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Spritpreise : Immer noch niedrig?

Der alltägliche Horror Bild: dpa

Deutschland stöhnt über hohe Spritpreise. Auch wenn sie historisch immer noch niedrig sind, so bekommen die Autofahrer doch den Ölhunger der Welt zunehmend zu spüren.

          Die Preise an den Tankstellen befinden sich auf dem höchsten Niveau, seit es Tankstellen in Deutschland gibt. Die Verbraucher stöhnen und sehen ihre hart verdienten Euros zunehmend in den Kassen der Tankstellen verschwinden. Kostete der Liter Diesel [siehe Fußnote 1]  im Jahresdurchschnitt 1950 umgerechnet noch wenig mehr als 17 Cent, so sind es in diesem Jahr bislang 1,477 Euro, mithin achteinhalbmal soviel.

          Dreimal so billig wie vor 60 Jahren

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch der Eindruck täuscht, dass man noch nie so viel für Sprit ausgeben musste: 1950 musste ein Arbeiter im Produzierenden Gewerbe für einen Liter Diesel aus der Zapfsäule mehr als eine Viertelstunde arbeiten [siehe Fußnote 2]. 2011 waren es keine 5 Minuten mehr. Noch mehr gilt das für Benzin: War 1950 noch knapp eine halbe Stunde Arbeit nötig, so waren es 2011 nur wenig mehr als 5 Minuten.

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          Die Deutschen sind gegenüber 1950 also deutlich wohlhabender geworden und können sich das Autofahren mehr leisten. Doch das betrifft vor allem das vergangene Jahrhundert. Konnte sich der Arbeiter von seinem Bruttomonatsverdienst 1950 lediglich 800 Liter Diesel leisten, waren es 1998 mehr als 3900 Liter. Mittlerweile sind es aber nur noch 2056.

          Der Preis für Sprit ist seit den neunziger Jahren also nicht nur auf dem Tankstellenschild deutlich gestiegen, sondern auch im Portemonnaie der Verbraucher deutlich fühlbar geworden. Das zeigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Der Anteil der Ausgaben für Kraftstoffe und Schmiermittel an den Konsumausgaben privater Haushalte ist von 3,2 Prozent im Jahr 1993 bis 2008 auf 4,3 Prozent gestiegen. In diesem Jahr war der Arbeitsaufwand für den Liter Diesel ähnlich hoch wie heute.

          Hauptursache Ölpreisanstieg 

          Die Mineralölkonzerne nennen vor allem zwei Ursachen für den Spritpreisanstieg. Sie verweisen zum einen auf den Anstieg des Ölpreises und zum anderen auf die Höhe der staatlichen Abgaben. Ersteres stimmt durchaus: Vergleicht man die Entwicklung des Rohölpreises, umgerechnet in Euro je Liter, mit den Preisen an der Tankstelle, so laufen diese über weite Strecken parallel.

          Die erste Ölkrise, durch die sich der Rohölpreis annähernd vervierfachte, führte etwa zu einem starken Anstieg der Spritpreise. Als der Ölpreis 1986 von rund 41 auf 16 Dollar einbrach, fand das an der Zapfsäule ebenso deutlichen Niederschlag. Zwischen 1998 und 2011 hat sich der Ölpreis annähernd versiebenfacht. Das liegt am Ölmarkt: Schon seit 1982 verbraucht die Welt mehr Öl als sie fördert. Der Preis für den Liter Diesel in Euro ist dagegen noch nicht einmal auf das Zweieinhalbfache gestiegen.

          Bedeutung der Steuer geht zurück

          Unter diesen Umständen scheint es fast verwunderlich, dass die Preise an den deutschen Tankstellen nicht deutlicher gestiegen sind. Allerdings ist der Preis eines Liters Rohöl in Euro zwischen 1998 und 2011 nur um etwa 43 Cent gestiegen, der eines Liters Diesel an der Tankstelle um 73 Cent. Indes muss man auch mit diesem Vergleich vorsichtig umgehen: Die deutsche Mineralölindustrie richtet sich nach den Großhandelspreisen für raffinierte Produkte in Rotterdam.

          Der deutsche Mineralölwirtschaftsverband schlüsselt die Zusammensetzung des Preises für Superbenzin auf seinen Internet-Seiten detailliert auf. Demnach ist dieser zwischen 1998 und dem Juli 2012 um 81 Cent gestiegen. Davon entfallen auf den Großhandelspreis in Rotterdam 49 Cent, also rund 60 Prozent. Mit jeweils rund 15 Cent schlagen Mineralöl- und Mehrwertsteuer zu Buche.

          Sonstige Kosten und der Gewinn sind nur um 2,17 Cent gestiegen. Allerdings fällt auf, dass diese Komponente bis 2007 fast unverändert blieb und seitdem deutlich um 5,3 Cent gestiegen ist. Wie viel davon aber in den Taschen der Konzerne hängenbleibt, lässt sich nicht sagen: So weit reicht die Aufschlüsselung nicht.

