08.08.2010 · Die Dürre in Russland lässt die Getreidepreise in die Höhe schießen. Ein Hedgefonds mischt den Kakaohandel auf. Und der Aufschwung treibt den Ölpreis nach oben. Wird unser Leben jetzt schrecklich teuer? Und darf man als Anleger davon profitieren?
Von Christian SiedenbiedelBeim Weizen ist es besonders beeindruckend. Und beunruhigend. Panik hat die großen Rohstoffbörsen in Paris und Chicago erfasst. Noch im Juni schienen die Zeichen eher auf sinkende Preise zu stehen. Doch jetzt hat Russland, einer der wichtigsten Weizenexporteure der Welt, aufgrund von Dürre und Bränden ein Exportverbot erlassen. Schon wird spekuliert, Kasachstan, ein anderes wichtiges Weizenland, könnte nachziehen. Und auch von Kanada, dem großen Weizenproduzenten im Nordwesten, gibt es schlechte Nachrichten: Während es in Russland jetzt zu trocken für eine gute Ernte ist, war es in Kanada in der Aussaatzeit im Mai zu feucht.
Es sind lauter solche, für sich vielleicht nicht weltbewegenden Nachrichten, die eine regelrechte Preisrally für Rohstoffe ausgelöst haben. Ob es Weizen ist, Kakao, Zucker oder Kaffee – der Markt für Lebensmittel scheint außer Kontrolle.
Weizenpreis macht nur wenige Cent am Brötchenpreis aus
So hat sich der Preis für Weizen in Europa innerhalb eines Monats um mehr als 50 Prozent auf gut 230 Euro je Tonne erhöht – immerhin auf den höchsten Wert seit der Finanzkrise. Dazu kommt, dass auch das Öl zuletzt wieder teurer geworden ist, weil die Industrie weltweit wieder mehr produziert.
In Deutschland ergibt sich eine paradoxe Situation. Bauern, Bäcker und Händler freuen sich über etwas mehr Bewegung in den Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Hatten sie nicht schon lange geklagt, eine Preiserhöhung wäre überfällig? „Die Erfahrungen aus anderen Jahren mit hohen Weizenpreisen zeigen, dass die Bäcker zumindest versuchen werden, den Preis für Brötchen anzuheben“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. Dabei spielt der Weizenpreis für die Herstellungskosten von Brötchen, Brot und Kuchen eigentlich kaum eine Rolle. Er macht nur wenige Cent am Verkaufspreis aus: „Viel entscheidender sind die Personalkosten, das Marketing und die Ladenmiete der Bäcker“, so Weinberg.
Verbraucherpreise im Juli um 1,1 Prozent gestiegen
Die Konsumenten dagegen treibt vor allem eine Angst um: dass über die Rohstoffpreise jetzt die Inflation zurückkommt. Schon länger herrscht gerade in Deutschland die Sorge, die überbordenden Staatsschulden und die lockere Geldpolitik in der Bankenkrise könnten früher oder später zur Geldentwertung führen. Schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass ein steigender Ölpreis das erste Zeichen für eine höhere Inflation war. Das Statistische Bundesamt gibt in dieser Frage bislang aber Entwarnung: Die Verbraucherpreise lagen im Juni in Deutschland im Durchschnitt um 0,9 Prozent über dem Vorjahreswert. Im Juli sind sie, nach vorläufigen Schätzungen, um 1,1 Prozent gestiegen. Beides ist relativ wenig. Solange die Inflation unter zwei Prozent liegt, sprechen Finanzwissenschaftler gemeinhin von Preisstabilität.
Und doch fühlt man sich angesichts des starken Anstiegs der Rohstoffpreise an 2007 und 2008 erinnert, als es die letzten großen Ausschläge dieser Preise gab und bald danach auch die Preise im Supermarkt stiegen. Damals kam nicht nur die Frage auf, ob so ein enormer Anstieg der Getreidepreise zu Hungersnöten in armen Ländern führen könnte. Es wurde auch über die Legimität der Spekulation mit Lebensmitteln und deren Vorprodukten als solche debattiert.
