Die scharfe Korrektur an den Rohstoffmärkten ist am Freitag durch erste Käufe von Investoren aufgefangen worden. Offenbar nutzten sie die niedrigen Preise als Kaufchance. Mit rasanter Geschwindigkeit hatte sich der plötzliche Ausverkauf am Silbermarkt während der Woche zu einer Korrektur ausgeweitet, die in nur wenigen Tagen fast alle Rohstoffmärkte erfasst hatte. Noch Donnerstag war von Panikverkäufen der Investoren die Rede gewesen. Allerdings war eine Korrektur der überhitzten Preisentwicklung erwartet worden.
Am Freitag hatte der Silberpreis gegenüber seinem Rekordstand von 49,55 Dollar je Feinunze knapp 30 Prozent auf 34,96 Dollar verloren. Bei den Industriemetallen hat Kupfer gegenüber seinem Höchststand von 10 165 Dollar die Tonne mittlerweile 12,5 Prozent eingebüßt, Blei 22 Prozent, Zink 19 Prozent und Aluminium 7 Prozent. Bei den Edelmetallen notierte Gold am Freitag mit 1487,70 Dollar je Feinunze um 5,57 Prozent unter seinem Rekord von 1575,50 Dollar. Platin hat mittlerweile 4,7 Prozent und Palladium 16,7 Prozent verloren. Der Ölpreis notiert um 14 Prozent unter seinem Hoch vergangener Wochen.
Selten haben die Rohstoffmärkte eine so scharfe und schnelle Korrektur erlebt. Von einigen Marktbeobachtern wurde der Ausverkauf als zwar erwartet, aber als übertrieben eingestuft: „Unserer Meinung nach ist diese Preiskorrektur eine mögliche Einstiegschance vor allem für Kupfer, Mais, Öl, Aluminium und Gold – nicht aber Silber“, hieß es bei Barclays Capital am Freitag. Auslöser für die Marktbereinigung war zunächst der scharfe Rücksetzer am Silbermarkt gewesen. Die mehrmalige Erhöhung von Sicherheitsanforderungen der amerikanischen Rohstoffbörse CME hatte in den vergangenen zwei Wochen immer mehr spekulative Investoren gezwungen, Kaufpositionen zu liquidieren. Der dadurch gegenüber dem Goldpreis ins Hintertreffen geratene Silberpreis signalisierte Investoren, dass die rasante Rohstoffhausse der vergangenen Wochen zunehmend auf tönernen Füßen stehen könnte, zumal Goldman Sachs und Hedge-Fonds-Manager wie George Soros bereits einen zeitweiligen Rückzug aus den Märkten propagierten.
Das Ende der quantitativen Lockerungspolitik
Investoren sehen zudem dem Ende der quantitativen Lockerungspolitik der Federal Reserve mit Nervosität entgegen. Eine Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank würde den Wechselkurs des Dollar stabilisieren, der sich bereits in den letzten Tagen wieder von 1,48 auf 1,45 Dollar gegenüber dem Euro erholt hat. Ein höherer Wechselkurs würde in Dollar gehandelte Rohstoffe verteuern. Außerdem bieten steigende Zinsen Fondsmanagern auf Dauer attraktive Alternativanlagen zu Rohstoffen an. Dies erklärt die Nervosität, welche die Rohstoffmärkte – trotz stabiler Nachfrage von Seiten der Schwellenländer – kurzfristig erfasst hat. Seit Herbst vergangenen Jahres war es das Mantra der meisten Fondsmanager gewesen, in Rohstoffe zu investieren. Die Strategie schien ein Selbstläufer zu sein und wurde von zahlreichen Investoren beherzigt – auch mangels Alternativen. Die schwache Konjunkturentwicklung in den Vereinigten Staaten legte nahe, dass die Federal Reserve ihre extrem expansive Geldpolitik länger als zum Beispiel die Europäische Zentralbank (EZB) beibehalten werde, der Dollar also längere Zeit zur Schwäche neigen werde. Dies war ein sicheres Nachfragesignal für die in Dollar gehandelten Rohstoffe.
Angespornt wurde die Rohstoffhausse zudem durch den rasant steigenden Ölpreis. Vor allem die Kämpfe in Libyen gaben Investoren eine Rechtfertigung, auf einen steigenden Ölpreis zu setzen. Je höher der Ölpreis aber notierte, desto labiler wurde die Lage an den Aktienmärkten der – von Inflationsgefahren bedrohten – Schwellenländer. Investoren zogen sich von dort zurück und investierten in den vergangenen Monaten noch mehr in die Rohstoffmärkte. Im April hatten Anleger schließlich einen Rekord von 352 Milliarden Dollar in Finanzprodukte investiert, die an Rohstoffindizes gekoppelt sind, schätzt Bank of America Merrill Lynch.
Ist die Rohstoffhausse am Ende? „Mitnichten“, so urteilt Barclays Capital. Die Analysten stufen die derzeitige Bewegung nur als gesunde Korrektur ein. Bank of America erinnert daran, dass die größten 100 Pensionskassen amerikanischer Konzerne nur noch 37 Prozent ihrer Portfolios in festverzinslichen Wertpapieren und liquiden Mitteln hielten. Der Rest werde in Aktien, alternativen Investments und vor allem auch in Rohstoffe investiert. Diese Entwicklung gehe weiter. Der Preisanstieg an den Rohstoffmärkten sei notwendig, damit sich langfristig die Investitionen in Kapazitätserweiterungen der Branche lohnten, die das globale Wirtschaftswachstum so dringend benötige.
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Christopher Kern (ChristopherKern)
- 07.05.2011, 03:50 Uhr