Als Voraussetzung für Hilfen an Europa fordern die reichen Schwellenländer verlässliche Rettungspläne und ein größeres Engagement der EU. Jetzt liegen solche Pläne vor, und auch die Griechen spielen mit. Öffnen die Chinesen endlich ihre Geldbörsen?
Ja, ich denke, dass sie das für einen glaubhaften, einen unterstützenswerten Plan halten. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie uns sagen, ob sie wirklich Anleihen kaufen. Falls der Weltwährungsfonds IWF jetzt ankündigt, Kredite aufzunehmen, um sie an Europa weiter zu verleihen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass China und Japan eine sehr positive Antwort geben. Das würde mich keineswegs überraschen.
Sie steigen also über den IWF ein?
Die BRICS-Länder Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bevorzugen diesen Weg. Das drückt kein Misstrauen gegenüber den europäischen Mechanismen aus, sondern sie wollen die Rolle des IWF und ihr eigenes Prestige im IWF stärken.
Aber die Chinesen werden kaum Schulden der Wackelländer kaufen, oder?
Es würde mich nicht überraschen, wenn sie in den vergangenen Jahren sogar griechische Anleihen gekauft hätten. Sie können Verluste zum Marktwert in gewisser Höhe verkraften und sich leisten, länger abzuwarten als die meisten Geldgeber. Möglicherweise stellt es sich ja als fabelhafte Investition heraus! Wir sollten nicht vergessen, dass Asien über Devisenreserven von 5000 Milliarden Dollar verfügt. Da bietet ein solider Rettungsplan gute Anlagemöglichkeiten.
In China steht ein Machtwechsel an. Kann sich die neue Führung solche Risiken aufladen?
Das ist kein Hinderungsgrund, die Devisenverwaltung ist nicht politisiert.
In der Öffentlichkeit schon. Chinas Bevölkerung spürt die Krise und fordert, das Geld lieber im Inland einzusetzen.
Die Öffentlichkeit hat ziemlich falsche Vorstellungen davon, was Devisenreserven sind, wie sie akkumuliert werden und wie sie gut anzulegen sind. Es ist nicht gerade ideal, Billionen von Dollar im Inland auszugeben, denn das könnte die Geldmenge und die Inflation drastisch in die Höhe treiben.
Was hätten die Schwellenländer davon, Europa zu retten?
Zum einen winken im besten Fall hohe Renditen. Zum anderen steckt die Krise Asien an: Europa ist der wichtigste Handelspartner, die Hälfte der Länder hängt vom Export ab. Asiatische Märkte wie Hongkong, Singapur und Taiwan sind schon in die Rezession gerutscht. Außerdem leidet Asien unter dem sinkenden Investoreninteresse. Wegen der Schwierigkeiten in Amerika und Europa gab es eine erhebliche Kapitalflucht.
Sie sprechen in der Vergangenheit. Ist die Krise für Asien vorbei?
Ja, wir denken das. Immerhin erwarten wir für Europa zum Jahresende ein Wachstum von einem Prozent und für die Vereinigten Staaten von nahe 3 Prozent. Nach der Umstrukturierung der griechischen Schulden wird sich die Stimmung der Investoren jetzt hoffentlich wieder aufhellen. Das alles dürfte Asien beflügeln.
In China und anderswo denkt man zur Belebung der Wirtschaft an eine laxere Geldpolitik. Lässt die Inflation das zu?
Die Gesamtinflation ist gesunken. Das liegt an den zurückgehenden Preisen für Nahrung und an den stabilen Preisen für Öl, jedenfalls bis vor kurzem. Deswegen erwarten Investoren Zinssenkungen. Die Kerninflation hingegen ist gestiegen, etwa in Südkorea, Taiwan, Malaysia und Singapur. Meine Befürchtung ist, dass der nächste Schock hoher Lebensmittelpreise schneller kommt als gewöhnlich, schon vor Ende des Sommers. Das hat mit dem kalten, trockenen Wetter zu tun. Dieser Preisanstieg träfe dann auf eine bereits sehr hohe Kerninflation. Das ist riskant.
Was kann man dagegen tun?
