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Rohölpreis : Was sind Preisprognosen wert?

Auch Raffinerien wissen nicht immer, was sie das Öl kosten wird. Bild: dpa

Zehn Dollar lautet die mittlerweile niedrigste Ölpreisprognose. Die Stärke des aktuellen Preisverfalls ist von Analysten aber so nicht vorher gesehen worden. Was also sind die Preisprognosen wert?

          Es war im Mai 2008. Die Finanzkrise war angelaufen, obwohl das zu diesem Zeitpunkt noch niemand so recht wahrhaben wollte. Der Ölpreis lag bei rund 120 Dollar und war damit etwa viermal so hoch wie heute. Die Analysten von der renommierten Investmentbank Goldman Sachs waren im Überschwang und prophezeiten bis 2010 einen Anstieg auf 150 bis 200 Dollar.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es kam anders. Zwei Monate lang stieg der Ölpreis noch weiter, erreichte bei 146 Dollar sein Allzeithoch, fiel dann aber bis unter 40 Dollar und stieg bis 2010 wieder bis auf rund 80 Dollar. Mit ihrer Prognose aus dem September, als die Bank einen Fall des Ölpreises auf 20 Dollar prognostizierte und damit für fast ebenso viel Aufsehen wie mit den 200 Dollar sorgte, liegen die Analysten bislang noch richtig: Bis auf 20 Dollar werde der Preis fallen.

          Angesichts des Fiaskos mit der 200-Dollar-Prognose fragt man sich: Soll man den Analysten glauben? Die Antwort ist: Ja, sollte man. Denn betrachtet man die Ölpreisprognosen über einen längeren Zeitraum, so zeigen sie schon eine gewisse Treffsicherheit.

          Im Durchschnitt kommen die Prognosen für das kommende Quartal dem tatsächlichen Durchschnittspreis bis auf wenige Dollar nahe. Anfang 2013 betrug die Abweichung sogar nur 17 Cent.

          Nur unmittelbar vor und während der Finanzkrise lagen die Analysten gründlich daneben. Zuerst unterschätzten sie im zweiten Quartal 2008 den Preisanstieg um durchschnittlich 35 Dollar und dann im vierten Quartal den Preisverfall um mehr als 50 Dollar. 113 Dollar hatten sie im Mittel prophezeit, tatsächlich kostete Öl dann 59 Dollar.

          Was sich hier zeigt, ist, dass Krisen und ihr Verlauf nicht vorhersagbar sind. Respektive bedarf es Mut dies zu tun und man muss den richtigen Zeitpunkt dafür wählen. So liegen in Zeiten stark fallender Preise diejenigen Analysten am besten, die besonders niedrige Preise prophezeien.

          Das könte auch erklären, warum nun Paul Horsnell von der britischen Standard Chartered Bank einen Preis von nur noch zehn Dollar je Barrel prognostiziert und sich Analysten seit neuestem mit ihren Voraussagen gegenseitig zu unterbieten scheinen. In Phasen stark steigender Preise ist es umgekehrt ebenso. Da Phasen starker Preisveränderungen allerdings eher kurz sind, macht man als Analyst auf Dauer am wenigsten falsch, wenn man sich im Durchschnitt, dem sogenannten „Marktkonsens“ bewegt.

          Ein weiteres Indiz, das die Prognosen entzaubert, ist ein Vergleich der Quartalsprognose mit dem Preis des vorangegangenen Quartals: Weicht der Analystendurchschnitt für das kommende Quartal im Durchschnitt um knapp drei Dollar ab, wird die durchschnittliche Prognose im Vergleich zum Vorquartal um mehr als einen Dollar besser.

          Letztlich bewahrheitet sich der Aphorismus: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, der wechselweise dem Kabarettisten Karl Valentin, dem Schriftsteller Mark Twain oder dem Naturwissenschaftler Niels Bohr und anderen zugeschrieben wird.

          Dieses Phänomen der Prognosen, die sich am Durchschnitt orientieren oder im Wesentlichen die Gegenwart fortschreiben, ist auch von anderen Voraussagen her bekannt. Kein Konjunkturforscher wolle sich mit seinen Prognosen zu weit von der Mehrheitsmeinung entfernen, sagte einst der DIW-Forscher Stefan Kooths der F.A.Z. und konstatierte „ein gewisses Herdenverhalten“ und die „Angst, isoliert dazustehen. Die Schwierigkeiten, Tausende von Einflussfaktoren berücksichtigen zu müssen, werden um so größer, wenn man sich wie in der Finanzkrise auf unbekanntem Terrain befindet.

          Die Ökonomen Ulrich Fritsche und Jörg Döpke verglichen schon vor Jahren den Informationsgehalt von Konjunkturprognosen mit einem Münzwurf – wobei die Forscher doch häufiger richtig lagen als der Zufallsgenerator. Denn unter stabilen Rahmenbedingungen lässt sich die Gegenwart auch in einem gewissen Umfang fortschreiben. Eine Wachstumsrate von zwei Prozent wird in der nächsten Periode nur im Ausnahmefall um fünf Prozentpunkte steigen oder fallen. Das ist aber dem Zufallsgenerator egal.

          Das Phänomen unzureichender Prognosen ist auch aus anderen Disziplinen bekannt, am besten aus der Meteorologie. Die Treffergenauigkeit einer 24-Stunden-Vorhersage liegt heute bei 90 Prozent, über drei Tage bei 75 Prozent. Danach gilt die Vorhersage nur noch als Witterungsvorhersage und ab den elften Tag ist sie nicht mehr mit hinreichend genau möglich. Mit zunehmender Zeitdauer wächst der Wertebereich, den die Variablen annehmen können.

          Ebenso wenig ist es jetzt möglich, das Ergebnis der kommenden Bundestagswahl 2017 hinreichend genau zu prognostizieren, noch weniger für 2021. Hier lässt sich noch nicht einmal vorhersagen, ob sie dann stattfindet. Wer hätte etwa 1968 oder 2001 prognostizieren wollen, dass die kommenden Wahlen ein Jahr früher stattfinden würden? Als Ergebnis lässt sich dafür gerade noch vorhersagen, dass CDU und SPD die Fünf-Prozent-Hürde schaffen werden. Das ist aber auch nicht sicher – und hilfreich auch nicht.

          Quelle: FAZ.NET

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