13.05.2006 · Die internationalen Finanzmärkte sind in jüngster Zeit unruhig geworden, der Dollar fällt. Jim O'Neill denkt als Head of Global Economic Research von Goldman Sachs, die Märkte testen die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Zentralbank.
Es gibt in jüngster Zeit wieder eine gewisse Unruhe an den internationalen Finanzmärkten. Insbesondere der Dollar scheint seine Attraktivität zu verlieren. Gerade in der vergangenen Tagen geriet er sowohl gegen den Euro, vor allem aber gegen den Yen deutlich unter Druck.
FAZ.NET unterhielt sich mit Jim O'Neill von Goldman Sachs über die jüngste Entwicklung. Als Head of Global Economic Research und früherer “Devisenguru“ beim damaligen Schweizerischen Bankverein weiß er, wovon er spricht.
Nach einer ausgeprägten Phase guter Stimmung scheinen die Märkte nervöser zu werden. Das zeigt sich daran, daß der Dollar fällt und die Rohstoffpreise durch die Decke gehen. Was geht vor sich?
Ich denke, es gibt im Moment zwei Dinge, die die Märkte im Moment etwas stören. Erstens ist das Wachstum in vielen Teilen der Welt so stark, daß sich die Marktteilnehmer zunehmenden Sorgen über mögliche Zweitrundeneffekte als Folge der steigenden Rohstoffpreise machen. Zweitens macht sich im Markt meiner Meinung nach ein „Bernanke-Faktor“ bemerkbar.
Was ist das und wie zeigt er sich?
Angesichts der jüngsten Äußerungen der amerikanischen Zentralbank nach der Sitzung des zinssetzenden FOMC-Gremiums und einer danach lancierten Modifikation scheint sich die Ansicht herauszukristallisieren, daß die Zentralbank zu „lasch“ sein könnte. Das ist eine kritische Entwicklung. Da Ben Bernanke seinen Job als Gouverneur des Federal Reserve Systems erst so kurze Zeit innehat, scheint der Markt ihn testen zu wollen.
Was heißt das, was erwartet der Markt letztendlich?
… ohne zunächst darauf einzugehen haben wir neben den genannten Faktoren in den vergangenen Wochen dieses sehr klare G7-und IWF-Statement gesehen, welches das amerikanische Leistungsbilanzdefizit ausdrücklich als Problem herausgestellt hat. Aus diesen Gründen fühlen sich die Börsianer, die Rentenmärkte und nun auch der Devisenmarkt etwas verstört. Auf dieser Basis sind die Chancen für eine Dollarerholung abgesehen von einer kurzen Phase gering und die entscheidende Frage ist, wie stark sich die Dollarschwäche auch bei den asiatischen Währungen zeigen wird.
Wovon hängt das ab?
Wir warten auf China und darauf, daß die Währung des Landes die Marke von acht Yuan je Dollar überwinden wird - und nichts passiert. Aber die bestehenden Erwartungen werden nur aufgeschoben, da eine Aufwertung so offensichtlich zu sein scheint. Vor diesem Hintergrund dürfte eine Erholung des Dollar nur eine geringe Chance haben.
Wo werden Euro-Dollar und Dollar-Yen ihrer Meinung nach hinlaufen?
Wir haben schon seit längerem ziemlich aggressive Prognosen, die viele Marktteilnehmer noch bis vor zwei Wochen für verrückt gehalten haben. Wir gehen schon einige Zeit davon aus, daß der Dollar unter die Marke von 100 Yen fallen wird - und nun sieht es aus, als ob es so kommen würde. Die Prognose gegen den Euro ist etwas trickreicher. Denn über der Marke von 1,30 Dollar scheint die Europäische Zentralbank nicht sonderlich glücklich zu sein und auf der anderen Seite scheint es im Markt schon viele Euro-Long-Positionen zu geben. So mag der Euro unter Umständen bis knapp vor 1,40 Dollar laufen. Ich bin davon aber nicht so stark überzeugt wie von einer anstehenden Abwertung des Greenbacks gegen andere Währungen.
Fürchten Sie nicht, die japanische Administration werden wieder gegen eine Aufwertung intervenieren?
Ich glaube nicht, daß Japan intervenieren kann! Im gegenwärtigen G7-Umfeld ohne China und mit Blick auf die Aggressivität des amerikanischen Schatzamtes dürften Interventionen weitgehend ausgeschlossen sein, selbst wenn sie die Absicht hätten.
Wer sollte Japan daran hindern?
Das amerikanische Schatzamt. Sollte es sich dementsprechend öffentlich äußern, würde der Markt japanische Politiker ignorieren.
… und der Yen wird all' die anderen asiatischen Währungen mit aufwerten lassen?
Ja. Angefangen vom koreanischen Won, über den Thai-Baht, den Taiwan- und den Singapur-Dollar - der gesamte Korb asiatischer Währungen sieht für mich attraktiv aus.
Sie sprachen zu Beginn vom Wachstum. Ist das real oder nur eine monetäre Illusion?