Ein Schlüssel liegt langfristig in der Reform der Landwirtschaft in China. Wenn das riesige Land anfängt, Mais, Soja oder Reis zu importieren, schlägt das auf die Weltpreise durch. China muss den Bauern erlauben, Grund und Boden zu verkaufen oder die Familienflächen zusammenzulegen. Es geht darum, das System, das heute oft ein Gartenbau ist, zu kommerzialisieren. Dafür brauchen wir Investitionen. Es gibt Börsengesellschaften für großflächigen Gemüseanbau, ausländische Molkereien engagieren sich in der Milchverarbeitung. Unternehmen wollen enorme Schweinefarmen bauen. Bisher halten Bauern drei, vier Schweine im Hinterhof, hier geht es um Anlagen mit 5000 oder 10.000 Tieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten 10 oder 20 Jahren eine agrarische Revolution sehen werden. Das wird die Teuerung der Nahrung sowohl in China als auch international dämpfen.
Wir sitzen hier in Hongkong, von wo aus China seine Währung internationalisiert. Was bedeutet das für die Öffnung der Kapitalmärkte?
Das ist wahrscheinlich die wichtigste Frage zu China überhaupt. Die Internationalisierung wird dazu genutzt, die Konvertibilität unter der Kapitalbilanz zu erreichen…
…also die Handelbarkeit der Währung für den Kapitalverkehr mit dem Ausland. Etwa für Investitionen, Wertpapierkäufe, Kredite. Bisher unterliegt das strengen Kontrollen.
Genau. Der Fünfjahresplan sieht diese Konvertibilität im Grunde bis 2015 vor. Ich glaube nicht, dass es dabei wirklich um die volle Handelbarkeit geht, und ich bin nicht sicher, ob 2015 ein festgelegter Zeitpunkt ist. Die Absicht ist wohl eher, die Genehmigungen oder Quoten für Finanzgeschäfte auszuweiten. Dennoch öffnen sich die Kapitalmärkte, und das hat enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Wachstumsmodell in China.
Inwiefern?
Das Modell ist zu großen Teilen eines der finanziellen Repression: Sparer bekommen real null Prozent Zinsen. Damit werden billige Kredite subventioniert. Seit Jahren wächst die Wirtschaft um 10 Prozent, die realen Leitzinsen für Kredite betragen 3,5 Prozent. Deshalb versucht jeder so viel Geld wie möglich aufzunehmen, um den Zinsunterschied auszunutzen. Dieses System aufrechtzuerhalten, wird mit der Öffnung der Kapitalmärkte immer schwieriger. Denn dann gibt es ja Alternativen im Markt. Es ist gut für China, wenn die Kreditkosten steigen. Investoren werden sich dann zweimal überlegen, ob sie ihr Geld in Produktionsanlagen oder Immobilien stecken, die gar nicht gebraucht werden.
Das System wird also ausgemistet?
Gewissermaßen. Wenn den Banken nicht länger gesagt wird, an wen und zu welchen Konditionen sie Geld verleihen, sondern wenn das der Markt entscheidet, dann verbessert sich die Anlagequalität. In letzter Zeit waren Anleger China gegenüber sehr pessimistisch. Warum? Weil sie befürchten, dass ein sehr großer Teil der Investitionen nichts taugt, und weil der Anteil fauler Kredite in den Banken höher sein könnte, als sie berichten. Die Öffnung der Kapitalmärkte dürfte das Risiko verringern, dass es eines Tages auch in China zu einer großen Finanzkrise kommt.
Das Gespräch führte Christian Geinitz.
Der Deutsche-Bank-Chefökonom für Asien kennt sich aus mit instabilen Regionen. Bevor er 1997 zur Deutschen Bank stieß, arbeitete er in der Kapitalmarktabteilung des IWF, welche die Belastbarkeit der Finanzmärkte prüft. Dort untersuchte der promovierte Volkswirt unter anderem die Krisen in Japan, Russland, Lateinamerika und Asien. In der Bank stieg der gebürtige Kanadier 2000 zum Chefökonomen für den Asien-Pazifik-Raum auf und 2003 zum Leiter der Abteilung Global Market Research für die Region. Spencer ist begeisterter Skifahrer. Die schlechten Schneeverhältnisse in dieser Saison lassen ihn um die Ernten und um die Nahrungspreise fürchten.
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