24.09.2002 · Der brasilianische Präsidentschaftskandidat Lula steigt in der Wählergunst, und die Landeswährung erreicht ein Allzeittief. Eine Umschuldung droht.
Der brasilianische Real hat am Montag den tiefsten Stand seit Einführung der Währung im Jahr 1994 erreicht und könnte am Dienstag weiter fallen. Auch die Anleihen könnten am Dienstag schwächer tendieren.
Analysten sehen zwei Gründe für den Währungsverfall: die Verknappung der Dollarreserven und die Befürchtungen der Wirtschaft, der linksgerichtete Kandidat Luiz Inácio Lula da Silva könne im Oktober neuer Präsident werden. Die Märkte sorgen sich, dass Brasilien im Falle eines Wahlsieges Lulas seine Schulden nicht mehr pünktlich und vollständig bedient, obwohl der Kandidat es versprochen hat.
Neuesten Umfragen zufloge steigt Lula im Ansehen der Wählern: 44 Prozent gaben an, ihn wählen zu wollen, vier Prozentpunkte mehr als zuvor. Damit nehmgen Lulas Chancen zu, schon den ersten Wahlgang für sich zu entscheiden. Regierungskandidat José Serra hingegen verlor sechs Prozentpunkte auf 19 Prozent.
Ein Drittel Verlust im laufenden Jahr
Lula führt seit langem in den Umfragen, und genauso lange stehen die Märkte Brasiliens unter Druck. Börse, Währung und Anleihen haben im laufenden Jahr rund ein Drittel ihres Werts eingebüßt. Je näher der Wahltermin rückt, desto stärker werden die Belastungen. Am Montag sackte der Real um 17 Centavo oder 4,8 Prozent auf einen Stand von 3,57 Real pro US-Dollar.
„Die Anleger wissen weder, was Lula plant, noch welche Leute mit ihm zusammenarbeiten werden“, sagte Joao Medeiros, Händler in Sao Paulo. „Im Zweifel halten die Leute lieber Dollars in Händen.“ Niemand wolle Dollars verkaufen. Die Nachfrage nach der US-Währung hingegen sei konstant hoch, denn die Unternehmen müssten Zulieferer bezahlen und Schulden bedienen.
Anleihen niedriger als vor Hilfszusage des IWF
Zugleich ging der Börsenindex Bovespa in Sao Paulo um 3,35 Prozent zurück. „Die Anleger preisen die höhere Wahrscheinlichkeit eines Wahlsieges von Lula ein und auch, dass die Aktien im Ausland kontinuierlich an Wert verlieren“, sagte Pedro Thomazoni, Aktienhändler in Sao Paulo. „Sie verkaufen Aktien von in Dollar verschuldeten Unternehmen und kaufen die Titel solcher Firmen, die Erlöse in Dollars erzielen, wie Vale und Aracruz.“ Die Anteilsscheine der beiden genannten Unternehmen gewannen gegen den Markttrend. Vale do Rio Doce, der weltgrößte Exporteur von Eisenerz, stiegen 3,8 Prozent auf 81 Real. Aracruz Celulose, der größte Faserstoffexporteur Lateinamerikas, gewannen zwei Prozent auf 5,5 Real.
Wie Währung und Börsenindex fielen auch neun der elf am meisten gehandelten Staatsanleihen. Der Kurs der als Maßstab genutzten achtprozentigen, im Jahr 2014 fälligen Papiere gab um 2,94 Punkte auf 51,05 Prozent nach. Das entspricht dem höchsten Tagesverlust seit dem 5. August. Die Rendite stieg auf 24,66 Prozent. Mittlerweile notieren die brasilianischen Rentenpapiere niedriger als vor der Zusage des 30-Milliarden-Hilfspakets des IWF.
Unhaltbare Überschuldung
Der Fall von Währung und Anleihen macht den brasilianischen Schuldendienst teurer. In den vergangenen acht Jahren hat der aktuelle Präsident Fernando Henrique Cardoso Haushaltsdefizite mit Krediten finanziert, Schulden von Staatsunternehmen übernommen und die Zinsen hoch gehalten, um die Währung zu stärken. Dadurch hat sich die Schuldenlast Brasiliens verdreifacht.
Mittlerweile ist der brasilianische Staat mit 1,1Billionen Real verschuldet, umgerechnet 339 Milliarden Dollar. Davon sind vier Fünftel an den Dollar oder die aktuellen Zinssätze gekoppelt. „Die hohen Zinssätze für Staats- und Unternehmensschulden könnten unabhängig vom Wahlergebnis eine Umschuldung erzwingen“, sagte Mead Welles, Fondsmanager bei Octagon Asset Management in New York. „Wer immer die Wahl für sich entscheidet, wird angesichts der hohen Zinsen sehr wenig Spielraum haben. Eine Neuordnung der Schulden könnte die Alternative sein.“
Schaden für die Region droht
Kann Brasilien seine Schulden nicht mehr pünktlich zurückzahlen, wäre der Ausfall vier Mal so groß wie in Argentinien im vergangenen Dezember. Das könnte ganz Lateinamerika in Mitleidenschaft ziehen. „Die Anleger würden aus der Region flüchten“, sagt Jana Butland, Währungsstrategin bei FleetBoston. „Die Konsequenzen wären härter als nach dem Konkurs Argentiniens im vergangenen Jahr.“
Schon jetzt fließt immer weniger Kapital nach Lateinamerika, und die Währungen der Region schwächeln. Der Peso Kolumbiens ist am Montag um 0,7 Prozent auf 2.801,6 Pesos je Dollar gesunken, der peruanische Sol hat um 0,1 Prozent auf 3.622 Soles je Dollar nachgegeben. Der argentinische Peso notierte ebenfalls 0,1 Prozent tiefer bei 3.665 Pesos je Dollar, und der chilenische Peso sank um 1,1 Prozent auf 747,75 Pesos je Dollar. „Das zeigt, wie nervös die Märkte sind“, kommentierte Butland. Der mexikanische Peso fiel auf seinen tiefsten Stand seit dreieinhalb Jahren, obwohl Mexiko aufgrund seiner engen Verbindungen zu den USA als vergleichsweise stabil gilt. Um den Währungsverfall zu stoppen, will die mexikanische Zentralbank jetzt die Zinsen erhöhen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.723,00 $ | +0,58 % |
| Silber | 33,48 $ | +0,90 % |
| Platin | 1.637,00 $ | +1,55 % |
| Palladium | 695,00 $ | +2,36 % |
| Rohöl Brent Crude | 119,95 $ | −0,08 % |
| Gas | 0,57 £ | −1,39 % |
| Kaffee | 2,00 $ | +0,03 % |
| Zucker | 0,25 $ | +0,53 % |
| Orangensaft | 1,88 $ | +1,79 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.848,03 | +1,42% |
| FAZ-INDEX | 1.526,72 | +1,43% |
| TecDAX | 778,36 | +0,73% |
| MDAX | 10.441,40 | +1,41% |
| SDAX | 5.048,27 | +1,17% |
| REX | 422,26 | −0,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.520,31 | +1,24% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,56 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.949,90 | +0,35% |
| Nasdaq 100 | 2.584,24 | −0,31% |
| S&P500 | 1.361,23 | +0,23% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3138 | +0,07% |
| Rohöl Brent Crude | 119,95 $ | −0,08% |
| Gold | 1.723,00 $ | +0,58% |
| Bund Future | 138,50 € | −0,16% |