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Internationaler Finanzmarkt Der Fluch des schwachen Dollar

08.06.2008 ·  Europäische Aktien sind stark eingebrochen. Grund sind schlechte Arbeitsmarktzahlen in den Vereinigten Staaten. Dies hat einen Automatismus ausgelöst, nach dem Rohstoffpreise nach oben gehen, wenn die amerikanische Währung an Wert verliert.

Von Bettina Schulz, London
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Die Vorgaben für den Handel an den Weltfinanzmärkten lassen einen extrem schwankungsanfälligen Start in die neue Woche erwarten. Im späten Freitagshandel rauschten die Aktienkurse nach einem schon schwachen Tagesverlauf in New York kräftig in die Tiefe. Der Dow-Jones-Aktienindex fiel um 3,1 Prozent - das sind fast 400 Punkte. Auch der marktbreite Aktienindex Standard & Poor's 500 verlor 3,1 Prozent. Alle bedeutenden Indizes an den Weltbörsen waren zum Wochenausklang auf dem Rückzug - in Europa war das Ausmaß wegen der Zeitverschiebung nur noch nicht so hoch wie an der Wall Street. Trotzdem sind europäische Aktien im Wochenverlauf so stark eingebrochen wie seit vier Monaten nicht mehr.

Auslöser waren in den Vereinigten Staaten erschreckend schlechte Arbeitsmarktzahlen. Danach war die Arbeitslosenquote von April auf Mai von 5 auf 5,5 Prozent gesprungen - der höchste Prozentanstieg seit 1986. Gleichzeitig enttäuschten die deutlich höheren Lohnstundensätze. Dieser Schreck am Arbeitsmarkt verpasste der Erwartung einen Dämpfer, die amerikanische Notenbank Federal Reserve könnte möglicherweise auf ihrer Oktober-Sitzung mit einer ersten Zinserhöhung den nächsten Zinszyklus einläuten. Diese veränderte Sichtweise ließ wiederum den Wechselkurs des Dollar auf 1,575 Dollar für einen Euro einbrechen. Und sofort setzte der derzeitige Automatismus ein, nach dem ein sinkender Wechselkurs des Dollar zu entsprechend höheren Notierungen an den Rohstoffmärkten und dabei vor allem am Ölmarkt führt.

Preisexplosion am Ölmarkt

Der Ölpreis für Lieferungen im Juli der Sorte WTI explodierte an der New Yorker Mercantile Exchange um 8,3 Prozent auf einen Rekord von 138,54 Dollar je Barrel (159 Liter) zum Handelsschluss, nachdem er im Verlauf auf fast 140 Dollar geklettert war. Damit ist der Ölpreis innerhalb von zwei Tagen von 122 auf mehr als 138 Dollar explodiert. Einen solchen Preissprung hat es am Ölmarkt noch nie gegeben. An den Aktienmärkten riss er vor allem die Titel von Automobilkonzernen, Fluggesellschaften und Reifenherstellern in die Tiefe.

Die ausgeprägte Bewegung am Ölmarkt wurde zudem angefeuert von einer Bemerkung des israelischen Transportministers Shaul Mofaz, der gegenüber der Tageszeitung Yediot Ahronot sagte, Israel werde den Iran angreifen müssen, wenn das Land sein Atomprogramm nicht stoppe. So unrealistisch diese Äußerung ist, weil Israel dies nie allein entscheiden und durchführen sowie vor allem nicht vorher in Tageszeitungen ankündigen würde, so sehr wurde der „Iran-Faktor“ wieder am Ölmarkt beachtet.

Angst vor Rezession ist nicht vom Tisch

Letztlich sind es jetzt aber auch technische Marktfaktoren, die den Ölpreis antreiben: Je höher der Ölpreis steigt, desto mehr müssen Marktteilnehmer und Spekulanten ihre Leerverkäufe stornieren, was den Preisauftrieb verstärkt. Gleichzeitig müssen sich Banken mit Ölkäufen absichern, da sie Marktteilnehmern praktisch eine Entschädigung bei einem Ölpreis von mehr als 140 Dollar je Barrel zugesichert haben. Auch dies treibt den Ölpreis in die Höhe, denn es löst neue Absicherungsgeschäfte aus, die den Marktpreis weiter antreiben. Die Investmentbank Morgan Stanley warnte am Freitag, ein Ölpreis von 150 Dollar je Barrel könnte schon Anfang Juli erreicht werden. Marktteilnehmer wie Lehman Brothers unkten, höchstwahrscheinlich sei das auch schon in dieser Woche der Fall.

Die Marktbeobachter wissen derzeit nicht, wie sie die künftige Entwicklung zu deuten haben, und schwanken zwischen zwei Szenarien. Im ersten Szenario brauen sich immer noch die Wolken der Kreditkrise zusammen, wie Anfang vergangener Woche zu beobachten war, als Investmentbanken die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley zwangen, die Konditionen ihrer Kapitalerhöhung nach unten anzupassen und die kräftige Kapitalbeteiligung von Texas Pacific zu akzeptieren. Das Geschehen machte deutlich, dass die Schwierigkeiten der Banken nicht überstanden sind. Mit Blick auf eine wackelige Quartalsberichtssaison ab Juli gingen die Bankaktien wieder auf Talfahrt. Die entsprechenden Branchenindizes sind mittlerweile wieder auf dem Tiefstand vom März angekommen. Damit ist der Großteil der Kursgewinne, die viele Bankaktien seit der Rettung von Bear Stearns durch JP Morgan und der Zinssenkung der Federal Reserve verbuchten, wieder verflogen. Die Angst einer von der Kreditkrise ausgelösten Rezession ist daher nicht vom Tisch.

Die Welt fürchtet sich vor einer Stagflation

Im zweiten Szenario geht die Furcht um, eine ausufernde Inflation könnte die Notenbanken zu Zinserhöhungen veranlassen, die ihrerseits letztlich die ohnehin geschwächte Konjunktur weiter belasten. Wie ernst die Notenbanken die Inflationsgefahren nehmen, zeigte sich vergangene Woche, als der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, ungewöhnlich deutlich eine Leitzinserhöhung am 3. Juli von derzeit 4 auf 4,25 Prozent in Aussicht stellte. Am vergangenen Donnerstag hatte die EZB den Zins zunächst noch bei 4 Prozent belassen. Mittlerweile hat sich die Zinsstrukturkurve allerdings das erste Mal seit zwei Jahren in eine inverse Struktur gedreht, bei der die zinssensitive Rendite zweijähriger Papiere mit 4,65 Prozent über der Jahresrendite der zehnjährigen Anleihen von 4,43 Prozent liegt - das Signal für ein zunächst höheres, langfristig aber wieder niedriger erwartetes Zinsniveaus. Die Inflationsrate im Euro-Raum ist im Mai von 3,3 auf 3,6 Prozent gestiegen.

Das Paradoxe an der Situation ist freilich, dass die Erwartung einer Zinserhöhung der EZB sofort zu einer Stärke des Euro-Wechselkurses und damit einer Schwäche des Dollar führt, die ihrerseits wieder die Rohstoffnotierungen und den Ölpreis nach oben zieht. Dies wiederum kreiert dann noch größere Inflationssorgen, die die Notenbanken wiederum mit ihrer Zinspolitik berücksichtigen müssen. Die Gefahr ist, dass die Situation in einen Teufelskreislauf schlittert: Die Welt fürchtet sich vor einer Stagflation, vor einer Zeit wirtschaftlicher Stagnation mit gleichzeitig hoher Inflation.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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