Als Architekt des Brics-Konzepts denke ich, die Entwicklung dieser Staaten ist sehr positiv für den Rest der Welt. Denn das Wachstum in diesen Staaten ist weiterhin sehr stark und sorgt für Produktivitätsfortschritte in vielen anderen Ländern und führt dort ebenfalls zu positiven Impulsen. So bleibt der Wachstumsausblick sehr ermutigend, der beste seit sehr, sehr langer Zeit.
Ist denn die gegenwärtige Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten nachhaltig und nachfragegetrieben oder ist sie nicht vielmehr spekulativ?
Ich denke die Nachfrage ist da. Denn die Weltwirtschaft ist so stark und Staaten wie Brasilien oder China benötigen für ihre Entwicklung viele Rohstoffe. Abgesehen davon scheint es jedoch in jüngster Zeit gewisse spekulative Anzeichen zu geben, denn die Preise dürften in manchen Bereichen etwas lächerlich geworden sein.
Die Preise von Aktien, Rohstoffen und anderen Vermögenswerten sind in den vergangenen Monaten gleichzeitig gestiegen. Ist das normal?
Nicht, wenn man die vergangenen Dekaden als Vergleich nimmt. Aber wir leben in einer außerordentlichen wirtschaftlichen Zeit. Wir haben eine sehr geringe Inflationsrate weltweit und gleichzeitig sehr starkes Wachstum. Aus diesem Grund scheint es ziemlich logisch zu sein, daß sich die Finanzmärkte so gut entwickeln.
Müssen sich die hohen Rohstoffpreise nicht in den angesprochenen Zweitrundeneffekten niederschlagen?
Ich denke nicht, wenn sie sich auf dem erreichten Niveau stabilisieren. Anders sähe es jedoch aus, wenn sie weiter steigen würden. Genau darüber scheinen sich die Märkte in jüngster Zeit zunehmend Sorgen zu machen.
Viele blicken skeptisch auf China. Halten Sie das dortige Wachstum für nachhaltig?
Ja, es ist sehr nachhaltig, da die Entwicklung zum Teil von der Regierung kontrolliert und gesteuert wird.
… aber die Unternehmen haben doch viele Probleme mit Schulden und dort scheint es große industrielle Überkapazitäten zu geben …
Ich sehe das anders. China hat mehr Währungsreserven als Schulden. Aber es gibt eine gewisse Misallokation von Geldern und das Bankensystem muß saniert werden. Generell gesprochen kann ich auch keine industriellen Überkapazitäten erkennen.
Sie scheinen von einer neuen Ära zu sprechen. Immer wenn ich so etwas höre, werde ich vorsichtig. Denn die Vergangenheit hat solche Prognosen immer wieder widerlegt.
Ich kann verstehen, daß es verrückt klingen muß. Aber ich tue meinen Job in diesem Bereich nun schon seit 25 Jahren und ich kann mich nicht erinnern, daß sich die Welt jemals so rasant verändert hätte. Auf der anderen Seite mag ich es, wenn die Leute auf solche Aussagen skeptisch reagieren. Denn so werden sie nicht übermütig, obwohl es so gut aussieht. Ich komme gerade einer Konferenz mit Anlagestrategen in Wien - und sie sind sehr, sehr vorsichtig.
Auf der anderen Seite haben wir die amerikanischen Ungleichgewichte. Beziehen wir sie in die Gleichung ein, wie läßt sie sich lösen?
Das können wir gerade sehen: Nachlassender Konsum in Amerika, eine stärkere Binnennachfrage im Rest der Welt und ein schwächerer Dollar. Das ist auch der Grund dafür, daß ich so optimistisch bin, denn ein nachgebender Dollar ist eine gute Nachricht.
Wie würden Sie sich momentan als Anleger positionieren?
Ich würde ausgeprägte Positionen in asiatischen Währungen und gleichzeitig Aktien von Unternehmen in den BRIC-Ländern - das sind Brasilien, Rußland, Indien und China - halten. Dagegen könnte man amerikanische Wertpapiere verkaufen.
Welche Risiken würden sie ausmachen?
Es gibt ein gewisses Risiko mit Blick auf die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Zentralbank. Sie könnte den Vertrauensbonus und die damit verbundenen Annehmlichkeiten verspielen. Auch die Rohstoffpreise könnten problematisch werden, wenn sie weiter steigen sollten. Das größte Einzelrisiko ist in meinen Augen jedoch möglicher Protektionismus.
Abgesehen von geopolitischen Risiken?
Ja. Was zwischen den Vereinigten Staaten und Iran abläuft ist besorgniserregend. Ich denke, es wäre vernünftiger und konstruktiver, wenn Iran Anreize erhielte, sich in die Weltwirtschaft zu integrieren.
Was ist mit Südamerika und den „antikapitalistischen Strömungen“ dort?
Das muß man näher beobachten. Sollten sie in Zusammenhang mit den anstehenden Wahlen in Brasilien zu einem Thema werden, könnte es kritisch werden.
Solche Dinge könnten ihren Optimismus erschüttern?
Ja.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |