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Vereinigte Staaten Nach der Agrarkrise ist vor der Krise

 ·  In den Vereinigten Staaten hat die Rekordhitze im Sommer die Ernte von Mais und Weizen stark belastet. Die Preise sind immer noch hoch. Die Hoffnung liegt auf den Ernten auf der Südhalbkugel.

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© REUTERS Maisernte im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin

Es war die schlimmste Hitzewelle in den Vereinigten Staaten: Im Sommer dieses Jahres zerstörten Rekordtemperaturen einen großen Teil der Ernte von Mais und Weizen im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium USDA korrigierte ständig die Ernteprognosen für das wichtigste Anbauland der Welt nach unten. Dadurch stiegen die Preise wichtiger Agrargüter innerhalb weniger Wochen um bis zu 60 Prozent.

Für Mais war es geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie schnell sich die Erwartungen drehen können: Während im Mai von der USDA noch massive Überschüsse in Höhe von 30 Millionen Tonnen erwartet wurden und damit eine Rekordernte, wird nun mit einem Defizit in Höhe von 15 Millionen Tonnen gerechnet - und damit bei 270 Millionen Tonnen eine so geringe Ernte wie zuletzt vor sechs Jahren. Kein Wunder, dass der Preis zwischen Juni und August um 65 Prozent stieg und mit 8,40 Dollar je Scheffel im August ein Rekordhoch erreichte. Nun liegt der Maispreis bei rund 7,40 Dollar. Auch Weizen stieg deutlich im Preis: Während an den Börsen Mitte Mai noch 6,50 Dollar gezahlt wurden, waren es in der Spitze fast 9,50 Dollar. Aktuell notiert der Kontrakt immer noch bei 8,60 Dollar. Damit ist die Tendenz zwar leicht sinkend, doch immer noch befinden sich die Preise auf einem sehr hohen Niveau.

In Australien hat die Ernte vor drei Wochen begonnen

Das führt zum Beispiel auf dem Fleischmarkt zu einer kuriosen Entwicklung: So fallen seit Mai die Preise für Rinder- und Schweinehälften stark, weil es für viele Bauern billiger ist, ihr Vieh zu schlachten als teuer durchzufüttern. Das wird aber im nächsten Jahr zu stark steigenden Fleischpreisen führen, da die Viehbestände kurzfristig nicht wieder auf das alte Niveau aufgestockt werden können. So sagte auch der Chef des drittgrößten Hühnchenproduzenten Sanderson Farms kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters: „Der höhere Getreidepreis wird über die Zeit zu steigenden Geflügelpreisen führen.“ Verbraucher müssen sich nicht nur auf höhere Kosten für Fleisch, sondern auch für Milchprodukte und Backwaren einstellen.

Ein Ende der kritischen Situation auf den Getreidemärkten ist nicht in Sicht: Das amerikanische Zentrum für Klimavorhersage geht davon aus, dass die Dürre noch bis weit in den Februar hinein andauern wird. Das führt dazu, dass mittlerweile auch Winterweizen in Mitleidenschaft gezogen wird. Das USDA bewertete jüngst nur noch 34 Prozent der Pflanzen mit sehr guter oder guter Qualität - ein rekordniedriger Wert. Dagegen sieht jede vierte Pflanze schlecht oder sogar sehr schlecht aus. Hoffnung besteht allerdings: Sollte es im Frühjahr ausreichende Niederschläge geben, kann das die Erträge positiv beeinflussen.

Momentan richten sich die Blicke der Marktbeobachter auf die Südhalbkugel. Beim Weizen schauen sie besonders auf Australien. Dort hat die Ernte vor drei Wochen begonnen. Doch neben einer geringeren Anbaufläche verhindert eine große Trockenheit auch dort eine gute Ernte. Nach den rekordhohen Erträgen von 30 Millionen Tonnen im Vorjahr rechnet die internationale Getreideorganisation dieses Jahr nur mit 22 Millionen Tonnen. Das ist so wenig wie zuletzt im Anbaujahr 2008. Auch aus anderen wichtigen Anbauländern wie Argentinien kommen keine guten Nachrichten. Dort wird zum Beispiel mit der niedrigsten Ernte seit drei Jahren gerechnet. Wegen des hohen Weizenpreises gehen die Analysten der Commerzbank von einer deutlichen Ausweitung des Angebots aus: „Mit 7 Dollar je Scheffel erwarten wir im vierten Quartal 2013 allerdings noch immer ein im historischen Vergleich sehr hohes Preisniveau“, heißt es in einem Bericht.

Geldanlagen im Agrarsektor bleiben eine riskante Wette

Bei der weiteren Entwicklung des Preises für Mais ist besonders Brasilien von Bedeutung. Dort werden dieses Jahr geschätzte 70 Millionen Tonnen geerntet und damit so viel wie in den vergangenen beiden Jahren. In Argentinien wird dagegen etwa 12 Prozent weniger Anbaufläche als im Vorjahr erwartet. Für die nächste Saison erwarten die Analysten der Commerzbank eine Entspannung der Angebotslage: „Wir erwarten für das vierte Quartal 2013 noch immer ein relativ hohes Preisniveau von 6,20 Dollar je Scheffel.“

Investoren am Agrarmarkt können daraus auch für ihr Anlageverhalten einige Rückschlüsse ziehen. Möglichkeiten, Geld zu investieren, gibt es viele. Das gilt auch für Privatanleger. Sie können verschiedene Zertifikate und börsengehandelte Rohstoffpapiere kaufen oder in Fonds investieren. Auch Agraraktien von Unternehmen wie dem Saatguthersteller KWS könnten interessant sein. Von Verbraucherorganisationen wie Foodwatch gibt es aber auch Kritik an der Spekulation an den Agrarmärkten. Dabei gibt es allerdings Studien, die belegen sollen, dass durch solche Geschäfte die Agrarpreise nicht zwangsläufig steigen müssen. Trotzdem haben sich aufgrund des öffentlichen Drucks manche Banken wie die Landesbank Berlin, die Landesbank Baden-Württemberg sowie die Commerzbank und die Sparkassenfondsgesellschaft Deka aus den Agrargeschäften zurückgezogen. Andere führende Anbieter, wie Allianz Global Investors und die Deutsche Bank, blieben hingegen engagiert.

Dabei spricht einiges für eine Verknappung der Agrargüter und damit für hohe Preise: Einerseits wird die Weltbevölkerung in den nächsten Jahren weiter wachsen. Allein mit 9,6 Milliarden Menschen auf dem Planeten rechnet die Stiftung Weltbevölkerung. Das wären 2,5 Milliarden mehr als heute, die auch ernährt werden müssen. Dabei können die Anbauflächen aber nicht unendlich ausgeweitet werden, und auch den steigenden Erträgen je Hektar sind natürliche Grenzen gesetzt. Andererseits könnte der Klimawandel - unabhängig davon, ob vom Menschen verursacht oder nicht - zu einer Zunahme von Wetterphänomenen wie Hitzewellen und sintflutartigen Regenfällen führen. Damit würden die Agrarmärkte demnächst noch stärker als bisher den wetterbedingten Schwankungen unterworfen sein. Für Anleger bleiben Geldanlagen im Agrarsektor deshalb eine riskante Wette. Des Weiteren wird die Frage „Tank oder Teller?“ die Investoren weiter beschäftigen. So muss in den Vereinigten Staaten ein fester Prozentanteil von Mais zu Ethanol verarbeitet werden. Im Zuge der Agrarkrise in diesem Sommer wurde darüber diskutiert, ob man diese Quote nicht aufhebe, um den Preisanstieg zu dämpfen.

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