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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rohstoffe Von einem, der auszog, sein Gold zu verkaufen

 ·  Möglichkeiten gebrauchte Edelmetallgegenstände loszuwerden, gibt es viele. Dabei sind allerdings die Risiken groß, Geld zu verschenken. Die Prüfung der Einkaufspreise der Händler bringt mehr, als auf die Charts zu starren.

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Das Buchenblatt wandert zurück über den Tresen. „Kann ich nicht annehmen“, sagt die vertrauenswürdige Dame, es sei nur vergoldet. Das Blatt teilt sein Schicksal mit zwei Broschen („Modeschmuck“), auch einen Ohrstecker schiebt sie hinterher.

„Das ist Silber“, erklärt sie säuerlich, weil das der Kunde nicht selbst gemerkt hat. Der Rest sieht auf dem schwarzen Samt verloren aus: zwei alte Ringe; eine gedrehte Halskette, die sich gerade auflöst; ein Ohrring, dessen Partner auf Kreta ist. Der Schmuck wurde von den Steinen befreit, die könnte man womöglich noch brauchen. Und es liegt dort das Ergebnis der jüngsten Sitzung beim Zahnarzt, eine drei Jahrzehnte alte Brücke. „Für alles zusammen gebe ich Ihnen 238 Euro, die können Sie gleich mitnehmen“.

Der Juwelier am Wohnort ist eine gute Anlaufstelle

Das ist ja auch schon was. Der Goldpreis steigt seit einem Jahrzehnt, und wer in einer notleidenden Branche sein Geld verdienen muss, schielt derzeit auf das Geschmeide, das die Gattin ohnehin nicht mehr trägt. Zuvor hat die Dame im Hinterzimmer ausgiebig geprüft und dann den Besucher gelobt, dass er zu ihr gekommen ist, weil der Juwelier am Wohnort die richtige Anlaufstelle sei für alle, die Gold zu verkaufen hätten. Der habe nämlich seinen guten Namen zu verlieren, im Gegensatz zu den fliegenden Händlern, die derzeit überall mit Bargeld lockten. Es folgt die Belehrung, dass der Aufdruck der Brosche trügt: „Wenn Sie Modeschmuck in Südeuropa kaufen, kann der Stempel darauf sich auch nur auf die Vergoldung beziehen“.

Da lernt man etwas dazu. Die zwei alten Armreifen mit Stempel 585 aus dem Nachlass der vermögenden Tante bekommt der Juwelier trotzdem nicht, obwohl die feine Dame am Tresen 690 Euro geben wollte. Der Aufdruck bestätigt den Goldanteil in Promille, also 58,5 Prozent von 57 Gramm. Bis auf Zahngold, dessen Anteil (bis zu 75 Prozent) geschätzt werden muss, lässt sich so leicht errechnen, was der Händler für ein Gramm bietet. Wer in der Lage ist, zwischen Euro je Kilogramm und Dollar je Unze (eine Feinunze hat 31,1 Gramm) zu unterscheiden, kann die Preise vergleichen. Weil das Gold erst in der Scheideanstalt von den anderen Metallen getrennt werden muss, gibt es gegenüber Feingold (99,9 Prozent) einen Abschlag.

Was der Juwelier im Taunusstädchen zu geben bereit wäre, ist kläglich. Das zeigt ein Blick ins Internet, Stichwort „Goldpreis“. Viele Händler schreiben dort ihre Ankaufspreise aus, in Euro je Gramm mit Stempel 333, 585 oder 750. Sie werden ständig aktualisiert. An diesem Tag liegen die Preise zwischen 16,50 und 18,50 Euro. Der Juwelier hätte etwa 14 Euro gegeben. Der Nachteil des Internetgeschäfts: Das Altgold muss irgendwie zum Abnehmer kommen. Dort wird geprüft, dann erst gibt es ein konkretes Angebot. Die Kosten des hoffentlich versicherten Transports im Wert von einigen tausend Euro trägt mal der Händler, mal der Kunde. „Bitte wählen Sie eine neutrale Verpackung und schreiben Sie auf keinen Fall ,Gold‘ darauf“. Beruhigend ist die Anweisung nicht.

Wer sein Edelmetall nicht aus der Hand geben möchte, ohne Geld dafür zu sehen, sucht deshalb jenen, der in der Umgebung am meisten bietet. In größeren Städten haben manche Goldhändler aus dem Internet Filialen.

In Frankfurt gibt es eine solche in der Zeilgalerie. Dort geht es zu wie im Ameisenhaufen. Die junge Verkäuferin nimmt sich trotzdem Zeit, die Armbänder zu prüfen, und weil es kein Hinterzimmer gibt, macht sie das an der Kasse. Dazu wird ein wenig abgerubbelt und der so gewonnene Goldschimmer mit Säure bestrichen. Echtes Gold reagiert nicht. Aber da sei doch ein Stempel drauf? „Wir müssen uns absichern“, sagt sie, bei Schmuck aus fragwürdiger Herstellung stimme der Stempel schon mal nicht, erklärt sie dem Kunden. Weil sie kein Geld dahat, soll der Betrag von 996 Euro überwiesen werden. Goldkauf geht generell nur mit Formalitäten: der Verkäufer identifiziert sich mittels Personalausweis, auf der Quittung ist die Überweisung festgehalten. Es könne eine Woche dauern, bis das Geld da ist. Zwei Wochen später ist das Geld immer noch nicht da. Eine Überprüfung ergibt, dass die Kontonummer falsch abgeschrieben wurde.

Mittlerweile hat der ganz private Goldrausch eingesetzt. Im Familienbesitz ist seit einem Vierteljahrhundert ein Barren, Aufdruck Heraeus, 100 Gramm Feingold. Nicht größer als eine Briefmarke von drei Millimetern Stärke, liegt aber gut in der Hand. Fast zu schade zum Hergeben. Er kann rund 3300 Euro bringen. Oder auch nur 2600 beim Juwelier im Wohnort, dem mit dem guten Namen. Am meisten bietet ein großer Goldhändler mit Filiale in Bad Homburg. Jetzt heißt es nur noch, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten.

Einkaufspreise der Händler zu prüfen, bringt mehr, als auf die Charts zu starren

Was heißt hier „nur“? Charts und Tabellen liegen auf Knopfdruck am Bildschirm bereit, der Amateur neigt dazu, beständig abzufragen. Mal in Dollar, mal in Euro, mal in Gramm und mal in Unzen. Ständig auf und ab. Das Gefühl ähnelt jenem bei Ebay kurz vor Ende der Versteigerung, nur als Dauerzustand.

Ein Kollege ruft auf dem Gang, dass der Goldpreis abstürzt. Ist das das Ende des Höhenflugs? In Euro hat sich indessen fast nichts bewegt, der erstarkende Dollar fängt den Goldkurs ab. Tatsächlich sehen die Kurssprünge im Diagramm beeindruckend aus, und es bewegt sich dennoch kaum etwas: seit Wochen schwankt der Goldpreis um 1500 Dollar je Unze.

Verkauft, vorbei und Ende. 3357 Euro haben die Goldmänner in Bad Homburg gezahlt. In Bar wäre möglich, für ein Kilogramm reicht die Kasse. Aber wer will schon so viel in der Brieftasche herumtragen? „Doch“, sagt der freundliche Banker, „Schmuck und Zahngold nehmen wir auch. Vom Juwelier bekommen Sie nur den Goldanteil ausgezahlt, wir schreiben Ihnen auch die anderen Legierungsanteile gut.“ Wieder etwas gelernt. Hätte er gleich alles bekommen, wäre die Gesamtsumme etwa 150 Euro höher gewesen.

Wäre, könnte, hätte. Eine Stunde nach dem Verkauf ist der Kurs in die Höhe geschnalzt, das selbst gegebene Versprechen, die Charts in den nächsten Wochen links liegenzulassen, wurde sogleich gebrochen. Das wären dann am Ende knapp 30 Euro mehr, der Rede nicht wert.

Die Erkenntnis: Einkaufspreise der Händler sorgfältig zu prüfen, bringt mehr, als ständig auf die Charts zu starren. Es macht aber weniger Spaß.

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Jahrgang 1957, Redakteur in der Technik und Motor

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