Die Konjunktur im Euroraum schwächt sich ab. Zwei große Länder, Italien und Spanien, dürften eine deutliche Rezession in diesem Jahr erleiden. Die Europäische Zentralbank wird nach den Erwartungen mancher Marktteilnehmer den ohnehin niedrigen Leitzins im ersten Quartal noch zweimal senken - auf dann 0,5 Prozent. Damit wird der Euroraum selbst für internationale Anleger, die von einem Fortbestehen der Währungsunion ausgehen und Urteilen von Ratingagenturen wenig Bedeutung beimessen, allein wegen des niedrigen Zinsniveaus immer unattraktiver.
Der Euro ist ein Spiegelbild dieser Unattraktivität. Es gehört daher zum Standardrepertoire von Vermögensverwaltern, ihren Kunden Anlagen in verschiedenen Währungen zu empfehlen. Durch die Verteilung des Vermögens nicht nur auf die beiden Hauptwährungen Euro und Dollar lassen sich die Zinserträge hochtreiben und zusätzlich noch Kursgewinne am Devisenmarkt einfahren, so das Kalkül. Es ging auf Sicht von zwölf Monaten nur teilweise auf: Der japanische Yen wertete seit einem Jahr zum Euro um 12 Prozent und damit am stärksten von allen wichtigen Währungen auf. Allerdings hatten gerade den Yen nur wenige als aufstrebende Währung auf dem Zettel. Gilt doch Japan mit seiner hohen Verschuldung, den seit Jahren niedrigen Zinsen und der alternden Gesellschaft weniger als Vorbild denn als Menetekel für den Euroraum.
Der Bovespa-Index steigt 2011 um 12 Prozent
Besser gefallen Vermögensverwaltern dagegen Währungen aus dynamisch aufstrebenden Ländern wie Australien, Brasilien und Polen. Während der australische Dollar mit einem Zuwachs zum Euro von fast 10 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten den Erwartungen gerecht wurde, hat der brasilianische Real seit zwölf Monaten zum Euro fast 2 Prozent verloren. Tatsächlich steht Brasilien beispielhaft für eine Wachstumsschwäche, die viele Schwellenländer im zweiten Halbjahr 2011 erfasst hat. 2011 wird Brasiliens Wirtschaft voraussichtlich um 3,0 bis 3,5 Prozent gewachsen sein nach zuvor 7,5 Prozent. Gleichwohl überholte die Wirtschaft des fünftgrößten Landes der Erde damit gemessen am Bruttoinlandsprodukt Großbritannien und ist nun die sechstgrößte Volkswirtschaft.
Inzwischen deutet auch einiges darauf hin, dass viele Schwellenländer im Jahr 2012 zu einem höheren Wachstumstempo zurückfinden. Die Aktienbörse, oft ein guter Konjunkturindikator, zeigt das zumindest für Brasilien an. Mit einem Zuwachs von 12 Prozent allein in diesem Jahr stieg der Bovespa-Index so kräftig wie kein anderer wichtiger Aktienindex. Zudem hatte die Wirtschaftsabschwächung in den Schwellenländern im Jahr 2011 auch ihr Gutes: Die Inflation ging fast überall zurück. Nach Berechnungen der Commerzbank fiel die durchschnittliche Jahresinflationsrate von China, Südkorea, Indonesien, Brasilien, Russland und Mexiko seit einem Jahr von 7,1 auf 4,9 Prozent.
Real legt zum Euro fast 7 Prozent zu
Viele Zentralbanken in den Schwellenländern haben ihre Leitzinsen im Kampf gegen die lange hohe Inflation hochgehalten. Mit sinkenden Inflationsraten werden nun Zinssenkungen möglich, mit denen die Konjunktur gestützt werden kann. So erwarten viele Analysten von Brasilien schon am Mittwoch eine weitere Leitzinssenkung um 50 Basispunkte auf dann 10,5 Prozent. Mit weiter sinkenden Zinsen würden Anleger zusätzlich zum hohen Zinskupon noch Kursgewinne gerade bei kurzlaufenden brasilianischen Real-Anleihen einstreichen. Hinzu kommen momentan Gewinne dank der aufwertenden Währung. So hat der Real seit Jahresanfang zum Euro fast 7 Prozent zugelegt.
Auch die in Europa vielgescholtenen Ratingagenturen honorieren die gute Entwicklung. So hob Standard & Poor's Brasiliens Bonität im November auf "BBB" an. Der nächste Kandidat in Europa für eine Hochstufung ist Polen, das aber derzeit nicht dringlich in den Euroraum strebt. Wie alle osteuropäischen Währungen hat der polnische Zloty zum Euro in den vergangenen zwölf Monaten deutlich verloren - um 11,5 Prozent. Osteuropa ist stark von Kapitalzuflüssen aus und Exporten in den Euroraum abhängig. Auch wenn die Währungsabwertungen den osteuropäischen Ländern nun zur Wiedererlangung von Wettbewerbsfähigkeit helfen: Für Anleger sind sie anders als der Real kein Mittel der Wahl, um sich von der Schwäche des Euro und des Euroraums abzukoppeln.
En memoria Argentinia 1998
Manfred Deckwart (Prognos)
- 20.01.2012, 15:47 Uhr
