08.06.2009 · Zu viel Geld und zu wenig Alternativen. Das treibt Finanzinvestoren zurück an die Rohstoffmärkte und den Ölpreis auf 70 Dollar. Das weckt Erinnerungen an nicht allzu lang zurückliegende Spekulationsblasen.
Von Gerald BraunbergerEigentlich dürfte Öl nicht teuer sein. Die Krise der Weltwirtschaft schlägt sich unter anderem in einer schwachen Nachfrage nach Rohöl nieder. Die Lager sind gut gefüllt, und die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) dürfte in den kommenden Wochen ihre Fördermengen leicht erhöhen.
Öl ist also reichlich vorhanden - warum dann ist der Preis innerhalb eines halben Jahres von dem im Dezember 2008 erreichten Tiefststand von 32 Dollar auf nun rund 70 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen? Eine Antwort lautet: Die Finanzinvestoren sind an die Rohstoffmärkte zurückgekehrt und damit die Spekulation auf kurzfristige Preisveränderungen.
Die alten Zeiten sind zurück
In solch aufgeheizten Märkten spielen langfristige Überlegungen zur Entwicklung von Angebot und Nachfrage für die Preisbildung eine geringere Rolle als kurzfristige Einflüsse. Die Commerzbank schreibt in einem Bericht: „Mit einer zurückkehrenden Zuversicht der Finanzmarktteilnehmer und einem verstärkten Einfluss der Anleger an den Rohstoffmärkten kehren auch die ,alten Zeiten' am Ölmarkt zurück, als allein eine positive Einschätzung oder Äußerung eines einflussreichen Analysten zum Ölpreis zu einem Preisanstieg führte.“
So reagierte der Ölpreis in den vergangenen Tagen auf die Ankündigung der Investmentbank Goldman Sachs, die ihre Preisprognose für das laufende Jahr von 65 auf 85 Dollar je Barrel erhöhte und für das kommende Jahr einen Preis von 95 Dollar voraussagt. Außerdem hat ein Vertreter der Opec einen Preis von 70 bis 75 Dollar je Barrel zum Jahresende als „vernünftig“ bezeichnet. Auf 70 bis 80 Dollar je Barrel werden die durchschnittlichen Produktionskosten geschätzt, die bei neuentdeckten Ölfeldern anfallen werden. Insofern mag langfristig der Ölpreis nicht mehr unterhalb dieses Preisbandes liegen. Aktuell aber herrscht kein Mangel an Öl, und die Kosten der aktuellen Förderung liegen deutlich unter 70 Euro.
Wie stark sind die Banken engagiert?
Die Rückkehr der Finanzinvestoren lässt sich dokumentieren. So schreibt die Landesbank Baden-Württemberg: „Gegenüber dem Jahresbeginn haben sich die von Großanlegern wie Hedge-Fonds an den amerikanischen Rohstoffbörsen gehaltenen Kaufkontrakte mehr als verdreifacht. Das Netto-Investitionsvolumen der spekulativen Marktakteure stieg im selben Zeitraum um rund 30 Milliarden Dollar auf das höchste Niveau seit dem Spätsommer 2008.“
Nach Berechnungen von Barclays Capital halten Hedge-Fonds rund 13 Prozent der offenen Terminkontrakte an den amerikanischen Rohstoffmärkten, wobei wegen der Intransparenz der Branche leider nicht bekannt ist, wie viele der an den Rohstoffmärkten tätigen Hedge-Fonds sich unter Kontrolle von Großbanken befinden.
Nachdem im vergangenen Jahr heftige Kritik an Banken als Profiteuren der damals stark gestiegenen Nahrungsmittelpreise wach wurde, halten sich die Banken mit Äußerungen zu ihren Engagements an den Rohstoffmärkten zurück. Aber eine Bank muss ja gar nicht selbst an den Märkten aktiv werden, solange es in ihrem Umfeld „befreundete“ Fonds gibt, die keinerlei Informationen veröffentlichen.
Der müde Wachhund räkelt sich
Allerdings beginnt sich auf Seiten der Aufsicht der Wind zu drehen. Die amerikanische Handelskommission für die Rohstoff-Terminmärkte (CFTC), die bislang nicht gerade in dem Ruf eines bissigen Wachhundes stand, strebt eine genauere Beobachtung der Märkte sowie strengere Kontrollen an, um die Spekulation zu zähmen.
Der neue Vorsitzende der CFTC, Gary Gensler, hatte in der vergangenen Woche die erheblichen Preissteigerungen des vergangenen Jahres als „Preisblase“ und damit indirekt als Ergebnis einer Spekulationswelle bezeichnet. Das sind neue Töne, denn letztes Jahr waren sich die Wall-Street-Banken und die Behörden in Washington einig, dass die Finanzinvestoren keinen maßgeblichen Einfluss auf die Hausse ausgeübt hatten.
Aber nicht nur institutionelle Investoren kehren an die Rohstoffmärkte zurück, sondern auch Privatanleger. Dies ist erkennbar an Mittelzuflüssen von Rohstofffonds. Dass Privatanleger seit Monaten in Goldfonds investieren, ist bekannt gewesen, aber mittlerweile profitieren auch breiter aufgestellte Rohstofffonds vom Interesse der Anleger.
Zu viel Geld, zu wenig Alternativen
Was treibt Finanzinvestoren derzeit an die Rohstoffmärkte? Neben der Spekulation auf eine Erholung der Weltwirtschaft und einem leichten Schwächeanfall des Dollar an den Devisenmärkten sind vor allem die nach wie vor sehr reichliche Liquidität und der Mangel an attraktiven Anlagealternativen zu nennen.
Seit den Leitzinssenkungen der Zentralbanken sind an den Geldmärkten keine hohen Zinsen mehr zu vereinnahmen. Die Renditen für Staatsanleihen sind zwar in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen. So rentieren zehnjährige amerikanische Staatsanleihen derzeit mit 3,80 Prozent. Doch angesichts der Flut an neuen Anleihen, die in den kommenden Monaten zur Finanzierung der Staatsdefizite noch begeben werden müssen, lassen sich weitere Renditesteigerungen nicht ausschließen.
Unternehmensanleihen bringen zwar mehr als Staatsanleihen, werden aber von vielen Privatanlegern nicht angefasst. Und an den Aktienmärkten sind die Kurse so stark gestiegen, dass eine baldige Konsolidierung nicht ausgeschlossen werden kann.
Scharfe Korrektur nicht ausgeschlossen
Das ändert aber nichts daran, dass die Rohstoffmärkte hier und heute heißgelaufen sein könnten. Die Commerzbank hält es zwar aus technischer Sicht für möglich, dass das Überschreiten der Marke von 70 Dollar beim Ölpreis kurzfristig noch einmal Nachfrage erzeugt, erwartet aber anschließend eine scharfe Korrektur mit Preisen unter 60 Dollar je Barrel.
Auch die Analysten der schweizerischen Großbank Credit Suisse warnen: „Die aktuelle Ölmarktrally ist unseres Erachtens sehr instabil. Preisanstiege basieren vor allem auf Investmentkäufen.“
Ähnlich skeptisch äußert sich die Landesbank Baden-Württemberg: „Als Haupttreiber der jüngsten Rohstoffrally bringt der gewaltige Aufbau von spekulativen Kaufpositionen aber zugleich auch eine enorme Rückschlagsgefahr mit sich. Brenzlig wird es für die Preise von Öl, Kupfer und Co. vor allem dann, wenn die Hoffnung der Investoren auf eine schnelle Verbesserung der realen Angebot-Nachfrage-Situation enttäuscht werden sollte.“
Das konjunktur ist keineswegs vorbei, ist es bloss platt geworden
Velazquez Homero (havcmx)
- 10.06.2009, 09:56 Uhr
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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