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Rohstoffe Gezeitenwechsel an den Metallmärkten

22.06.2006 ·  Korrektur oder Anfang einer Baisse? Die Antworten der Experten könnten unterschiedlicher nicht sein. Eines zumindest ist klar: Das Rückschlagspotential für Kupfer und andere Industriemetalle ist groß, sobald die Weltkonjunktur an Fahrt verliert.

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An den Märkten für Industrie- und für Edelmetalle stellt sich derzeit die gleiche Frage wie an den Aktienbörsen: Korrektur im Rahmen einer fortschreitenden zyklischen Hausse oder Anfangsstadium eines Baissezyklus? Die Antworten der Experten könnten unterschiedlicher nicht sein. Mit Blick auf die Metalle vermögen sich jene, die für wieder und noch weiter steigende Notierungen sprechen, nicht von den statistischen Zahlen zu lösen, mit denen die Hausse begründet wurde und vielerorts noch immer wird.

Die Gegenseite hatte früh Zweifel an der Stichhaltigkeit mancher Statistiken und aus ihnen abgeleiteter Preisprognosen angemeldet. Die Verfechter dieser These bezeichnen das, was sich in den zurückliegenden neun bis zwölf Monaten bei den Industrie- und den Edelmetallen ereignet hat, als spekulative Blase, deren inzwischen beobachtetes Platzen vorgezeichnet gewesen sei. Immer wieder weisen die Skeptiker darauf hin, daß in der Berichterstattung zu diesen Märkten das Geschehen an den einschlägigen Terminbörsen mit den Verhältnissen im physischen Geschäft verwechselt oder gleichgesetzt worden sei. Heute herrsche kein vernünftiger Zweifel mehr daran, daß sich die einzelnen Terminbörsen zu weit von der Realität der ihnen jeweils zugrundeliegenden Kassamärkte gelöst haben, also der Schwanz mit dem Hund gewackelt hat.

Kunststoff statt Kupfer bei Dachrinnen

Angesichts der erheblichen Terrainverluste bei den Industrie- und den Edelmetallen räumen inzwischen selbst die noch verbliebenen Haussiers langsam ein, daß die zurückliegenden Preissteigerungen tiefe Spuren auf der Nachfragseite zu hinterlassen beginnen. Bei Rohstoffen dieser Gattung, die nur zu einem recht geringen Teil wirklich benötigt werden, ist der physische Bedarf regelrecht eingebrochen. Paradebeispiele hierfür sind Gold und, wenn auch in geringerem Maße, Silber. „Relative Stärke“ haben im Rahmen der allgemeinen Schwäche Platin, aber auch Palladium gezeigt. Hier entfällt der Bedarf überwiegend auf den industriellen Sektor, wo beide Edelmetalle als weitgehend unverzichtbar gelten.

Bei den sechs börsengehandelten Industriemetallen (Aluminium, Blei, Kupfer, Nickel, Zink und Zinn) haben die zurückliegenden Preissteigerungen Konsequenzen in anderer, als „strukturell“ bezeichneter Form eingeleitet. Sie werden im allgemeinen Prozeß der Herstellung unverzichtbarer Wirtschaftsgüter im vollen angebotenen Umfang tatsächlich benötigt. Die Verteuerung bewirkt zum einen, daß bei der Verarbeitung der Metalle gespart wird. Dies treibt vor allem den seit langem zu verzeichnenden Prozeß der Miniaturisierung industrieller Güter voran.

Als weitaus gefährlicher gilt auf lange Sicht jedoch die Substituierung von Metallen durch andere Stoffe, unter denen Kunststoffe herausragen. Ein oft genanntes Beispiel sind Kupferrohre und kupferne Dachrinnen. Sowohl aus Amerika als auch aus Westeuropa wird berichtet, daß die Nachfrage nach Kupfer für diese Zwecke stark zurückgegangen sei. Kritische Analysten bezeichnen die Bauwirtschaft als einen bedeutenden Sektor, der für Kupfer möglicherweise unumkehrbar verlorengehe. Auch bei der Herstellung von Fahrzeugen zeichnen sich nach Meinung von Experten gravierende Folgen der Metallhausse ab. Betroffen ist hier vor allem Aluminium, das forciert durch Kunststoffe ersetzt werden dürfte.

Die Produktion müßte bald spürbar zunehmen

Das eigentliche K.o. droht der Hausse an den Metallmärkten nach Meinung der Pessimisten dann, wenn die weithin erwartete Abschwächung der Weltkonjunktur mit „strukturell“ sinkendem Metallbedarf und steigender Produktion zusammentrifft. Es würde allen ökonomischen Gesetzen zuwiderlaufen, wenn so krasse Preissteigerungen wie vor allem bei Kupfer den Bergswerksproduzenten und den Herstellern von kupfernem Halbzeug keinen Ansporn gegeben hätten, die Gewinnung nach Kräften zu erhöhen. Hier sind sachlich bedingte Verzögerungseffekte von bis zu drei Jahren die Regel.

Wenn man davon ausgeht, daß die Preise an der Londoner Metallbörse (LME) im Herbst 2003 deutlich abzuheben begannen, rückt der Zeitpunkt in greifbare Nähe, zu dem die Produktion spürbar, wenn nicht sogar drastisch zunehmen müßte. Möglicherweise geschieht dies bereits und drückt sich schon in den Preiseinbrüchen der vergangenen Wochen aus. Statistisch nachweisbar wird dies erst nach einer für die aktuelle Marktbeurteilung sehr hinderlichen Verzögerung sein, denn einigermaßen verläßliche Daten über Angebot und Nachfrage an den Metallmärkten erscheinen mit einem zeitlichen Nachlauf von mindestens drei bis vier Monaten. Behalten die Baissiers an den Metallmärkten recht, wird so mancher Metallanalyst schon bald an seinen bisherigen Prognosen verzweifeln.

Quelle: hi., F.A.Z., 23.06.2006, Nr. 143 / Seite 24
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