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Rohstoffe : Russland wird Chinas wichtigster Öllieferant

Arbeiter auf dem Öltank einer Raffinerie im chinesischen Wuhan. Bild: Reuters

Russland gräbt Saudi-Arabien rasant Marktanteile in China ab. Abgerechnet wird dort nun nicht mehr in Dollar, sondern in Yuan. Das könnte den Ölmarkt ordentlich auf den Kopf stellen.

          Für China und Russland ist es ein neuer Meilenstein in ihren wirtschaftlichen Beziehungen: Erstmals war Russland für China der größte Lieferant für Erdöl. Das Land lieferte etwa 3,9 Millionen Tonnen des schwarzen Goldes an China – knapp ein Fünftel mehr als noch im April. Damit deklassierte es Saudi-Arabien, dessen Erdölexporte nach China geradezu einbrachen: Um 43 Prozent sanken sie, von 5,2 Millionen Tonnen auf nur noch 3,054 Millionen Tonnen. Selbst Angola liefert mit 3,262 Millionen Tonnen mehr Öl als Saudi-Arabien. Damit haben sich die russischen Ölausfuhren seit dem Jahr 2010 mehr als verdoppelt.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          China ist mittlerweile der Schlüsselmarkt für die globalen Ölexporteure. Denn die Vereinigten Staaten fördern dank des Fracking-Booms immer mehr Öl und importieren immer weniger. Ganz im Gegenteil, sie exportieren nun sogar Ölprodukte in – noch – kleinen Mengen. Asien wird sich dieses Jahr für etwas mehr als 11 Prozent der globalen Ölnachfrage verantwortlich zeigen, prognostiziert die Internationale Energieagentur.

          Neue Pipelines ersetzen kilometerlange Züge

          Russland ist nun das erste Mal seit dem Jahr 2005 wieder der Top-Öllieferant für China. Besonders der Krieg in der Ukraine und die darauf folgenden Sanktionen westlicher Staaten zwingen Russland, neue Wege zu gehen. Dringend benötigte westliche Technologie wird durch die Sanktionen nicht in das Land gelangen. Diese ist aber nötig, um an die Ölreserven zu kommen, die in sehr unwirtlichen Gebieten lagern. Auch wird es durch die zahlreichen Sanktionen immer schwieriger, an das dringend benötigte Kapital zu gelangen. Der niedrige Ölpreis tut sein Übriges dazu, so dass viele mögliche Projekte im Moment nicht rentabel sind. Die Folge: Das Wachstum der Produktion halbiert sich. Um überhaupt an Geld zu kommen, verkauft das Land nun sein Öl an China.

          In den nächsten 25 Jahren zahlt China Russland dann 270 Milliarden Dollar, Russland liefert im Gegenzug etwa 365 Millionen Tonnen Erdöl. Dabei helfen sollen auch neue und moderne Pipelines: Lange Zeit wurde Öl nur mit kilometerlangen Zügen transportiert, die neuen Pipelines transportieren das Öl günstiger und schneller als bisher.

          Das meiste Öl für China stammt aus Wankor in Sibirien. Dort sollen 900 Millionen Tonnen Öl unter dem Permafrost-boden schlummern. Als das Ölfeld im Jahr 2009 in Betrieb genommen wurde, war es das größte seiner Art seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Mehr als 3000 Menschen arbeiten hier unter schwersten Bedingungen: Minus 50 Grad im Winter, im Sommer machen Mückenschwärme das Leben zur Hölle. Rosneft investierte 6,5 Milliarden Dollar in das Feld.

          Abgerechnet wird der Handel zwischen China und Russland allerdings nicht in Dollar, sondern in Yuan. „Wenn Saudi-Arabien wieder Chinas Nummer 1 werden will, muss es auch den Renminbi für Öl-Zahlungen akzeptieren statt nur den Dollar“, sagte etwa Gordon Kwan, Leiter der Rohstoffabteilung von Nomura Holdings, Hongkong, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          Öl gegen Anleihen

          Der zweite Punkt, der im Moment für Russland als Öllieferant spricht, ist die Art und Weise, wie sich das Land von China bezahlen lässt: Es liefert sein Öl nämlich gegen Anleihen, also Kredite. Das ist für China sehr komfortabel: Das Land sitzt auf einem billionenschweren Währungsschatz, den es bereitwillig investieren möchte – und das möglichst breit. Da bietet sich ein Erdölkonzern wie Rosneft geradezu an. Russland – beziehungsweise sein Staatskonzern Rosneft – erhält dagegen Anleihen zu günstigen Konditionen, welche für Investitionen dringend benötigt werden. Saudi-Arabien sitzt hingegen selbst auf einem großen Währungsschatz und braucht keine Anleihen.

          Die stärkere Nachfrage aus China nach russischem Öl könnte auch mit der Preispolitik von Saudi-Arabien und anderen Förderländern zusammenhängen: Seit Jahresanfang warben sie mit teils absurd hohen Preisnachlässen für ihr Öl, in Asien griff man gern zu. Doch mit den wieder steigenden Ölpreisen wurden auch die Rabatte Stück für Stück zurückgefahren – in diese Lücke konnte Russland Dank der guten Beziehungen zu China stoßen. Noch sind die Marktbewegungen sehr volatil, und es ist nicht auszuschließen, dass Saudi-Arabien bald schon wieder die Marktführerschaft in China innehat. Aber es zeigt auch, dass Russland Stück für Stück an Boden gewinnt.

          Auch wenn die chinesischen Öleinfuhren um 11 Prozent im Vergleich zum Jahr auf 5,5 Millionen Barrel am Tag gefallen sind, bleiben sie auf einem hohen Niveau, da sich auch das Wirtschaftswachstum verlangsamt hat. Durch neue Raffinerien versucht das Land seinen Energiebedarf selbst zu decken.

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