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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rohstoffboom Leises „Berggeschrey“ im Erzgebirge

 ·  Dank Chinas Rohstoffhunger steigen die Preise an den Märkten. Nun lohnt es sich, bisher unrentable Vorkommen auszubeuten. Davon profitiert jetzt das Erzgebirge.

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Wenig weist darauf hin, dass hier am Bachberg nahe dem sächsischen Oberwiesenthal bald eine neue Ära des Bergbaus beginnen soll. Die Straße, die zur ersten Erzmine seit 20 Jahren führt, ist nicht einmal befestigt. Das Firmenschild, das auf die Erzgebirgischen Fluss- und Schwerspatwerke (EFS) hinweist, ist gerade einmal so groß wie eine DIN-A4-Seite. Und doch keimt am Ende dieser Straße Hoffnung: Neben einem schmucklosen zweistöckigen Flachbau, in dem die EFS sitzen, befindet sich der Eingang zu der Mine. Die Förderung von Erzen, aus denen dann Fluss- und Schwerspate gewonnen werden, wird ab 2013 nur 100 Meter entfernt stattfinden. Diese auch Fluorit genannten Mineralien werden unter anderem für das Regenjacken-Material Goretex verwendet, für Teflon-Beschichtungen und um den Schmelzpunkt von anderen Metallen zu senken.

Wolfgang Schilka scheint der unauffällige Ort in den Wäldern ganz recht zu sein, er ist kein Mann für das Rampenlicht. Eigentlich ist er Geschäftsführer der EFS, in Wirklichkeit ist er aber oberster Bergmann der Mine. Sein Anzug ist der Blaumann und den trägt er auch im Büro. Wenn er in die Mine geht, zieht er sich gelbe Gummistiefel an. „Ich fühl mich wohl hier“, sagt er, während er in den alten Schacht 215 geht, der die Rampe zur eigentlichen Mine darstellt. Eine Lüftung, die so groß und laut wie eine Flugzeugturbine ist, pumpt durch riesige Röhren konstant Frischluft in den Schacht, 9 Grad kalt, egal ob im Sommer oder Winter. Vielleicht hält die Luft ihn jung, er sieht deutlich jünger aus, als es seine 60 Jahre vermuten lassen.

Der Bergbau ist anders als zu Wismut-Zeiten

Schon in der DDR hat man hier nach Uran gegraben, die alten Stollen wurden damals nur mit Sand und Ziegelsteinen verschlossen. Den schmalen, ehemals etwa 2 mal 2 Meter großen Eingang vergrößerte man auf 5 mal 5 Meter, so dass problemlos Lastkraftwagen ein- und ausfahren können. Mit dem Bergbau früherer Tage, als das staatliche Bergbauunternehmen Wismut im Erzgebirge ganze Altstädte abriss, um an das begehrte Uran zu kommen, hat das heute nichts mehr zu tun. Früher stützten Holzbalken die schmalen, dunklen Stollen. Heute sind sie komplett in Stahl und Beton eingekleidet und gut beleuchtet. Einen Kilometer haben die Bergmänner dem Berg schon abgetrotzt, sie sind schon fast an der eigentlichen Erzader, wo später etwa 40 Kumpel 700 Tonnen Erz täglich fördern sollen.

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Zwei Bergmänner auf dem Weg in den Schacht. © Hagmann, Roger Zwei Bergmänner auf dem Weg in den Schacht.

Für Oberwiesenthal kann das einen warmen Geldregen bedeuten. Einst wurde die Stadt wegen Silberfunden gegründet, heute gibt es keine nennenswerte Industrie mehr. 90 Prozent der Wertschöpfung werden im Tourismus erzielt, seit der Wende hat der Ort die Hälfte der Einwohner verloren. 2350 Einwohner leben noch in Deutschlands höchstgelegener Stadt, Tendenz fallend. Der Altersschnitt liegt bei 57 Jahren. Bürgermeister Mirko Ernst ist daher vorsichtig mit Prognosen: „Wir sollten das mit den Arbeitsplätzen nicht überbewerten.“ Trotzdem geht er davon aus, dass sich die Gewerbesteuereinnahmen der kleinen Stadt auf bis zu 1 Million Euro verdoppeln könnten, wenn der Bergbau erfolgreich läuft. Auch eine andere Hoffnung verknüpft er damit: „Vielleicht kommen wieder mehr junge Leute hierher, wenn es mehr Arbeitsplätze gibt.“ Vorarbeit muss die Stadt aber auch noch leisten: 1 Million Euro müssen noch investiert werden, damit die Schotterpiste zur Mine einer richtigen Straße weicht.

Die Bergmänner kommen alle aus Ostdeutschland

In der Mine der EFS arbeiten 21 Kumpel. Manche haben erst frisch ihre Ausbildung als Berg- und Maschinenmann im nahegelegenen Freiberg abgeschlossen, manche haben schon bei der Wismut gearbeitet, einige waren früher im Tunnelbau beschäftigt. „Ich habe genau darauf geachtet, dass wir Bergmänner aus allen Altersgruppen haben“, sagt Schilka. Er stellte auch nur Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern ein, viele kommen aus dem Erzgebirge. Er möchte damit der Region helfen, die von überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit gebeutelt ist. Schilka selbst hat eine enge Bindung zur Region. Er studierte in Freiberg und wurde später in Altenberg jüngster Direktor einer DDR-Mine.

Schilka und die EFS sind aber nicht die Einzigen, die sich gerade im Erzgebirge auf Erzjagd befinden. Insgesamt sind nach Daten des sächsischen Oberbergamtes in Freiberg momentan 13 Lizenzen zur Erkundung im Erzgebirge und im Umland vergeben. „Die Unternehmen kommen neben Deutschland zum Beispiel auch aus Südafrika und Australien“, sagt der Leiter des Oberbergamtes, Bernhard Cramer, der den klangvollen Titel Oberberghauptmann trägt. Gesucht wird vor allem nach den Fluoriten, aber auch nach Zinn und Kupfer.

Es wird auch nach Zinn und Kupfer gesucht

So werden in Gottesberg, einer winzigen Gemeinde im Vogtland, die Zinn- und Kupferlagerstätten erkundet. An drei Stellen wurden Bohrkerne gezogen und alte Messungen überprüft, die noch zu DDR-Zeiten gemacht wurden. „Wir vermuten hier 121 000 Tonnen Zinn und 63 000 Tonnen Kupfer“, sagt Jörg Reichert, Leitender Geologe der Deutschen Rohstoff AG. Bei den aktuellen Rohstoffpreisen ist das Vorkommen mehr als 2 Milliarden Euro wert. Momentan werden die Bohrkerne in Kanada analysiert. „Die bisherigen Daten sehen gut aus und bestätigen die historischen Aufzeichnungen“, sagt Reichert. Trotzdem: Selbst wenn alles gut läuft, wird eine Mine hier nicht vor 2017 fertig sein.

Auch die Firma Solarworld ist momentan auf Schatzsuche im Erzgebirge. In Zinnwald sucht der Solarzellenhersteller nach Lithium, das für Akkus benötigt wird. Sollte dort irgendwann mal eine Mine entstehen, könnten 100 Bergleute eine Anstellung finden, auch in Gottesberg wird mit einer ähnlichen Größe gerechnet.

Erst der Bergbau führte zur Besiedlung des Erzgebirges

Das sind bei weitem nicht die Dimensionen früherer Tage. Das „Berggeschrey“, so der Name früherer großer Erzfunde, führte überhaupt erst zur weiträumigen Besiedlung des Erzgebirges und hielt jahrhundertelang die ganze Region in Lohn und Brot. Die Wismut baute früher in Oberwiesenthal sogar die Skilifte und sponserte in der gesamten Erzgebirgsregion verschiedene Sportvereine, von denen viele auch noch heute höherklassig spielen. Mit der Wende kam der Bruch: „Es gab erstmals seit 850 Jahren eine Generation lang keinen Bergbau“, erklärt Oberberghauptmann Cramer. Der größte Vorteil der Region sei, dass bereits historische Daten vorliegen und Unternehmen so relativ einfach überprüfen können, ob sich eine neue Erkundung lohnt. Momentan ist das der Fall. Chinas Rohstoffhunger führt zu steigenden Rohstoffpreisen, so dass ein Abbau an früher unwirtschaftlichen Stellen wieder rentabel ist. Bei den Fluoriten, die die EFS fördert, kostet eine Tonne auf dem Weltmarkt aktuell bis zu 600 Dollar. „Wirtschaftlich arbeiten können wir aber schon ab etwa 230 Dollar“, sagt Schilka. Damit sei man mit der Förderung fast schon zu spät dran.

Schilka, an sich ein Mann der leisen Töne, gerät in Rage, wenn erwähnt wird, Deutschland sei ein rohstoffarmes Land: „Das ist doch Unsinn, wir haben hier viele Rohstoffe, die man nur erschließen müsste.“ Wie nachhaltig der Bergbau sein wird, kann niemand genau sagen. Die Projekte in Gottesberg und Zinnwald stecken noch in den Kinderschuhen. Für den Bachberg schätzt Schilka: „Die jetzigen Vorkommen werden etwa 30 Jahre reichen.“ Und danach? Wolfgang Schilka schaut in die Weite des Stollens und lächelt: „Ich habe schon noch Ideen, wo hier was zu finden ist.“

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