09.03.2007 · Mit umgerechnet 816 Milliarden Euro ist der chinesische Devisenschatz der größte der Welt. Nun will das Land in seine wachsenden Reserven investieren. Helfen soll dabei nach dem Vorbild Singapur eine Anlagegesellschaft.
Von Christoph Hein, SingapurChina wird eine staatliche Investitionsgesellschaft gründen, um in die schnell wachsenden Währungsreserven des Landes zu investieren. Mit 1,07 Billionen Dollar (816 Milliarden Euro) Ende vergangenen Jahres ist der chinesische Devisenschatz der größte der Welt. Die neue Gesellschaft soll dem Modell von Temasek Holdings folgen, der überaus erfolgreichen Investitionsgesellschaft des südostasiatischen Stadtstaates Singapur. Das neue Unternehmen könnte einen Betrag von mindestens 300 Milliarden Dollar auf den Markt bringen.
Die Bedeutung des Vorhabens erschließt sich schon aus seiner Struktur: Die neue Investitionsgesellschaft soll direkt an den Staatsrat der Volksrepublik berichten. Damit wird ein Weg vorbei an der Zentralbank und dem Finanzministerium gewählt. Seit dem Jahr 2003 hat China dank seines von Rekord zu Rekord steigenden Handelsüberschusses Jahr für Jahr mehr als 200 Milliarden Dollar zusätzlich angehäuft. Dies entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung eines Landes von der Größe Portugals.
PBOC ist die ertragsreichste Bank der Welt
„Unsere Priorität ist Sicherheit. Unter dieser Prämisse werden wir versuchen, die Effizienz der Anlageverwaltung und die Rendite zu erhöhen“, sagte Finanzminister Jin Renqing am Freitag in Peking. Bankvertreter haben in den vergangenen Wochen darauf hingewiesen, dass Chinas Investitionspläne einen großen Einfluss auf die Märkte haben dürften. Derzeit verwaltet die State Administration of Foreign Exchange (Safe), ein Arm der Zentralbank People's Bank of China (PBOC), die Reserven. Offiziell ist nicht bekannt, in welcher Form Peking sie anlegt.
Weltweit aber gehen Fachleute davon aus, dass mehr als zwei Drittel des Gesamtbetrags in niedrig verzinsten amerikanischen Anleihen liegen. Analysten der Standard Chartered Bank haben jüngst berechnet, dass die PBOC die ertragsreichste Bank der Welt sei: Vor allem dank der Differenz zwischen den Zinseinnahmen aus amerikanischen Anleihen und der deutlich niedrigeren Verzinsung, die sie auf die Reserven der Geschäftsbanken zahlt, habe sie im vergangenen Jahr einen Überschuss von 29 Milliarden Dollar erzielt. Zum Vergleich: Citibank und Bank of America, die beiden profitabelsten Banken der Welt, kamen 2006 zusammen auf gut 21 Milliarden Dollar Gewinn.
China braucht 700 Milliarden Dollar als Reserven
Safe werde weiterhin denjenigen Teil der Reserven führen, den der Finanzminister - ohne eine Höhe zu nennen - als „normal“ einstuft. Der übrige Betrag werde von der neuen Institution angelegt werden. Hinter den Kulissen heißt es, China brauche etwa 600 bis 700 Milliarden Dollar als Reserven. Dies könnte der neuen Agentur rein rechnerisch bis zum Ende des Jahres einen Anlagespielraum von bis zu einer halben Billion Dollar verschaffen. Einen solchen Betrag könnten die Weltfinanzmärkte wohl kaum ohne sehr weitreichende Auswirkungen aufnehmen. Allerdings hat Chinas Regierung bislang bewiesen, dass sie mit aller Kraft versucht, Erschütterungen der Märkte zu verhindern. So erwarten Banker denn auch, dass die Volksrepublik sich Jahre Zeit nehmen werde, um den Betrag auf dem Weltmarkt unterzubringen.
Folgt Peking dem Modell Singapur, dürfte sich die Investitionsgesellschaft weltweit im Industrie- und Finanzsektor beteiligen. Dies könnte auf Jahre hinaus ein gutes Geschäft für die großen Investmentbanken werden. Auch ist zu erwarten, dass die chinesische Regierung Geld in den Rohstoffsektor pumpen wird. Unter dem Dach von Safe werde die bisherige Anlagegesellschaft der PBOC, Central Huijin Investment Co., neben der neuen Gesellschaft weiterhin Bestand haben und einen kleineren Teil der Reserven führen, heißt es.
Portfolio mit Marktwert von 64,2 Milliarden Euro
Unter Analysten herrscht Einigkeit, dass sich China am Vorbild Singapurs orientiere. Jin drückte es so aus: „Wir werden auf den erfolgreichen Erfahrungen anderer Länder aufbauen, zum Beispiel auf Temasek in Singapur.“ Dem Vernehmen nach haben die Chinesen auch Dubai International Capital LLC und die Qatar Investment Authority genau studiert, die sich ihrerseits allerdings wiederum an Temasek ausrichteten.
Hinter dem Namen verbirgt sich eine der erfolgreichsten Anlagegesellschaften der Erde. Sie legt die Überschüsse des reichen Kleinstaates weltweit an. Ende des vergangenen Geschäftsjahres (31. März) führte sie ein Portfolio mit einem Marktwert von 129 Milliarden Singapur-Dollar (64,2 Milliarden Euro), das im vergangenen Geschäftsjahr (31. März) eine Rendite von 24 Prozent brachte. In den vergangenen drei Dekaden erzielte Temasek im Jahresdurchschnitt eine Verzinsung von 18 Prozent.
Streuung der Anlagen über die Grenzen als Ziel
Ho Ching, die Ehefrau des Ministerpräsidenten von Singapur, wurde als Chefin der Gesellschaft eingesetzt, um Rendite und Auftritt zu verbessern. Temasek investiert in alle Anlageklassen. Vor einem Jahr waren 44 Prozent der Anlagen in Singapur investiert, vor allem in das Tafelsilber wie die Großkonzerne Singapore Airlines oder Singapore Telecom. Weitere 34 Prozent lagen in Asien ohne Japan. Mit 35 Prozent des Portfolios lag der Bärenanteil in der Finanzbranche, auch in den neuen chinesischen Banken.
Insgesamt 57 Prozent waren in Börsengesellschaften investiert. Hos erklärtes Ziel ist es, die Anlagen über die engen Grenzen des Stadtstaates hinaus zu streuen. Allerdings ist dies nicht einfach, da sich viele asiatische Staaten und Unternehmen dagegen verwahren, einen straff geführten Staatskonzern als Aktionär aufzunehmen.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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