          Gern übertriebt die Mineralölbranche die Bedeutung der Besteuerung: Der Steueranteil am Zapfsäulenpreis ist letztlich von 73,6 Prozent im Jahr 2003 auf zuletzt 56,2 Prozent gefallen. Seit 2003 ist der Mineralölsteuerbetrag im Benzinpreis konstant geblieben, der Anstieg des Mehrwertsteuerbetrags folgt logischerweise nur dem Nettoproduktpreis.

          Auch eigenes Verschulden dabei

          Nicht zuletzt sind die Autofahrer aber auch nicht ganz unschuldig, wenn sie der Spritpreisanstieg härter trifft als früher. Denn den sinkenden Spritverbrauch der Motoren haben viele Autofahrer wohl dazu genutzt, sich stärkere Maschinen zu leisten. Nach einer Studie des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer ist die Motorleistung gekaufter Neuwagen seit 1995 von durchschnittlich 95 auf mittlerweile 138 PS gestiegen. Auch wächst der „motorisierten Individualverkehr“ in Deutschland ungebrochen.

          So schlimm kann das Spritpreisniveau also nicht sein. Vielmehr scheinen viele Deutsche Autofahren als ein Grundbedürfnis zu betrachten. „Andererseits übersieht man (in Kreisen der Mineralölindustrie) nicht, welche Welle der Entrüstung eine Preiserhöhung nach sich ziehen würde. Der Benzinpreis sei - ähnlich wie der Brotpreis - zu einem politischen Preis geworden, was den Gesellschaften besondere Rücksichten auferlege.“ So schrieb die FAZ, als es um eine mögliche Benzinpreiserhöhung ging – und zwar um einen Pfennig. Das war im September 1958. In mancherlei Hinsicht scheint sich seitdem wenig geändert zu haben.

          Spritpreise 1986 bis 1998

          Nach 1986 bewegt sich der Rohölpreis bis etwa 1998 in der Tendenz auf niedrigem Niveau, sinkt sogar leicht. Die Spritpreise dagegen steigen deutlich.

          Die Erklärung ist letztlich einfach, wie auf der neuen Infografik Nummer  7 zu sehen ist. Im betreffenden Zeitraum war tatsächlich der Staat der Preistreiber. Die Regierung Kohl erhöhte zwischen 1988 und 1998 die Mineralölsteuer auf den Liter Superbenzin um insgesamt 23 Cent je Liter. Zudem erhöhte sie 1983, 1992 und 1998 die Mehrwertsteuer um jeweils einen Prozentpunkt.

          Durch die Ökosteuer-Reform der Regierung Schröder kamen bis 2003 dann noch einmal 15,4 Cent Mineralölsteuer hinzu. Seitdem wurde die Steuer nicht mehr erhöht. Allerdings hat die Große Koalition die Mehrwertsteuer 2007 um gleich drei Prozentpunkte erhöht.

          1. Diesel ist insgesamt der bessere Maßstab, gab es bei Benzin doch immer wieder Änderungen von verbleitem Normal zu Superbenzin, von verbleitem zu unverbleitem Sprit und schließlich zu E 10. Der Mineraölwirtschaftsverband schlüsselt aber vor allem den Preis für Superbenzin detailliert auf.
          2. Nettoverdienste werden in der Verdienststatistik nicht regulär erhoben. Multipliziert man die Bruttoverdienste aber mit den jeweils gültigen Abgabenquoten, so ergibt sich kein wesentlich anderes Bild.
          3. Die Tankstellenpreise stammen von Aral und dem ADAC. Die Daten weichen, soweit redundant,  nicht signifikant voneinander ab.
          4. Von BP stammen die Angaben zum Ölmarkt. (BP Statistical Review of World Energy June 2012).
          5. Die verwendeten Dollarkursangaben stammen von der deutschen Bundesbank.
          6. Der Rotterdamer Großhandelspreis stammt vom Mineralölwirtschaftsverband, ebenso die Angaben zur Besteuerung.
          7. Angaben zu Bruttostunden- und -monatsverdiensten und den Konsumausgaben stammen vom Statistischen Bundesamt. Der Verdienst bezieht sich erfassungsbedingt von 1950 bis 1995 auf Arbeiter/Innen im Produzierenden Gewerbe, 1996 bis 2006 Arbeiter/Innen im Produzierenden Gewerbe, Handel und Kreditgewerbe, seit 2007 vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer (Fachkräfte). Die Daten sind konsistent.
          8. Informationen zur Entwicklung des Verkehrsaukommens stammen vom Automobilklub VCD.
          9. Mein Kollege Franz Nestler hat zu diesem Artikel beigetragen.

          Quelle: FAZ.NET

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