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Interview "Der Dollar steht vor einem Kursrutsch"

21.05.2002 ·  Wenn die Anleger den Dollar aufgeben, beginnt er einen langfristigen Abwärtstrend, sagt Jim O'Neill von Goldman Sachs.

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Es gibt eine gewisse Unruhe an den internationalen Währungsmärkten. Insbesondere der Dollar scheint seine Attraktivität zu verlieren. Gerade in der vergangenen Woche kam er sowohl gegen den Euro, vor allem aber gegen den Yen noch einmal unter Druck.

FAZ.NET unterhielt sich mit Jim O'Neill von Goldman Sachs darüber, wie er die Lage sieht. Als Head of Global Economic Research und früherer “Devisenguru“ beim damaligen Schweizerischen Bankverein weiß er, wovon er spricht.

Wie würden Sie die Lage am Devisenmarkt aktuell beschreiben?

Ziemlich kritisch. Auf der einen Seite sieht es danach aus, als ob der Dollar eine signifikante Bewegung nach unten machen könnte. Aber es könnte auch sein, dass es wieder eine dieser „Falschmeldungen“ ist. Ich bin so unsicher wie selten, in welche Richtung es gehen wird.

Welche Argumente gibt es dafür?

Das stärkste Argument ist für mich die negative Handelsbilanz mit mehr als 30 Milliarden Dollar. Das sind vier Prozent des Sozialproduktes. Es könnte leicht sogar auf fünf Prozent steigen. Daneben basiert die Wirtschaftserholung in den USA primär auf tiefen Zinsen und den Staatsausgaben. Darüber dürften ausländische Anleger nicht so glücklich sein.

Es ist also wirklich eine Dollarschwäche und keine Eurostärke?

Garantiert nicht, denn der Dollar wird gegen viele Währungen schwächer. Der Euro ist dabei sicher nicht die stärkste Währung. Das sind der Schweizer Franken, der kanadische Dollar, der Neuseeland-Dollar und effektiv der Yen.

Wird der Yen weiter zulegen gegen den Dollar?

Das ist einer der Gründe, wieso ich über die weitere Entwicklung so unentschlossen bin. Die japanischen Behörden würden versuchen, das zu stoppen. Sie haben absolut kein Interesse daran, dass der Yen gegen den Dollar die Marke von 125 unterschreitet.

Sie scheinen den Euro ziemlich skeptisch zu betrachten.

Kurzfristig ja. Denn in Europa gibt es einiges, was mir Sorgen bereitet.

Zum Beispiel?

Das ist die Entwicklung der europäischen Wirtschaft. Vor allem die deutsche Wirtschaft stolpert vor sich hin und scheint sich den modernen Herausforderungen nicht zu stellen.

Welche sind das denn in ihren Augen?

Mit einer alternden Bevölkerung und trotz hoher Arbeitslosigkeit muss Deutschland einen geeigneten Weg finden, um mehr qualifizierte Arbeitskräfte ins Land zu bringen. Daneben ist dringend mehr Wettbewerb auf dem Arbeits- und auf vielen Gütermärkten notwendig. Es gibt zwar global gesehen eine starke Nachfrage nach deutschen Produkten. Aber die deutschen Unternehmen stellen diese zunehmend im Ausland her. Auch wenn der Metall-Abschluss „als gut“ verkauft wurde - wirklich gut war er nicht! Alles, was über der Wachstumsrate des Sozialproduktes liegt, ist schlecht.

Als Argument wird die Produktivität angeführt ...

... und das kann mich nicht beeindrucken, denn die wird immer schwächer. Wenn man sich den Euro gegen den Dollar anschaut, dann müsste Deutschland unglaublich kompetitiv sein und die Wirtschaft müsste wirklich brummen. Aber das tut sie nicht.

Die ganze politische Situation in Europa bereitet Sorgen, wenn ich nur an die Wahlergebnisse in den Niederlanden und Frankreich denke. Dazu kommt das engstirnige Denken um den Stabilitätspakt.

Würden Sie den Stabilitätspakt abschaffen?

Nein. Aber man müsste ihn flexibler machen. Die „Drei-Prozent-Grenze“ für die Verschuldung berücksichtig den Konjunkturzyklus nicht und unterscheidet nicht zwischen Konsum und Investitionen. Die Welt bräuchte ein europäisches Paket zur Wirtschaftsstimulierung, vor allem Steuersenkungen. Japan kommt nicht aus dem Gröbsten heraus, die USA können den Konsum nicht ewig auf dem hohen Niveau halten - Europa müsste etwas tun. Der Stabilitätspakt ist dafür aber zu rigide.

Besteht die Gefahr, dass die Währungsunion noch einmal auseinander bricht?

In den kommenden zehn Jahren nicht. Vielleicht in 20 Jahren, wenn die Politiker die anstehenden Probleme nicht lösen. Aber ich bin optimistisch. Denn Großbritannien wird innerhalb der kommenden fünf Jahre beitreten und das wird frischen Wind bringen.

Bei welchem Kurs?

Viele Leute denken, auf dem aktuellen Niveau. Ich denke aber bei etwa 70 Pence je Euro. Denn die englische Wirtschaft ist momentan nicht wettbewerbsfähig genug.

Was geht in den anderen Währungen wie dem Schweizer Franken, der dänischen, schwedischen und norwegischen Krone beispielsweise?

Ich denke, Schweden wird im kommenden Jahr für den Euro stimmen. Die Dänen werden sich dem anschließen. In zehn Jahren könnten sich weitere 15 Länder für den Euro entschlossen haben. Die Schweiz und Norwegen werden die letzten sein, aber sie werden es kaum vermeiden können.

Wie sieht es aus, mit der EU-Osterweiterung. Ist die machbar?

Im Prinzip ja. Aber es müsste flexibler vorgegangen werden. ERM II ist für viele dieser Staaten nicht geeignet und unangebracht. Entweder müssen die Länder später beitreten oder die EZB muss zulassen, dass sie nicht alle Kriterien erfüllen. Wichtiger noch - die EZB müsste zum Fed-Modell mit rotierenden Ländervertretern übergehen. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien als permanente Vertreter, die kleinen Länder sollten rotieren.

Würde das zu einer anderen Geldpolitik führen?

Die Entscheidungen würden klarer werden. Die EZB muss aufhören, Kompromisse zu schließen. Die führen in der Regel zu den schlechtesten Lösungen. Sie muss dazu übergehen, rationale, ökonomisch logische Entscheidungen zu fällen.

Die USA konnten ihr Handelsdefizit bisher vor allem auf Grund ihrer hohen Produktivität finanzieren?

Ja, die relative Produktivität ist höher in den Staaten. Nichts desto trotz ist der Dollar überbewertet. Der „faire Wert“ liegt bei 1,15 Dollar je Euro. Auch wenn der US-Finanzminister immer behauptet, die Handelsbilanz spiele keine Rolle - ich bin seit 20 Jahren in diesem Geschäft - und sie zählt immer, früher oder später.

Also - wo gehen wir hin von hier, der Euro-Dollar ist jetzt bei 91,80?

Wenn wir kurzfristig die 92 signifikant überschreiten und der Yen die 125 unterschreitet, dann heißt das für mich, die Anleger haben den Dollar aufgegeben und wir beginnen den langfristigen Abwärtstrend. Dann könnten wir unter Umständen einen heftigen Kursrutsch sehen. Wenn der Euro allerdings unter die 91 fällt, dürften wir wieder spekulative Dollarkäufe sehen. Unsere aktuelle Prognose lautet: 91 Cents in drei Monaten, 91 in sechs Monaten und 1,03 Dollar in einem Jahr.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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