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Weltwirtschaft Fragile Rohstoff-Hausse

19.06.2009 ·  Die hohen Rohstoffpreise suggerieren einen nahenden Aufschwung. Doch die Zeichen trügen. Zu viel hängt allein an der Nachfrage Chinas, die Rohöllager sind gut gefüllt - und es steckt viel spekulatives Kapital in diesem Markt.

Von Judith Lembke
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Wer in den vergangenen Wochen die Entwicklung der Rohstoffpreise verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, die Weltwirtschaft befinde sich mitten im Aufschwung: Der Dow Jones UBS Commodity Index erlebte mit einem Plus von mehr als zwölf Prozent den Mai als besten Monat, seitdem er 1991 aufgelegt wurde. Der S&P GSCI Commodity Index, der ebenfalls die Preisentwicklung verschiedener Rohstoffe abbildet, verzeichnete gar eine der besten Phasen seit 1970, übertroffen nur von den Ölschocks der frühen siebziger Jahre sowie der Zeit des ersten Golfkriegs. Auch wenn es in dieser Woche kleine Preiskorrekturen gab, kostet Kupfer so viel wie zuletzt vor acht Monaten, und der Preis für Rohöl hat sich seit seinem Tiefstand Ende Dezember vergangenen Jahres verdoppelt. Auch Sojabohnen, Mais und Kaffee sind so teuer wie seit Herbst 2008 nicht mehr.

Normalerweise sind die Rohstoffpreise, allen voran für Industriemetalle wie Kupfer und Zink sowie Rohöl, den wichtigsten Energieträger der Welt, ausgezeichnete Indikatoren für die Lage der Weltwirtschaft. Brummt die Konjunktur, steigt die industrielle Nachfrage nach Rohstoffen. Weil die Minen- und Ölgesellschaften das Angebot nicht so schnell erhöhen können, wie die Nachfrage wächst, steigen die Preise. Doch künden die täglichen Nachrichten derzeit nicht vom Aufschwung: Gerade hat die Weltbank ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft in diesem Jahr um einen Prozentpunkt auf minus drei Prozent gesenkt.

Trotzdem erinnert der Anstieg der Rohstoffpreise an die Situation im vergangenen Jahr, als immer neue Rekordwerte erzielt wurden. Preistreiber war damals die Befürchtung, das Angebot könne mit der steigenden Nachfrage, vor allem aus den Wachstumsmärkten Indien und China, nicht Schritt halten.

Alles hängt an China

Auch diesmal gibt es einige sachliche Gründe, die den Preisanstieg erklären. Die Frühindikatoren nähren die Hoffnung auf eine Konjunkturerholung zum Ende des Jahres, die Börsenkurse halten sich robust, und auch der schwächere Dollar macht den Rohstoffkauf attraktiv. Vor allem aber hat der abermals erwachte chinesische Rohstoffhunger die Preise in den vergangenen Wochen beflügelt. Das Strategiebüro nutzt seit Monaten relativ günstige Preise und großzügige staatliche Mittel, um seine Reserven aufzufüllen. China importiert Eisenerz, Zink, Nickel und vor allem Kupfer in Rekordmengen. Im Mai erzielte die Kupfereinfuhr zum vierten Mal in Folge einen Rekordwert, indem sie um knapp sechs Prozent auf 422.666 Tonnen gegenüber dem Vormonat stieg. Während der Verbrauch des rotbraunen Metalls in den ersten Monaten dieses Jahres weltweit um 4,4 Prozent gesunken ist, legte die chinesische Nachfrage im gleichen Zeitraum um ein Drittel zu.

Dieses Faktum zeigt, wie fragil die gute aktuelle Rohstoffkonjunktur sein könnte, die sich vor allem auf einen Akteur stützt: Sinken die chinesischen Importe, ist es auch mit der Rohstoff-Hausse schnell vorbei. Solange die Rohstoffnachfrage in den anderen wichtigen Märkten, den Vereinigten Staaten, Japan und der EU, nicht anzieht, dürfte der Preisanstieg nicht von Dauer sein. Zumal sich die Indizien mehren, dass der chinesische Rohstoffhunger bald gesättigt sein dürfte. So sind die Lagerbestände an der Börse in Schanghai in nur einer Woche doch um 33 Prozent gestiegen.

Die Öllager sind voll

Ähnlich prall gefüllt sind die Rohöllager, in Amerika gar so voll wie seit 19 Jahren nicht mehr – auch wenn ein Rohölpreis von mehr als 70 Dollar je Barrel etwas anderes suggerieren mag. Selbst wenn die Frühindikatoren Realität werden und die Wirtschaft sich schneller erholen sollte als erwartet, dürfte es noch Monate dauern, bis die Vorräte abgebaut sind. Die Erfahrung, dass steigende Preise die Förderdisziplin der Erdöl exportierenden Länder schneller untergraben, als die Ölpumpen arbeiten können, macht sinkende Reserven zudem unwahrscheinlich.

Gegen eine Nachhaltigkeit der Rohstoff-Rally spricht außerdem die Tatsache, dass in den vergangenen Wochen viel spekulatives Kapital in diesen Markt geflossen ist. Seit Jahresbeginn haben sich die von Großanlegern wie Hedge-Fonds gehaltenen Kontrakte an den amerikanischen Terminbörsen mehr als verdreifacht. Das Netto-Investitionsvolumen ist in diesem Zeitraum um etwa 30 Milliarden Dollar auf das höchste Niveau seit Spätsommer 2008 gestiegen. Dass spekulatives Kapital im Gegensatz zu langfristigen Investitionen äußerst flüchtig sein kann, ist eine weitere Lehre aus der Rohstoff-Hausse des vergangenen Jahres. Ebenso wie damals wirken Kommentare einzelner Analysten schon wieder wie Katalysatoren für die Rohstoffpreise. Als die Investmentbank Goldman Sachs Anfang des Monats einen Rohölpreis von bis zu 85 Dollar zum Jahresende prognostizierte, stieg prompt der Kurs.

Dabei könnte sich der steigende Ölpreis selbst ausbremsen. Schon werden Stimmen laut, die in der Öl-Rally eine Gefahr für die Erholung der Weltkonjunktur sehen. Sollte der baldige Aufschwung jedoch ausbleiben, ist auch die Rohstoff-Hausse mit Sicherheit schnell vorbei.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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