Spekulanten haben wichtige Funktionen auf Rohstoffmärkten
Im Extremfall lautete die Frage: Dürfen wegen des Profitinteresses von Anlegern Menschen in anderen Teilen der Welt sterben? Und umgekehrt: Darf man als Anleger davon profitieren, dass in anderen Teilen der Welt Lebensmittel knapp werden? Auch wenn es viel Kritik an der Spekulation mit Agrarrohstoffen in der Öffentlichkeit gab, konnte sich ein Verbot nicht durchsetzen.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte sich zwar im Frühjahr für einen „internationalen Schulterschluss“ ausgesprochen, um den Rohstoffhandel zu regulieren. Passiert ist aber bislang nichts. Schließlich haben Spekulanten wichtige Funktionen auf Rohstoffmärkten, weil sie oft als Erste auf neue Informationen reagieren.
Kakao kostet fast 3000 Dollar je Tonne
Analysten von Morgan Stanley und Barclays Capital haben zumindest für einen Teil des derzeitigen Anstieges der Rohstoffpreise auch spekulative Ursachen ausgemacht. Für den Anstieg des Kakaopreises etwa könnte es eine Rolle gespielt haben, dass ein Londoner Hedgefonds gewaltige Mengen geordert hat. Das Handelshaus Armajaro hatte im Juli so viel Terminkontrakte auf Kakao bis zur Fälligkeit gehalten, dass es Anspruch auf sieben Prozent der weltweiten Jahresernte hatte. Händler reichten eine Beschwerde bei der Londoner Terminbörse Nyse Liffe ein, weil sie Marktmanipulationen befürchteten. Zum ersten Mal seit den 70er Jahren liegt der Kakaopreis jetzt nahe an der Marke von 3000 Dollar je Tonne.
Wer als Anleger derzeit von steigenden Rohstoffpreisen profitieren will, hat es aus mehreren Gründen nicht ganz einfach. Das Spekulieren mit physischen Rohstoffen, beim Gold durchaus möglich, scheidet bei Weizen, Kaffee oder Kakao für Kleinanleger ohne gewaltige Lagerhallen aus. Auch mit Warentermingeschäften selbst an Rohstoffbörsen wie in Paris oder Chicago zu spekulieren erfordert eine Menge Professionalität, weil solche Geschäfte ständig beobachtet und verlängert werden müssen. Häufig geht dabei ein Teil der Gewinne verloren – das spüren auch Anleger, die mitspekulieren wollen.
Aktien von rohstoffproduzierenden Unternehmen
Banken bieten zwar Rohstoff-Zertifikate und börsengehandelte Rohstoff-Wertpapiere, sogenannte Exchange Traded Commodities (ETC), an. Auch diese Papiere, wie etwa der „ETFS Wheat“ (Isin DE000A0KRJ93) auf Weizen, gehandelt an der Deutschen Börse, haben in der Zeit seit Anfang Juli kräftige Anstiege verzeichnet, blieben aber etwas hinter dem Weizenpreis zurück.
Anleger, die von steigenden Rohstoffpreisen profitieren wollen, können auch Fonds kaufen, in denen Aktien von rohstoffproduzierenden Unternehmen versammelt sind, also etwa von Minengesellschaften oder Agrarkonzernen. Einen bietet die Allianz an (Isin DE0008475096).
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09 % |
| Silber | 33,55 $ | −0,74 % |
| Platin | 1.648,00 $ | −1,02 % |
| Palladium | 702,00 $ | −1,68 % |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29 % |
| Gas | 0,59 £ | −1,60 % |
| Kaffee | 2,17 $ | +0,72 % |
| Zucker | 0,25 $ | +0,90 % |
| Orangensaft | 1,86 $ | −0,98 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |