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Rohstoffe : Ölpreis steigt nach Angriffen auf IS-Lastwagen

Ein amerikanisches Kampfflugzeug startet auf einem Flugzeugträger. Bild: Reuters

Der Ölpreis steigt, nachdem Amerika Tanklaster des IS bombardiert hat. Doch es handelt sich vermutlich nur um einen psychologischen Effekt. Für starke Auswirkungen auf das Angebot sind die Mengen zu klein.

          Der Ölpreis ist am Montag und Dienstagvormittag entgegen seinem langläufigen Trend wahrnehmbar gestiegen: An den Finanzmärkten wurde das auch mit Nachrichten in Verbindung gebracht, denen zufolge die amerikanische Luftwaffe Lastwagen für den Öltransport des IS in größerem Umfang bombardiert hat. Auch die Tatsache, dass ein russisches Kampfflugzeug im syrisch-türkischen Grenzgebiet von der Türkei abgeschossen worden ist, wurde an den Märkten offenbar ganz grundsätzlich als beunruhigendes Signal für die weitere Entwicklung des Konflikts betrachtet. Der Preis der Nordseesorte Brent stieg bis zum frühen Dienstagnachmittag um mehr als 2 Prozent auf 45,80 Dollar je Fass (159 Liter), der Preis der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) legte um 1,4 Prozent auf 42,64 Dollar zu. Auch am Mittwoch knüpften die Ölpreise an ihren Anstieg vom Vortag an und stiegen weiter leicht. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Januar kostete am Morgen 46,47 Dollar. Das waren 35 Cent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte WTI stieg um 20 Cent auf 43,07 Dollar.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ölfachleute hielten die Aufregung an den Märkten gleichwohl für übertrieben. „Eigentlich spielen diese Nachrichten für den Ölpreis keine Rolle - lediglich psychologisch, weil die Spannungen die Risikowahrnehmung steigern“, sagte Eugen Weinberg, Ölfachmann der Commerzbank. Der Ölpreis hat sich seit Mitte 2014, mit allerhand Schwankungen, von mehr als 100 Dollar auf weniger als 50 Dollar halbiert, neue Nachrichten über den Konflikt in Syrien hatten ihn bislang (wenn überhaupt) nur kurzfristig etwas steigen lassen.

          Immerhin ging es diesmal bei den Nachrichten aus Washington direkt ums Öl und seinen Nachschub: Die amerikanische Luftwaffe hatte nach eigenen Angaben am Wochenende 283 Öltanklaster des IS bombardiert. Die Angriffe seien im Osten Syriens zwischen Hassaka und Deir Essor erfolgt, teilte das Pentagon mit. Damit setzt Washington offenkundig darauf, die Geldquellen des „Islamischen Staats“ einzuschränken. Ölschmuggel mit Lastwagen soll dabei nach Einschätzung von Terrorismusexperten eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

          In der vergangenen Woche hatten amerikanische Kampfflugzeuge den Angaben zufolge schon 116 Öltanklaster in den vom IS besetzten Gebieten angegriffen. Insgesamt wurde der Fuhrpark für solche Zwecke vor dem Bombardement auf rund 1000 Transportfahrzeuge geschätzt. Wenn das alles stimmt, was offenbar noch nicht als gesichert gelten kann, dann könnte rund ein Drittel der Tanklastzüge mittlerweile außer Gefecht gesetzt sein.

          In der Vergangenheit waren Luftangriffe auf Tanklastzüge im Krieg in Syrien sehr umstritten gewesen, und auch die Amerikaner hatten diese Ziele bewusst nicht ins Visier genommen, weil es dabei immer wieder eine große Zahl auch von zivilen Opfern geben kann. Zudem war zumindest unklar, ob es sich bei den Fahrern der Ölschmuggel-Transporte überhaupt um Angehörige oder Anhänger des IS handelt. Jetzt sollen über den Transporten angeblich zunächst Kampfflieger im Tiefflug Flugblätter abgeworfen haben, mit denen man die Lastwagenfahrer aufforderte, ihre Fahrzeuge zu verlassen, bevor das Bombardement begann.

          Ob diese Strategie des amerikanischen Verteidigungsministeriums tatsächlich so funktionierte, wurde nicht berichtet. Die neue Angriffs-Kampagne trägt den Namen „Tidal Wave II“ („Flutwelle II“). Mit dem Namen spielt das Pentagon auf das Vorgehen gegen Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges an. Im Jahre 1943 bombardierte die amerikanische Luftwaffe die durch das Deutsche Reich kontrollierten Ölförderanlagen auf dem Gebiet der rumänischen Stadt Ploiesti, dadurch wollten die Alliierten den Nachschub für kriegswichtigen Treibstoff unterbinden. Dabei hatten sie damals allerdings den Berichten zufolge erheblich mit der inzwischen installierten Flugabwehr der Deutschen zu kämpfen.

          Wie erfolgreich die Amerikaner bei den Versuchen, diese Geldquellen des IS auszuschalten, bislang tatsächlich gewesen sind, ist noch unklar. Heinrich Peters, der Ölfachmann der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) in Frankfurt, führte aus, für die weltweite Versorgung der übrigen Staaten mit Rohöl und damit für die längerfristige Entwicklung des Ölpreises seien diese Ölgeschäfte wegen ihrer dann doch relativ kleinen Mengen jedenfalls nicht entscheidend: „Die Mengen sind marginal“, sagte Peters.

          Genaue Angaben über die Geschäfte des IS gebe es nicht, nach Schätzungen verdiene die Organisation damit jedoch möglicherweise rund 50 Millionen Dollar im Monat. Daraus könne man gewisse Rückschlüsse auf die geförderte Menge ziehen. „Die werden dort unten nicht den Brent-Preis der Weltmärkte erzielen können“, sagte Peters. „Vielleicht kommen die dort auf etwa 20 Dollar je Barrel Rohöl.“ Daraus könne man dann vielleicht auf eine Menge von etwa 80 000 Barrel am Tag schließen - „wenn es hoch kommt“. Das sei dann, gemessen an einer globalen Förderung von Rohöl von rund 97 Millionen Barrel je Tag, eine „sehr überschaubare Menge“, sagte Peters. Natürlich seien die Summen, die der IS aus dem Ölhandel erziele, „für die ziemlich viel Geld“. Gemessen am derzeit global sehr hohen Rohölangebot, aber seien die Möglichkeiten des IS „überschaubar“. So soll nach Deutschland im Jahr 2011 überhaupt das letzte Mal Öl aus Syrien eingeführt worden sein - in den Jahren 2012 bis 2015 habe das Land für den Ölexport nach Deutschland keine Rolle mehr gespielt.

          Anders sähe es nach Einschätzung der Öl-Fachleute aus, wenn es dem IS gelänge, nach Süden zu den großen Ölfeldern des Irak, vorzustoßen. Die Fördermengen dort seien durchaus relevant für die Welt-Rohölförderung, sagte Peters: „Aber ich denke, das wird man zu verhindern wissen.“

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