Home
http://www.faz.net/-gvz-71krn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rekordpreise für Weizen und Mais Steigende Agrarpreise heizen Inflation an

 ·  Die Rekordpreise für Weizen und Mais werden auch die Preise für Nahrungsmittel steigen lassen. Das birgt neben den wirtschaftlichen Gefahren auch erheblichen sozialen Sprengstoff.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)
© dpa Die schlimmste Hitzewelle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen: Verdorrter Mais im Bundesstaat Illinois

Die schlimmste Hitzewelle in den Vereinigten Staaten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1895 könnte mittelfristig auch die Lebensmittelpreise steigen lassen. Davon geht zumindest Thomas Glauben aus, Professor für Agrar- und Ernährungsökonomik an der Uni Halle. „Natürlich werden sich die steigenden Agrarpreise früher oder später auch auf die Lebensmittel auswirken“, sagt der Ökonom.

Die Preise für Weizen, Mais und Soja sind in den vergangenen Wochen um bis zu 60 Prozent gestiegen. Ein Scheffel (etwa 36,2 Liter) Weizen verteuerte sich in der Spitze auf mehr als 8,60 Dollar, ein Scheffel Mais kostete fast 8 Dollar. Nach der Rally verbilligten sich die Agrarrohstoffe in den vergangenen Tagen wieder leicht. Trotzdem schätzen Analysten von der Commerzbank, dass es dieses Mal keine Blase wie im Jahr 2008 geben wird. Der damalige Preisanstieg basierte zu einem großen Teil auf Spekulation, der aktuelle dagegen auf den ungünstigen Witterungsbedingungen. Daher rechnet die Commerzbank mit einem andauernd hohen Niveau von 8,80 Dollar je Scheffel Weizen und 7,80 Dollar für einen Scheffel Mais für das zweite Halbjahr.

Lebensmittelpreise sind stärker gestiegen als die Inflation

Die hohen Agrarpreise führen zu teils kuriosen Entwicklungen: In den Vereinigten Staaten werden Rinder notgeschlachtet, da sie dann nicht mit teurem Futter genährt werden müssen. Das führt kurzfristig zu sinkenden Fleischpreisen: Der Preis für Mastvieh ist seit dem Beginn der Agrarpreisrally Mitte Juni um etwa 15 Prozent gesunken. Aktuell kostet ein Pfund 1,36 Dollar, im Juni waren es noch mehr als 1,60 Dollar. Je Rind werden momentan etwa 200 Dollar Verlust erwirtschaftet.

Langfristig könnte Fleisch auch für Verbraucher teurer werden. „Die Fleischpreise sind in Amerika trotz des Preissturzes für Mastvieh auf einem sehr hohen Niveau“, sagt Michaela Kuhl, Agrarrohstoffanalystin der Commerzbank. Und die Fleischpreise könnten noch weiter steigen. Der Chef des drittgrößten Hühnchenproduzenten Sanderson Farms sagte kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters: „Der höhere Getreidepreis wird über die Zeit zu steigenden Geflügelpreisen führen.“ Sollten die Preise bis Herbst so hoch bleiben, werde man das dann auch im Handel spüren. Dem stimmt auch Bernhard Allgäuer, Analyst der VP Bank, zu: „In der Regel ziehen die Lebensmittelpreise für die Konsumenten drei Monate nach den Agrarpreisen an.“

Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als die Inflation. Schon bisher waren sie ein wichtiger Grund für höhere Inflation. Laut Statistischem Bundesamt sind die Preise für Nahrungsmittel seit dem Jahr 2005 um 20 Prozent gestiegen, während sich andere Verbrauchspreise nur um 12 Prozent verteuert haben. „Das hat in Deutschland keine massiven Auswirkungen auf den Geldbeutel wie etwa in Entwicklungsländern“, sagt Ökonom Glauben. Lediglich 10,3 Prozent des verfügbaren Einkommens werden laut Statistischem Bundesamt hierzulande für Nahrungsmittel verwendet - Tendenz sinkend. Vor 50 Jahren waren es noch mehr als 40 Prozent. Außerdem herrsche hier starke Konkurrenz im Einzelhandel, so dass die höheren Rohstoffpreise nicht einfach an den Endverbraucher weitergegeben werden können.

Höhere Weizen- und Sojapreise führen zu höheren Reispreisen

Auch anderswo könnten Verbraucher demnächst tiefer in die Tasche greifen müssen: für Benzin. Ethanol, das größtenteils aus Mais gewonnen wird und Benzin beigemischt wird, hat sich seit Mitte Juni ebenfalls verteuert. Die steigenden Maispreise führen dazu, dass sich der Ethanol-Preis seit Mitte Juni um 25 Prozent auf 2,52 Dollar je Gallone (rund 3,78 Liter) verteuert hat.

Anders sieht die Lage in den Schwellenländern aus, in denen ein höherer Anteil des Einkommens für Nahrungsmittel verwendet wird. In China ist es etwa ein Drittel, in afrikanischen Ländern bis zu 60 Prozent. Doch noch ist die Lage ruhig: In Asien und Afrika werden zum einen andere Grundnahrungsmittel wie Reis benutzt. Dort gibt es noch die Aussicht auf eine gute Ernte, auch wenn das wichtige Anbauland Indien ebenfalls über zu wenig Regen klagt.

Bisher hat aber ein Anstieg der Preise für Weizen und Mais in der Regel zu einem Anstieg der Preise anderer Getreidesorten wie Reis geführt. Einerseits, da die Sorten substituiert werden, und andererseits, da Spekulanten dann häufig in den Markt einsteigen. So stellt die Citibank in einer Studie fest, dass steigende Weizen- und Sojabohnenpreise zwei bis drei Monate später zu steigenden Reispreisen führen.

Inflation könnte in den Schwellenländern voll durchschlagen

Wenn aber mehr Geld für Grundnahrungsmittel ausgegeben werden muss, kann weniger Geld für andere Konsumgüter ausgegeben werden. Das kann schließlich auch das Wirtschaftswachstum verlangsamen. In Ländern, in denen ein Großteil des Gehalts für Nahrungsmittel ausgegeben wird, steigt dann auch die Inflation stark: So hat Vladimir Kolychev von der Société Générale für Russland ausgerechnet, dass „ein Anstieg der Getreidepreise um 20 bis 25 Prozent die Inflationsrate in den kommenden zwölf Monaten um 1 bis 1,5 Prozent erhöht“.

Die VP Bank rechnet damit, dass die Inflation in den Schwellenländern voll durchschlagen könnte, wenn die Agrarpreise auf dem höheren Niveau bleiben. Um die Inflation einzudämmen, müsste die Leitbank dann die Zinsen erhöhen, was der Wirtschaft in den Schwellenländern schaden könnte.

Das birgt neben den wirtschaftlichen Gefahren auch erheblichen sozialen Sprengstoff: „200 Millionen Menschen sind allein in einer der letzten Phasen hoher Agrarpreise im Jahr 2008 auf der ganzen Welt in die Armut gerutscht“, sagt Glauben. Auch die Proteste des Arabischen Frühlings waren in einigen Ländern zum Teil auf rasant steigende Grundnahrungsmittelpreise zurückzuführen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Wertpapiersuche
von
nach
Wichtige Wechselkurse
Name Wert Änderung
  Dollar --  --
  Franken --  --
  Yen --  --
  Pfund --  --
  Dollar in Yen --  --
  Dollar in Pfu… --  --
Wichtige Rohstoffe
Name Wert Änderung
  Gold --  --
  Silber --  --
  Rohöl Brent --  --
  Rohöl WTI --  --
Wechselkurse Asien
Name Wert Änderung
  China Yüan --  --
  Austral-Dollar --  --
  Korea Won --  --
  Hongkong-Doll… --  --
  Neuseeland-Do… --  --
  Thailand Baht --  --
  Singapur-Doll… --  --
Wechselkurse Osteuropa
Name Wert Änderung
  Rubel --  --
  Polen Zloty --  --
  Ungarn Forint --  --
  Tschechien Kr… --  --
Wechselkurse Sonstige
Name Wert Änderung
  Kanada Dollar --  --
  Mexiko Peso --  --
  Norwegen Krone --  --
  Schweden Krone --  --
  Südafrika Rand --  --