Home
http://www.faz.net/-gvz-auq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Seltene Erden Verlockend und tückisch

26.03.2011 ·  Wenn Rohstoffe als Anlageklasse insgesamt im vergangenen Jahr die vielleicht spannendste Investmentgeschichte zu bieten hatten, waren die Seltenen Erden davon die allerbeste. Doch das chinesische Monopol birgt Risiken.

Von Judith Lembke
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Antwort des Rohstoff-Experten von der Credit Suisse klingt genervt, ganz so, als hätte er diese Frage schon zu oft gestellt bekommen: „Andauernd werde ich nach Investments in Seltene Erden gefragt – und zwar von Leuten, die noch nicht einmal Gold im Depot haben!“

Die Begeisterung der Anleger für Europium, Lanthan, Cer und die 14 anderen seltenen Erden lässt sich wahrscheinlich weniger rational begründen, als mit der These des Börsengurus André Kostolany, dass Börsengeschehen vor allem Psychologie sei. Wenn Rohstoffe als Anlageklasse insgesamt im vergangenen Jahr die vielleicht spannendste Investmentgeschichte zu bieten hatten, waren die Seltenen Erden davon die allerbeste. Doch die Investition hat ihre Tücken.

Die Investition birgt eine große Unbekannte

Bei den Seltenen Erden handelt es sich um Rohstoffe, die vor allem in Zukunftstechnologien eingesetzt werden. Schon heute steigt der Bedarf jedes Jahr, aber in Zukunft, wenn Elektroautos und Windkraftanlagen erst Standard sind, werden sie noch viel bedeutender sein. Einige nennen die Metalle und Oxide gar das „Öl der Zukunft“. Doch das Problem ist, dass ein einziges Land, China, ein Monopol für ihre Produktion hat. Und China hat im vergangenen Jahr drastische Exportbeschränkungen eingeführt, die zu einem rasanten Preisanstieg der nicht-börsengehandelten Rohstoffe führten. Einer neuen Studie des deutschen Öko-Instituts zufolge sprangen die Preise der „günstigen“ Seltenen Erden wie Cer, Lanthan oder Neodym 2010 von 10 auf 90 Dollar je Kilo. Die Preise der „teuren“ Oxide Dysprosium Europium oder Terbium verachtfachten sich teilweise bis auf 800 Dollar je Kilo. Die Industrie war alarmiert, die Europäische Union bastelte eine Rohstoffstrategie und Anleger witterten das große Geschäft: Steigende Nachfrage trifft auf immer weniger Angebot – was könnte lukrativer sein, als in Minenunternehmen und potentielle Förderer zu investieren?

Um sich von China unabhängiger zu machen, suchen die Industrieländer nach neuen Rohstoffpartnern. Deutschland schmiedet eine Allianz mit Kasachstan. Japan und Südkorea wollen sich über den Einstieg bei einem brasilianischen Bergbaukonzern den Zugang zu den wichtigen Metallen sichern. Alte Minen werden reaktiviert und neue erschlossen. In der 2002 aus Umweltgründen stillgelegten amerikanischen Mine Mountain Pass will der Bergbaukonzern Molycorp ab dem kommenden Jahr 18.000 Tonnen Seltene Erdoxide fördern. Im australischen Mount Weld will das Unternehmen Lynas in zwei Jahren sogar 20.000 Tonnen der begehrten Metalle und Oxide fördern. Verständlich, dass viele Anleger bei der Suche nach dem El Dorade des 21. Jahrhunderts von Anfang an dabei sein wollen. Zusammen haben Molycorp und Lynas mittlerweile einen Börsenwert von mehr als 8 Milliarden Dollar – ohne in den vergangenen Jahren bislang eine einzige Tonen Seltene Erdoxide gefördert zu haben.

Doch die Investition birgt eine große Unbekannte: Den Faktor China. Von den 124.000 Tonnen Seltenen Erden, die im Jahr weltweit abgebaut werden, fördert China 97 Prozent. Von 1979 bis 2006 hat das Land seine Exporte an Seltenen Erden Jahr für Jahr gesteigert. Darüber hinaus blüht der Schmuggel. Es wird geschätzt, dass pro Jahr 20.000 Tonnen illegal aus China exportiert werden. Doch die hohe Konzentration der Förderung in Fernost ist nicht die einzige Schwierigkeit. Mittlerweile ballt sich auch das ganze Wissen um die Gewinnung in China. „Der Abbau der Seltenen Erden ist nicht das Problem, sondern ihre Trennung“, sagt Lorenz Erdmann vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Die Seltenen Erden können nur gemeinsam abgebaut werden. Ihre Zusammensetzung in den Lagerstätten ist immer unterschiedlich, für jede braucht man eine eigene Formel. Dementsprechend hart wurde die globale Wirtschaft auch von den dreißigprozentigen Exportbeschränkungen im vergangenen Jahr getroffen – denn eigentlich wissen nur die Chinesen, wie man diese Rohstoffe aufbereitet.

Dabei gibt es auf der Welt grundsätzlich mehr als genug Seltene Erden. Die amerikanische Geoforschungsbehörde Geological Survey schätzt die weltweiten Reserven aller wirtschaftlich nutzbaren Seltenen Erden auf 99 Millionen Tonnen. Doch in den vergangenen Jahrzehnten wurde das Thema in den Industrieländern vernachlässigt. Dumpingpreise und die hohen Umweltbelastungen durch den Abbau führten dazu, dass man sich völlig in chinesische Abhängigkeit begab. Doch auch dort will man die Umweltverschmutzung nicht länger hinnehmen und rechtfertigt damit die Ausfuhrbeschränkungen. Das Gebiet in der Inneren Mongolei, wo sich die Mine Bayan Obo befindet, aus der 40 Prozent der chinesischen Produktion stammen, ist auf Jahrzehnte mit Chemikalien verseucht. Der Gelbe Fluss, der hindurch fließt, ist radioaktiv belastet.

Riskant ist ein finanzielles Engagement

Im Westen geht man jedoch davon aus, dass die Umweltaspekte nur vorgeschoben sind und die Exportbeschränkungen in Wirklichkeit handelspolitische Gründe haben. „China versucht, sich allen wichtigen Seltenen Erd-Projekten außerhalb des eigenen Landes zu beteiligen, um so weiterhin die weltweite Versorgung kontrollieren zu können“, heißt es in einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. „China wird sich schon bald vom Netto-Exporteur zum Netto-Importeur wandeln“, prognostiziert auch Erdmann. Dafür spricht, dass China die wertsteigernde Verarbeitung im eigenen Land stark fördert. Es ist das einzige Land, das über die gesamte Produktionskette für die Magnetproduktion, das wichtigste Einsatzgebiet der Seltenen Erden, verfügt – angefangen von der Erzaufbereitung bis hin zur Herstellung des Endprodukts.

Dementsprechend riskant ist auch ein finanzielles Engagement in den neuen Explorer–Projekten außerhalb Chinas. „Die chinesische Marktmacht ist so groß, dass die Chinesen den Markt nur kurzfristig mit Seltenen Erden fluten müssen, um die Preise zu verderben“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank. Als Folge wäre der Bergbau in der westlichen Welt wieder unrentabel – und die Welt wieder abhängig von der chinesischen Produktion.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

  nach...
von... EUR USD JPY
EUR 1 1,2332 96,325 0,8053
USD 0,8108 1 78,160 0,6533
JPY 0,0102 0,0128 1 0,0084
1,2418 1,5307 119,59 1
01.06.2012 11:39 Uhr
  Vortag
1,2332 −0,23%
 OK
Tops & Flops Kurs Prozent
EUR/HUF 306,1500 +1,89 %
EUR/RUB 41,2975 +1,81 %
EUR/ZAR 10,6560 +1,23 %
EUR/MXN 17,9299 +1,11 %
EUR/PLN 4,4162 +0,73 %
EUR/CHF 1,2009 −0,03 %
EUR/TRY 2,3061 −0,03 %
EUR/USD 1,2325 −0,29 %
EUR/HKD 9,5650 −0,30 %
EUR/JPY 96,2600 −0,65 %
01.06.2012
Name Kurs Prozent
Gold 1.558,00 $ +1,17 %
Silber 28,10 $ +1,52 %
Platin 1.412,00 $ −0,07 %
Palladium 610,00 $ +2,35 %
Rohöl Brent Crude 99,95 $ −1,64 %
Gas 0,53 £ −1,98 %
Kaffee 1,61 $ −1,89 %
Zucker 0,19 $ −0,05 %
Orangensaft 1,11 $ +1,42 %
AMEX GOLD BUGS 601,37 -- %
AMEX OIL 1.151,96 -- %
Rogers International 24,14 +0,50 %
von
nach