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Lebensmittelpreise : Spekulanten: Wir machen das Getreide teuer

Sojaernte in Nebraska Bild: Jan Grossarth

Eine Umfrage unter Börsenhändlern bringt ein erstaunliches Ergebnis: Sie zweifeln nicht an Auswirkungen auf Lebensmittelpreise. Anders als die Deutsche Bank.

          Während sich die Ökonomen im komplizierten Methodenstreit nicht einig werden, gibt es für professionelle Börsenhändler keinen Zweifel: Agrarspekulation erhöht die Lebensmittelpreise. Und zwar nicht in Zukunft, sondern in der Gegenwart. Die übergroße Mehrheit der professionellen Rohstoffhändler und Aktienhändler an den großen Finanzplätzen der Welt gibt sich davon überzeugt, dass Spekulation auf steigende Lebensmittelpreise die Preise für Weizen, Mais, Soja oder Reis erhöht. Das geht aus 180 Interviews hervor, die im Auftrag der Verbraucherorganisation Foodwatch durchgeführt wurden.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Deren Auswahl allerdings erfolgte eher zufällig durch eine Internetrecherche. Kriterien waren, dass die Personen hauptberuflich in diesem Geschäft tätig sind und mindestens vier Jahre Berufserfahrung hatten. Es wurden dann im Frühjahr insgesamt 180 Rohstoffhändler, Analysten und Aktienbroker in Chicago, New York, Frankfurt, London, Dubai, Neu-Delhi, Schanghai und Tokio telefonisch interviewt. Darunter waren etwa Getreide-, aber auch Ölhändler.

          75 Prozent Zustimmung

          89 Prozent der Befragten beantworteten die Frage, ob die Spekulation auf steigende oder fallende Lebensmittelpreise - etwa mittels Indexfonds (ETF) - die Future-Preise für Agrarrohstoffe an den Börsen beeinflusse, mit ja. Der zweite logische Schritt, um einen Einfluss auf die Preise in der Gegenwart nachzuweisen, wäre, dass die Future-Preise ihrerseits auf die gegenwärtig gezahlten Getreidepreise wirken müssten. Auch einen solchen Zusammenhang sehen drei Viertel der Befragten als gegeben an. Es gab keine wesentlichen regionalen Unterschiede in der Beurteilung der Zusammenhänge.

          Laut Foodwatch vertraten auch zwei Rohstoffhändler, die für die Deutsche Bank aktiv seien, welche entsprechende Fonds auflegt, entgegen der offiziellen Lesart des Instituts die Auffassung, Spekulation erhöhe die Kassapreise.

          „Wesentlicher Faktor“

          „Ich halte Spekulation für einen wesentlichen Faktor für die extremen Preisschwankungen“, sagte laut der Studie ein Händler der Getreidebörse von Chicago. „Es hat Einfluss, aber nur bedingt“, sagte ein anderer. Von den 11 Prozent, die einen Einfluss der Spekulation auf die Futures-Preise gänzlich ausschlossen, meinten die meisten, nur die fundamentale Nachfrage und das Angebot nach und von Getreide habe Einfluss. Das entspricht der offiziellen Lesart der Chicagoer Rohstoffbörse beziehungsweise des Börsenbetreibers CME Group. Die Interviews wurden von dem Marktforschungsunternehmen SIS International Research durchgeführt.

          Dem vorausgegangen war ein langer, kontroverser wissenschaftlicher Streit. Die private Verbraucherorganisation Foodwatch hatte im Jahr 2012 verkündet, der Einfluss sei groß und der Staat solle den Handel mit ETF einschränken. Der Wirtschaftsethiker Ingo Pies von der Universität Halle entgegnete, unterstützt von 40 deutschen Professoren, die empirisch-ökonometrische Wissenschaft belege das Gegenteil. Eine weitere Foodwatch-Studie im vergangenen Herbst widerlegte Pies wiederum mit anderer Methode.

          Auch Deutschbanker befragt

          Infolge des öffentlichen Drucks hatte zuletzt im Mai Deutschlands größtes Geldhaus, die Deutsche Bank, versprochen, dass neue Finanzprodukte „das Entstehen sogenannter Preisspitzen nicht begünstigen“ würden. Daher sollten keine entsprechenden ETF mehr angeboten werden. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch nannte dies einen „Mini-Teil-Ausstieg“, der aber als erstes Eingeständnis, dass Agrarspekulation riskant sei, gewertet werden könne.

          Zuvor waren Banken wie Commerzbank, Deka, LBBW und die DZ Bank auf den öffentlichen Druck hin ganz oder teilweise aus dem Geschäft ausgestiegen. Viele Milliarden Euro waren in den vergangenen Jahren an die Rohstoffmärkte geflossen, die Mais- oder Weizenpreise in armen Ländern gestiegen. 2008 und 2011 gab es Preisspitzen, derzeit rangiert der Lebensmittelpreisindex der Weltagrarorganisation FAO auf einem Durchschnittsniveau der vergangenen fünf Jahre. Der Getreidepreis geht deutlich zurück, ist aber immer noch gut doppelt so hoch wie vor zehn Jahren.

          Quelle: F.A.Z.

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