Die Schweizer Nationalbank geht mit zwei neuen Maßnahmen gegen die Aufwertung des Schweizer Franken vor. Nachdem am Mittwochmorgen nur noch 1,0796 Franken für einen Euro bezahlt werden musste, wollten die Zürcher Notenbanker um Präsident Philipp Hildebrand offenbar nicht mehr bis zu ihrer regulären Sitzung am 15. September warten und änderten außerplanmäßig die Geldpolitik. Weil der Franken „massiv überbewertet“ und deshalb die Wirtschaftsentwicklung bedroht sei und zudem Deflationsrisiken drohten, kündigten die Notenbanker in einer Mitteilung an, den Leitzins zu senken und den Banken mehr Liquidität zu lassen. Der Franken wertete daraufhin auf Kurse um 1,0973 Euro ab.
In den Jahren 2009 und 2010 hatte die Schweizer Notenbank für 200 Milliarden Franken ausländische Wertpapiere aufgekauft, um den Franken bei Kursen um 1,40 Euro zu halten - vergeblich. Stattdessen setzte es für die Notenbank hohe Verluste. Allein im ersten Halbjahr 2011 musste die Nationalbank 11,7 Milliarden Franken wegen Wechselkursverlusten hinnehmen. Die beiden neuen Maßnahmen bergen dieses Risiko nicht. Marktbeobachter äußerten aber am Mittwoch Zweifel daran, dass die Notenbank damit die Franken-Aufwertung auf Dauer stoppen kann.
Flucht in den Franken
Der Leitzins für Drei-Monats-Geld (Libor) in Franken lag schon bisher bei sehr niedrigen 0 bis 0,75 Prozent. Die Notenbank senkt nun das Zielband auf 0 bis 0,25 Prozent und will den Zins für die Banken möglichst nah an null heranführen. „Der Franken hatte auch vorher schon einen Zinsnachteil zum Euro“, stellt Martin Güth von der LBBW fest. Die niedrigeren Zinsen in der Schweiz hätten Anleger nicht davon abgehalten, in den Franken zu flüchten. Der Analyst rechnet damit, dass die Notenbank härtere Maßnahmen ergreifen wird - etwa wieder Wertpapiere aufkauft -, sollte sich der Franken einem Kurs von einem Euro annähern.
Wegen der Staatsschuldenkrise in Europa und in Amerika ist der Franken seit Monaten stärkste Währung an den Devisenmärkten. Seit Jahresanfang 2011 hat er zum Euro 15 Prozent aufgewertet, seit Jahresende 2007 sogar um ein Drittel. Auch zu allen anderen wichtigen Währungen stieg der Franken. Seine Beliebtheit hat auch damit zu tun, dass die Schweiz mit einem Schuldenstand von 53 Prozent einer Jahreswirtschaftsleistung (BIP) eine halb so niedrige Staatsverschuldung wie zum Beispiel die Vereinigten Staaten aufweist. Seine Stärke hat dem Franken bei Händlern die Spitznamen „Fluchtwährung“ und „Gold des Devisenmarktes“ eingebracht.
Die Franken-Aufwertung hat viele Facetten. Die Stadt Konstanz in der Nähe der Schweizer Grenze erlebt jeden Samstag einen Ansturm von Schweizern, die dank ihrer harten Währung günstiger in Deutschland einkaufen als zu Hause. Politiker etwa von der FDP in der Schweiz warnen vor einer Deindustralisierung des Landes, weil die Industrie wegen des starken Franken nicht mehr wettbewerbsfähig sein könnte.
Diese Sorgen bekommen auch Schweizer Aktien zu spüren. Der 20 Werte umfassende Aktienindex SMI stürzte am Mittwoch auf den tiefsten Stand seit Juni 2009. Allein seit Jahresanfang hat der SMI in der Spitze 17 Prozent verloren. Damit liegen in Euro rechnende Anleger trotz des Wechselkursgewinns von 15 Prozent mit Schweizer Aktien im Schnitt im Minus.
Staatsanleihen sind gefragt
Anders stellt sich die Lage für Besitzer von Franken-Anleihen dar. Sie profitieren doppelt von der Beliebtheit der Schweiz: Weil ihre Staatsanleihen gefragt sind, steigt der Kurs. Und die Währungsgewinne treiben die Gesamtrendite weiter hoch. „Es kommt stark darauf an, in welche Laufzeit investiert wurde“, sagt Sebastian Sachs vom Bankhaus Metzler. „Wer zum Jahresende 2010 zweijährige Schweizer Staatsanleihen gekauft hat, kann sich bis heute über eine Gesamtrendite von rund 16 Prozent freuen. Davon entfallen 15,1 auf den Währunggewinn und 0,9 Prozent auf den Kursgewinn der Anleihe“, rechnet Sachs vor. Wer eine zehnjährige Schweizer Staatsanleihe besitze, habe in diesem Jahr einen noch höheren Gesamtgewinn von 20,5 Prozent erzielt. Denn diese Staatsanleihe habe im Kurs sogar um 5,5 Prozent zugelegt.
Unter der Franken-Aufwertung leiden dagegen viele Immobilienbesitzer, die ihren Hypothekarkredit wegen der seit Jahren in der Schweiz niedrigen Zinsen in Franken aufgenommen haben. Vor allem in Ungarn und Polen waren Franken-Kredite beliebt. Rund drei Viertel aller Immobilien wurden damit finanziert. Auch zum ungarischen Forint und zum polnischen Zloty hat der Franken in diesem Jahr mehr als 10 Prozent aufgewertet. Den Kreditnehmern fällt es zunehmend schwer, die Zinsen in der aufwertenden Währung zu leisten. In Ungarn gibt es deshalb Staatshilfen für die Betroffenen.
1,0796 Euro für einen Franken
Samuel Hess (samhess)
- 03.08.2011, 23:41 Uhr