08.07.2009 · Das Ausmaß der Spekulation ist wegen schlechter Datenlage nur schwer abzuschätzen. Trotz der mangelnden Transparenz gehen Analysten davon aus, dass auf den Rohstoffmärkten wieder mehr Spekulanten unterwegs sind, die auf steigende Preise wetten.
Von Judith LembkeDer Skandal um den britischen Händler, der in der vergangenen Woche mit unautorisierten Termingeschäften den Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent auf ein Acht-Monats-Hoch bei 73,50 Dollar getrieben hat, hat die Diskussion um den Einfluss der Spekulation auf die Rohstoffpreise wieder entfacht. Auch die Hausse von April bis Juni, als viele Rohstoffe innerhalb weniger Wochen mit zweistelligen Raten zulegen konnten, veranlasste viele Marktbeobachter dazu, die Rückkehr der Spekulanten auf diese Märkte auszurufen.
Der neue Chef der amerikanischen Terminmarktaufsicht CFTC, Gary Gensler, hat erst kürzlich angekündigt, das amerikanische Volk in Zukunft vor „exzessiver Spekulation“ zu schützen. Als Spekulanten gelten vor allem Investmentbanken und Hedge-Fonds, aber auch Kleinanleger, die über Zertifikate und Indexfonds von den Preissteigerungen an den Rohstoffmärkten profitieren wollen.
Die Bedeutung der Spekulationen für die Rohstoffmärkte
Als im vergangenen Jahr der Preis für ein Barrel Rohöl innerhalb weniger Wochen auf mehr als 146 Dollar kletterte und auch die Preise für viele Agrarrohstoffe im Rekordtempo nach oben schossen, wurde die Diskussion über die Rolle der Finanzinvestoren an den Terminmärkten schon einmal geführt. Sie ebbte jedoch zunächst einmal ab, als nach der Lehman-Insolvenz auch die Rohstoffpreise fielen.
Dabei ist es äußerst schwierig, die Bedeutung der Spekulation für die Rohstoffmärkte festzustellen. Den wichtigsten Anhaltspunkt liefern die Daten der CFTC, die einmal in der Woche veröffentlicht werden. Sie geben Aufschluss darüber, wie viele Futures von den Marktteilnehmern gehalten werden und wie diese positioniert sind. Die Akteure werden in „kommerzielle“ und „nichtkommerzielle“ Händler unterteilt. Kommerzielle Händler sind zum Beispiel die großen Ölkonzerne, die physische Ware erwerben.
Ein großer Teil der Rohstoffgeschäfte wird außerbörslich getätigt
Nichtkommerzielle Händler können Banken oder Hedge-Fonds sein, die ihre Positionen zu Spekulationszwecken aufbauen. „Die Einteilung ist aber nicht ganz einwandfrei und hat deswegen auch nur eine beschränkte Aussagekraft“, sagt Dora Borbély, Rohstoffanalystin der DZ Bank. Ihr Kollege Eugen Weinberg von der Commerzbank weist darauf hin, dass nichtkommerzielle Händler wie Banken oft auch im Auftrag von Kunden handeln - die wiederum ganz andere Interessen verfolgen können.
Deswegen kann man auch nicht folgern, dass der Anteil nichtkommerzieller Händler, der am Ölmarkt aktuell zum Beispiel 40 Prozent beträgt, sich mit dem Anteil der Spekulation deckt. Ein anderes Problem, die Aktivitäten von Spekulanten auszumachen, besteht darin, dass ein großer Teil der Rohstoffgeschäfte außerbörslich getätigt wird und damit dem Blick der Terminmarktaufsicht entzogen ist.
Abschöpfung der Gewinne, damit Spekulation unattraktiv wird
Trotz der schwierigen Datenlage fordern Verbraucherschützer und Aktivisten immer wieder eine Eindämmung der „Rohstoffspekulation“. „Es ist nicht einzusehen, dass sich einige Menschen auf Kosten der Bevölkerung eine goldene Nase verdienen“, sagt Detlev von Larcher vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac. Er schlägt eine Abschöpfung der Gewinne, zum Beispiel durch eine Börsenumsatzsteuer, vor, damit Spekulation unattraktiv wird.
Manfred Wolter, Rohstoffanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, hält die aktuelle Diskussion für verlogen. Einerseits gebe es den „guten“ Farmer, der sein Einkommen über Terminkontrakte absichern dürfe, und die „böse“ Gegenpartei, die das Risiko nur aus Spekulationszwecken übernehme. „Wer soll beurteilen, wo ,anständiges' Hedging aufhört und ,unanständige' Spekulation anfängt?“, fragt Wolter. Borbély weist darauf hin, dass Spekulanten essentiell für das Funktionieren der Rohstoffmärkte seien, da sie die Risiken der Produzenten und Konsumenten übernehmen würden. „Spekulation führt zwar zu größeren Preisschwankungen, kann aber keine langfristigen Trends setzen“, ist sie überzeugt.
„Die Kaufpositionen der Nichtkommerziellen haben zugenommen“
Wolter sieht das - zumindest mit Blick auf die Agrarrohstoffmärkte - anders. Ende des vergangenen Jahres hat er die Weltproduktion von Agrarrohstoffen mit der Marktkapitalisierung von Dax-Werten verglichen. Der Vergleich zeigt, wie eng die Rohstoffmärkte sind. So entsprach der Wert der geschätzten Weizenproduktion im Erntejahr 2008/09 mit 108,6 Milliarden Euro gerade einmal der doppelten Marktkapitalisierung von Eon mit 56,1 Milliarden Euro zum Jahresende 2008. Dabei handelt es sich bei Weizen um den größten und liquidesten Agrarrohstoffmarkt. Der Wert der Weltjahresproduktion von Zucker mit 29,3 Milliarden Euro entsprach zum damaligen Zeitpunkt gerade noch der Marktkapitalisierung von SAP mit 30,7 Milliarden Euro. „Nun muss man sich nur einmal vorstellen, was passiert, wenn sich fünf Investmentbanken auf die SAP-Aktie stürzen würden“, sagt Wolter.
Trotz der mangelnden Transparenz gehen die Analysten davon aus, dass auf den Rohstoffmärkten wieder mehr Spekulanten unterwegs sind, die auf steigende Preise wetten. „Die Kaufpositionen der Nichtkommerziellen haben zugenommen“, sagt Weinberg und sieht schon einen Richtungswechsel nahen: „Wenn die Netto-Long-Positionen zu hoch sind, markieren sie eine Trendwende“, sagt er.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |