21.12.2008 · Die vergangene Woche wird in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Manche Fachleute befürchten, der Weltwirtschaft stehe ein Abwertungswettlauf bevor. Die Anleger reagieren heftig. Staatsanleihen sind gesucht wie nie, und der Dollar verliert.
Von Benedikt FehrSchon jetzt steht fest: Die vergangene Woche wird in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Um dem Risiko einer Deflationsspirale vorzubeugen, hat die amerikanische Notenbank Fed eine ganze Serie unorthodoxer Maßnahmen ergriffen. Sie stößt damit in unbekannte Gewässer vor. Haben die Senkung des Leitzinses auf praktisch null Prozent und der Ankauf von Wertpapieren den erhofften Erfolg? Und wenn ja: Wird es der Fed gelingen, die Liquidität, die sie nun in die Wirtschaft pumpt, wieder einzusammeln? Oder setzt die amerikanische Politik insgeheim darauf, die Schulden, die sowohl den Staat als auch die privaten Haushalte arg belasten, durch Inflation und Abwertung des Dollar zu entwerten, zu Lasten ihrer ausländischen Gläubiger?
Das große Rätselraten über diese Fragen hat in den vergangenen Tagen vor allem die Devisenmärkte bewegt. So hatte der Euro vom 8. bis zum 15. Dezember, dem Tag vor der Leitzinsentscheidung, bereits stark von 1,27 auf 1,37 Dollar aufgewertet. In den folgenden Tagen folgten dann Schwankungen, wie sie die Währungsmärkte selten erlebt haben. Bis Donnerstag sprang der Euro in der Spitze bis auf 1,47 Dollar, fiel am Freitag aber wieder auf 1,39 Dollar zurück.
Mehr Protektionismus - weniger Welthandel
Doch spricht einiges dafür, dass staatliche Instanzen die Kursbildung beeinflusst haben. So ließ die russische Zentralbank den Dollar am Donnerstag und Freitag zum Rubel ungewöhnlich stark aufwerten, sie hat also vermutlich Dollar gekauft. Dahinter steht aber wohl weniger ihr Vertrauen in den Dollar als sichere Anlagewährung, sondern vielmehr die Absicht, den russischen Export durch Verbilligung des Rubel zu fördern. Mit ähnlicher Motivation hat die japanische Zentralbank ihren Leitzins am Freitag von 0,3 auf 0,1 Prozent gesenkt. Parallel drohte die Regierung in Tokio Interventionen an, um den Yen - und damit die japanischen Exporte - zu verbilligen. Manche Fachleute befürchten deshalb, dass der Weltwirtschaft ein Abwertungswettlauf bevorsteht - und in der Folge mehr Protektionismus und weniger Welthandel.
An den Anleihemärkten haben die Leitzinssenkungen sowie die Ankäufe von Wertpapieren seitens der Fed die Renditen der Staatsanleihen kräftig gedrückt. In die gleiche Richtung wirkten die Flucht privater Anleger in die Sicherheit von Staatsanleihen sowie die Aussicht auf eine Phase von Deflation. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten daraufhin am Donnerstag nur noch mit 2,97 Prozent. Viele Anleger befürchten aber, dass ein Erfolg der Deflationsbekämpfung nahtlos ins nächste Problem überleiten wird: eine starke Beschleunigung der Inflation, einen Anstieg der Renditen - und starke Kursverluste der Staatsanleihen.
Stimmungsaufhellung wegen Rettung der Autoriesen
Jan Hatzius, der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, stellt dazu folgende Überlegung an: Nach seiner Schätzung dürfte die Unterauslastung des Produktionspotentials der amerikanischen Wirtschaft Ende 2009 rund 8 Prozent betragen. Selbst wenn die Wirtschaft in den kommenden Jahren jeweils mit 5 Prozent wachsen sollte - das wären 2 Prozentpunkte mehr als die von ihm auf 3 Prozent veranschlagte inflationsneutrale Jahreswachstumsrate -, würde es mithin noch bis 2013 dauern, bis wieder Vollauslastung herrscht und die Unternehmen Spielraum haben, die Preise auf breiter Front anzuheben.
Für eine Stimmungsaufhellung an den Aktienmärkten sorgte am Freitag, dass der scheidende amerikanische Präsident George W. Bush den beiden angeschlagenen Autoproduzenten General Motors und Chrysler Milliarden an Überbrückungskrediten gewährt hat. Diese Rettungsmaßnahmen sowie die Leitzinssenkungen ließen die Sorgen über die schlechten Wirtschaftsdaten etwas in den Hintergrund treten. Dies- und jenseits des Atlantiks verbuchten die meisten Leitindizes daraufhin leichte Wochengewinne.
Niedriger Ölpreis könnte deutschen Export beeinträchtigen
Eher beflügelt als belastet hat wohl auch, dass der Ölpreis deutlich unter 40 Dollar je Barrel (159 Liter) der Sorte WTI abgesackt ist. Für die Verbraucher in den Industrieländern bedeutet dies zusätzliche Kaufkraft. Das stützt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Für die Ölexporteure läuft dies hingegen auf weniger Einnahmen hinaus - und damit auf weniger Geld, um im Ausland einzukaufen. Das dürfte gerade der exportstarken deutschen Wirtschaft demnächst zu schaffen machen.
Diese Sorgen spiegeln sich darin, dass die Risikoprämien für Unternehmenskredite deutlich gestiegen sind. So ist ein Index, der diese Prämien misst, seit Anfang November von 155 auf zuletzt 230 Basispunkte nach oben geschnellt. Für die Banken bedeutet dies, dass sie sich zusätzlich auf den Ausfall von Krediten an Unternehmen und Staaten einstellen müssen. Vor diesem Hintergrund hat die Ratingagentur S&P am Donnerstag die Bonitätsnoten von zwölf amerikanischen und europäischen Großbanken herabgestuft. Das Rating der Deutschen Bank wurde von AA- auf A+ zurückgenommen, der weitere Ausblick als stabil bezeichnet. Begründet wird dies damit, dass sich die Qualität der Aktiva, also zum Beispiel der herausgelegten Kredite, „substantiell verschlechtern“ dürfte.
Ackermann hatte Recht
Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, soll dem Vernehmen nach auf dem Gipfeltreffen der Wirtschaft mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am vorvergangenen Sonntag angeregt haben, eine „Bad Bank“ zu gründen, welche den übrigen Banken faule Kredite und Wertpapiere abnimmt. Der Vorschlag sollte ernst genommen werden. Schon im Frühjahr hatte Ackermann, ein promovierter Finanzfachmann, vorhergesagt, dass die Krise nur mit staatlicher Hilfe zu bewältigen sein werde.
Damals hatte er dafür viel Kritik geerntet - aber recht behalten. Einiges spricht dafür, dass die Banken erst dann zur Normalität zurückkehren können, wenn ihnen eine staatliche „Bad Bank“ die Verluste abnimmt. Denn solange befürchtet werden muss, dass eine Bank pleitegehen könnte, kommt das Vertrauen in die Banken - die Basis des Kreditgeschäfts - wohl nicht zurück.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |