evonik so viel Geld einsammeln wie möglich - darum tun sie alles für einen hohen Anfangskurs ihrer Neuemission. Investoren jedoch sollten am Gegenteil interessiert sein: Je günstiger der Einstiegskurs für eine Aktie, umso besser sind ihre Chancen, mit dem Papier Zugewinne zu erzielen.
„Gerade wenn die Anleger eine Neuemission mit so viel Euphorie erwarten wie die Facebook-Aktie, kann der Preis des Papiers aus dem Blick geraten“, ist Vermögensverwalter Reuss überzeugt. Zugespitzt formuliert: Im Rausch des Börsenganges zeichnen Anleger zu jedem Kurs, um dabei zu sein. Bestes Beispiel dafür: der Hype um die Aktie der Deutschen Telekom zu Hochzeiten des Neuen Marktes im Jahr 2000. Es folgte der Absturz.
Wichtiger ist es darum, ganz nüchtern zu prüfen: Wie sind die Wachstumsaussichten des Börsenneulings? Hat sich das Geschäftsmodell in der Vergangenheit bewährt, wie stark ist die Konkurrenz, wo lauern die größten Zukunftsrisiken? Selbst wenn die Antworten meist positiv ausfallen wie bei Mark Zuckerbergs Unternehmen - die entscheidende Frage ist damit noch nicht beantwortet. Sie lautet: Wozu will das Unternehmen die Erlöse eigentlich einsetzen? „An der Mittelverwendung lässt sich in der Regel gut ablesen, ob eine Aktie Potential hat oder nicht“, weiß Geldmanager Reuss.
Ein Warnsignal
Misstrauen ist immer dann angebracht, wenn ein Unternehmen seine Börsenerlöse eben nicht für Investitionen in neue Wachstumsfelder verwenden will, sondern sich erst einmal um die Vergangenheit kümmern muss. Geht es beispielsweise darum, mit den Einnahmen Schulden zu begleichen oder gar einen Finanzinvestor auszuzahlen, ist dies ein Warnsignal für Anleger.
Der Blick auf die Liste der deutschen Börsenkandidaten zeigt: Unwahrscheinlich ist ein solches Vorgehen nicht gerade. Der Finanzinvestor CVC beispielsweise hält einen 25-Prozent-Anteil am Chemiekonzern Evonik - den will die Beteiligungsgesellschaft aus Luxemburg jetzt zu Geld machen.
Die Pläne des Wäschefabrikanten Schiesser dürften Anlegern ebenfalls wenig Freude bereiten: Die Modefirma leidet noch immer an den Spätfolgen ihrer Pleite im Jahr 2009. Teile des Börsenerlöses will der Vorstand nutzen, um Altgläubiger auszuzahlen.
Schwer kalkulierbar
Solche Sorgen brauchen Investoren bei Facebook nicht zu haben, das soziale Netzwerk machte 2011 satte 1 Milliarde Dollar Nettogewinn. Aber Gründer Zuckerberg lässt seine künftigen Aktionäre über die Verwendung der Emissionserlöse im Unklaren: Im Börsenprospekt ist nur von „allgemeinen unternehmerischen Zwecken“ die Rede.
Speziell bei Facebook müssen Anleger zudem mit einer weiteren Unwägbarkeit rechnen: Die Euphorie um das Papier machen den Kursverlauf in den ersten Wochen schwer kalkulierbar. Das liegt vor allem am Zuteilungsverfahren für die Aktien.
Denn in der sogenannten Zeichnungsphase, die meist zwei Wochen vor dem eigentlichen Börsenstart beginnt, werden Privatanleger bei Facebook wohl nicht zum Zuge kommen. Hier schustern die an der Emission beteiligten Banken Großkunden und Investoren die Anteile zu - die besten Stücke vom Kuchen sind also bereits verteilt, bevor die Privatanleger mitmischen können.
Dies lässt den Kurs am Tag des eigentlichen Börsenstarts durch die Decke gehen: Jetzt greifen die Kleinanleger zu. Viele Profis nutzen den Effekt aus: Sie warten noch einige Tage ab und verkaufen dann in großen Mengen Aktien. Privatanleger dagegen stehen mit Kursverlusten da.
Auch wenn der Facebook-Börsengang Mark Zuckerberg Milliarden einbringt: Dass auch seine neuen Aktionäre reiche Leute werden, ist längst keine ausgemachte Sache.
