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Renminbi : Der Aufstieg ist ins Stocken geraten

Hongkong: Neben Dollar wird hier auch zunehmend Renminbi akzeptiert Bild: dpa

Hongkong ist das Paradies für Einkaufsbummler. Die Konsum-Tempel in Kowloon akzeptieren neben Hongkong-Dollar auch Renminbi. Chinas Währung wird immer beliebter. Doch nun bremst die Krise die Internationalisierung.

          Wenn Hongkong ein Garten Eden für Einkaufsbummler ist, dann ist Kowloon das Paradies im Paradies. Nirgendwo in Asien macht der Einzelhandel mehr Umsatz als auf der Halbinsel. Alle großen Edelmarken unterhalten hier pompöse Konsumtempel, Dolce & Gabbana, Gucci, Armani, Ferragamo. Zwischen den Boutiquen, etwa in der Canton Road, haben sich nicht nur viele Banken niedergelassen, sondern auch Kofferverkäufer und Drogerien.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Das erspart den wichtigsten Kunden weite Wege: Viele Festlandchinesen ziehen sich an den Automaten Geld, kaufen Rollkoffer und füllen diese mit Kosmetika und Kleidung. Die Maschinen in den Banken spucken Hongkong-Dollar genauso aus wie chinesische Renminbi (Yuan). Hier kann man auch Konten in diesen Währungen führen, die Geschäfte akzeptieren ohnehin beides.

          „99 Prozent unserer Kunden sind Festlandchinesen“, sagt eine Verkäuferin in der Drogeriekette Sasa: „Für uns ist der Yuan eine ganz normale Währung.“ Dollar oder Euro nimmt sie nicht an, Yuan schon. „Aber die wenigsten zahlen bar, das ist zu teuer.“ Die junge Frau deutet auf ein Schild an der Kasse. Dort ist ein Kurs von 1,5 Hongkong-Dollar je Yuan festgelegt, der heutige Tagessatz beträgt nur 1,22. „Ich benutze deshalb immer meine chinesische Bankkarte“, sagt ein Käufer aus der Nachbarprovinz Guangdong (Kanton), dann werde der Betrag tagesaktuell verrechnet und abgebucht.

          Gold und Arzneimittel

          Der Vierzigjährige kauft in Hongkong regelmäßig Gold und Arzneimittel: „Das ist billiger, und auf die Qualität ist Verlass.“ Tatsächlich werden die Patentregeln in Hongkong strenger durchgesetzt als auf dem Festland. Deshalb gibt es zum Beispiel kleine Läden, die seit den Skandalen in China nichts anderes als Milchpulver und andere Babyartikel verkaufen, vor allem an Festlandsmütter. Der Preisvorteil rührt daher, dass Hongkong weder Zölle noch Mehrwertsteuer erhebt; in China beträgt sie 17 Prozent.

          Der selbstverständliche Einsatz des Yuan im Hongkonger Einzelhandel ist das augenfälligste Beispiel einer Entwicklung, die sich seit Jahren vollzieht: der Internationalisierung der chinesischen Währung. Das ist bemerkenswert, weil die „Volkswährung“ (Renminbi), wie sie offiziell heißt, keine Valuta wie jede andere ist. Sie ist nicht frei handelbar (konvertibel). Wegen strenger Kapitalverkehrskontrollen kann sie gar nicht oder nur eingeschränkt für grenzüberschreitende Handelsgeschäfte, für Investitionen, Wertpapierkäufe oder Kredite benutzt werden. Chinas Zentralbank legt Höchstgrenzen für den Umtausch fest und bestimmt den Außenwert.

          Pilotversuch ausgedehnt

          Doch seit der Finanzkrise sind einige Beschränkungen gelockert worden. Den Auslöser dafür gab Zentralbankchef Zhou Xiaochuan, als er Anfang 2009 den Dollar als Weltleitwährung in Frage stellte und ein größeres Gewicht des Renminbi ins Spiel brachte. Der daraufhin begonnene Pilotversuch, Außenhandelsgeschäfte in Yuan zu begleichen, wurde 2011 auf ganz China ausgedehnt. „Die Finanzkrise hat die Yuan-Internationalisierung beschleunigt“, sagt Ka-Keung Ceaje Chan, Hongkongs Minister für Finanzdienstleistungen.

          „Es erscheint Unternehmen, die mit China Handel treiben, seitdem kalkulierbarer und billiger, in Yuan abzurechnen.“ Als wichtigstes Versuchsfeld gilt Hongkong. Die ersten Unternehmensanleihen in Yuan wurden dort zwar schon im Jahr 2007 begeben, aber das Volumen dieser Dim-Sum-Bonds ist erst in der Krise in die Höhe geschnellt. 2011 besorgten sich Unternehmen auf diese Weise umgerechnet fast 14 Milliarden Dollar; das war mehr als in der ganzen Zeit zuvor. Unter den Emittenten sind große Namen wie McDonald’s, Caterpillar oder Volkswagen. Im Sommer kündigte Vizepremier Li Keqiang, der Chinas neuer Regierungschef werden dürfte, in Hongkong an, dass im Ausland gehaltene Yuan-Bestände unter bestimmten Voraussetzungen auch für Direktinvestitionen und Wertpapierkäufe in China genutzt werden dürften.

          Unaufhaltsame Internationalisierung

          Mittlerweile hat es in Hongkong sogar schon einen Börsengang in Yuan gegeben. 2011 wagte der Immobilientrust Hui Xian Reit diesen Schritt - mit so mäßigem Erfolg, dass bisher niemand dem Beispiel gefolgt ist. Es gab weitere Rückschläge. So sind die Einlagen auf den Yuan-Konten in Hongkong, die als Indikator für den Stand der Internationalisierung gelten, zurückgegangen. Zunächst hatten sich die Bestände zwischen August 2010 und August 2011 auf 633 Milliarden Yuan (75 Milliarden Euro) mehr als vervierfacht. Seither sind sie um 46 Milliarden Yuan gefallen.

          Den Grund dafür sieht Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Asien, in den Schuldenkrisen in Europa und Amerika: „Die Investoren waren nicht mehr so sicher, dass der Renminbi wirklich aufwerten würde, außerdem brauchten sie das Geld anderswo.“ Auch viele Festländer zogen Kapital ab, um die verknappte Liquidität in der Heimat auszugleichen. „Erst hat die Krise die Yuan-Internationalisierung also losgetreten, dann aber angehalten“, sagt Spencer.

          Niemand zweifelt allerdings daran, dass sich die Entwicklung fortsetzt. Ende 2011 vereinbarten China und Japan überraschend, Finanztransaktionen künftig auch in Yuan oder Yen statt nur in Dollar zuzulassen. Ähnliches zeichnet sich in der BRICS-Gruppe mit Brasilien, Russland, Indien und Südafrika ab. Deren Entwicklungsbanken kommen Ende des Monats in Delhi zusammen. Dort könnten sie vereinbaren, sich künftig Kredite in der jeweiligen Landeswährung zu gewähren und nicht mehr in Dollar. Die Yuan-Internationalisierung mag ins Stocken geraten zu sein, ist aber wohl unaufhaltsam.

          Quelle: F.A.Z.

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